Israelische Soldaten patrouillieren auf dem Golan an der syrischen Grenze. | Bildquelle: AP

Israels Blick nach Syrien Sehnsucht nach Ruhe an der Grenze

Stand: 24.02.2016 20:42 Uhr

In Israel glaubt niemand ernsthaft an eine Feuerpause in Syrien. Doch während das offizielle Israel mehr oder weniger offen die gemäßigten syrischen Rebellen unterstützt, sehnen sich die Israelis auf dem Golan einfach nur nach Ruhe und Stabilität.

Eine Reportage von Torsten Teichmann, ARD-Studio Tel Aviv

Yossi hat gelernt, genau hinzuhören. Er verfolgt den Krieg in Syrien seit beinahe fünf Jahren von seinem Kibbutz aus. Sein Haus steht auf den von Israel kontrollierten Golan-Höhen. Die Waffenstillstandslinie zu Syrien ist keine drei Kilometer entfernt. "Schüsse hören wir hier dauernd", erzählt er. "Auch die Bombardierungen durch russische Flugzeuge. Und die machen ja auch manchmal Fehler. Sie überqueren die Grenzlinie und drehen wieder um. Aber im Großen und Ganzen sind wir sehr entspannt und haben keine Befürchtungen."

Und dann räumt der Familienvater doch ein, dass er begonnen habe, in der Nacht Rollos an den Fenstern zu schließen und Türen zu verriegeln. Das dumpfe Gefühl, die Unsicherheit, wird wohl noch eine Weile bleiben.

Israel hält sich raus - offiziell

Denn in Israel glaubt derzeit niemand, dass die angekündigte Waffenruhe für Syrien ein Erfolg wird. So versucht Verteidigungsminister Moshe Yaalon erst gar nicht, seine Skepsis zu kaschieren. Die Zustände in Syrien seien zu chaotisch, erläutert der Minister: "Es fällt mir schwer, in dieser Lage an eine stabile Waffenruhe zu glauben, an die sich alle Seiten halten. Der IS ist nicht beteiligt, al-Nusra auch nicht. Und die Russen sagen - solange die aktiv sind, werden wir sie angreifen. Ob die eine oder andere Gruppe der Opposition auf der lokalen Ebene einer Waffenruhe zustimmt, ist nur eine Seite. Eine allgemeine Waffenruhe sehe ich jedoch nicht am Horizont."

Israel mische sich nicht in die Konflikte in der Region ein, fügte Yaalon hinzu. Die Armee hat seit Beginn die Aufgabe, ein Übergreifen der Kämpfe auf von Israel kontrolliertes Gebiet zu verhindern. Und Israel setzt auf Abschottung, um sich vor syrischen Flüchtlingen zu schützen.

Aber auch das wird immer schwieriger: Auf dem Golan, jenseits der Waffenstillstandslinie, in der Nähe des Hügels Hader haben syrische Flüchtlinge jetzt Zelte bezogen. Mitten in der Pufferzone zwischen den von Israel kontrolliertem Golanhöhen und Syrien. Es sind einzelne große weiße Zelte, wie man sie von Bildern aus Flüchtlingslagern kennt. Wäsche hängt davor. Eine Satellitenschüssel ist an einem Zelt zu erkennen. Die Familien haben auch Tiere.

Syrische Flüchtlinge auf dem Golan. | Bildquelle: dpa
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Syrische Flüchtlinge auf dem Golan.

Schutzzone an der Grenze?

Kamal al Labwani, ein Vertreter der syrischen Opposition, bemüht sich in Israel um Zustimmung für eine Sicherheitszone für Zivilisten in dem Gebiet: "Europa und Deutschland wollen doch nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen", sagt er. "Statt nach Europa zu fliehen, sollten sich die Menschen an der Grenze zu Israel ansiedeln dürfen. Dort ist es sicher. Israel sollte das unterstützen. Israel hat Interesse an friedlichen Nachbarn, statt Hisbollah oder anderen Gruppen, die Israel angreifen könnten."

Sichere Grenzen im Gegenzug für humanitäre Hilfe - eine bereits bekannte Formel aus diesem Krieg. Eine offizielle Antwort der israelischen Regierung bleibt jedoch bislang aus.

Aber die Tatsache, dass Israel den syrischen Oppositionspolitiker einreisen lässt und dass Labwani in Jerusalem eine Pressekonferenz geben kann, das sind deutliche Hinweise, auf wen die Regierung von Benjamin Netanyahu setzt: auf die gemäßigten Rebellen und nicht auf das Assad-Regime.

Sympathie für Assad

Einige Bewohner auf dem Golan halten das für falsch. Fayha zum Beispiel aus dem Dorf Majdal Shams wünscht sich eine Rückkehr des syrischen Machthabers Assad. Und sie hofft auf ein Ende des Krieges. Über das Eingreifen des russischen Militärs in den Konflikt freut sie sich. "Jetzt wird bald alles vorbei sein. Es ist eine Schande, dass ein Volk so niedergemetzelt wird. Mir macht das Angst, ich will das nicht im Fernsehen sehen. Meine Tochter ist erst vier und sie weiß schon, was Daesh ist." Daesh, so nennt Fayha die radikalen Milizen des "Islamischen Staates".

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Fayha gehört zu einer Minderheit, zur Gruppe der syrischen Drusen. Und die fühlen sich durch den Vormarsch der Islamisten bedroht. Aber auch durch die Rebellen der Opposition und die Kämpfer der Al-Nusra-Front.

Sehnsucht nach der Vorkriegszeit

Aber auch Yossi, der als Siedler auf den Golan kam und blieb, hat Sehnsucht nach der Zeit vor fünf Jahren. "Ich würde mir wünschen, dass alles wieder wird, wie es war. Mich hat Assad nie gestört. Es war wenigstens Ruhe an der Grenze. Ich bin jetzt ganz eigennützig." Aber er wisse auch, dass mit Assad auch der Iran eng verbunden ist.

Iran gilt in Israel als strategische Gefahr - auch nach dem Atomdeal mit dem Westen. Das Regime in Teheran ist ein wichtiger Verbündeter von Assad. Iranische Militärs beraten die Truppen des Machthabers. Israel wirft Iran vor, Angriffe auf israelisches Gebiet von Syrien aus zu planen. Teheran unterstütze zudem die libanesische Hisbollah.

Deshalb setzt die israelische Regierung auf die gemäßigten Rebellen. Das Militär hilft syrischen Kämpfern. Es gibt Spekulationen über Abmachungen, die darüber hinausgehen - aber auch darüber spricht niemand. Israels Militär greift Ziele in Syrien an, wenn der Staat die eigene Sicherheit in Gefahr sieht.

Israel glaubt nicht an Waffenruhe in Syrien
Torsten Teichmann, ARD Tel Aviv
24.02.2016 19:50 Uhr

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