Syrischer Patient im Krankenhaus in Israel

Syrische Patienten in Israel "Ich dachte, die Juden schlachten mich!"

Stand: 20.10.2015 12:18 Uhr

Der 17-jährige Magib wurde in Syrien von einem Querschläger schwer verletzt. Seine Familie brachte ihn an die Grenze zu Israel, damit er dort Hilfe erhält. 700 Syrer sind bislang in einer Klinik in Galiläa behandelt worden - viele hatten Angst vor Israel.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Magib war auf dem Hof seiner Familie, als ihn ein Querschläger traf. Das Geschoss zertrümmerte die untere Gesichtshälfte des 17-Jährigen. Eine Überlebenschance hatte er in dem Chaos in Syrien kaum. Doch seine Familie hatte von einem Krankenhaus in Israel gehört, das Verwundete aus dem Bürgerkrieg behandelt. Sie brachten Magib an die Grenze, wo ihn die israelische Armee in Empfang nahm.

Ausgerechnet Israel, dachte Magib, als er in das Medizinische Zentrum Galiläa gebracht wurde. Viele der syrischen Patienten hätten Angst, wenn sie hier erwachen, berichten Krankenpfleger. "Ich dachte, dass die Juden mich schlachten", erzählt Magib. Doch ihm wurde hier das Leben gerettet. Er habe nun ein komplett anderes Bild von dem Land, das in Syrien und vielen anderen arabischen Staaten abgrundtief gehasst wird.

das galiläische Krankenhaus
galerie

Das galiläische Krankenhaus behandelt Verwundete aus Syrien. 

Der Horror des Krieges

Aber auch die Angestellten in dem Krankenhaus in Galiläa im Norden Israels, unweit der Grenze zum Libanon, machen neue Erfahrungen: "Ich hatte vorher ja noch nie einen Syrer getroffen", sagt ein Krankenpfleger. Es sei interessant gewesen festzustellen, dass es auch ganz normale Leute seien.

Die Angestellten sind zudem mit dem unfassbaren Grauen des Krieges konfrontiert. "Wir sind hier einiges gewohnt, wir haben den Krieg mit der Hisbollah erlebt, dazu eine Intifada. Doch die Schicksale der Menschen im syrischen Krieg stellen alles in den Schatten", sagt ein Mitarbeiter des Krankenhauses. Normalerweise halte er eine professionelle Distanz zu dem Leid der Patienten, aber als ein syrischer Vater sein schwer verletztes Kind gebracht habe, das zweite war bereits gestorben, habe ihn der Horror getroffen. "Der Mann war genauso alt wie ich, seine Kinder so alt wie meine. Die Familie hatte ein normales Leben, der Vater einen normalen Job", berichtet der Krankenpfleger. "Das hätte ich sein können."

die israelische Grenze zu Syrien
galerie

Die israelische Grenze zu Syrien: Auf der anderen Seiten hätten sich Al Kaida-Kämpfer positioniert, sagt ein Militärsprecher.

Mehr als 700 Patienten aus Syrien sind bislang in dem Krankenhaus in Israel behandelt worden, rund ein Drittel davon Frauen und Kinder. Ob man nicht Sorge hätte, möglicherweise islamistische Kämpfer zu behandeln? Masad Barhoum, ein arabischer Israeli, antwortet, er stelle keine Fragen an die syrischen Patienten. Es gehe hier um die ganz grundlegende Aufgabe von Ärzten, zu helfen und Leben zu retten.

"Hier wird niemand befragt"

Aufgelegt wurde das Programm zur Hilfe für die Syrer von der israelischen Regierung. Werden die Patienten im Krankenhaus befragt, beispielsweise vom Geheimdienst? Nein, versichert Direktor Barhoum mit Nachdruck. Nicht ein Patient sei bislang in seinem Krankenhaus befragt worden - und er würde dem auch nicht zustimmen. Allerdings würden die syrischen Patienten von Militärambulanzen eingeliefert und auch wieder abgeholt, um sie zurück nach Syrien zu bringen. Was in dieser Zeit passiere, wisse er nicht.

Die syrischen Patienten können sich auch nicht frei im Krankenhaus bewegen, weil man zum einen fürchtet, es könnte doch Angriffe von islamistischen Kämpfern geben - und zum anderen seien die israelischen Patienten den Syrern auch nicht immer ganz freundlich gesonnen, wie Barhoum es möglichst diplomatisch beschreibt.

der Direktor des galiläischen Krankenhauses, Barhoum
galerie

Direktor Barhoum will Menschen helfen - unabhängig von Nationalität oder Religion.

Auch in dem Freundeskreis für das Krankenhaus, das Spenden sammelt, gebe es geteilte Meinungen über das Programm, berichtet Ariel, der in der Unterstützergruppe arbeitet. Viele haben Sorge, mit ihren Spendengeldern könnte die Behandlung von islamistischen Kämpfern bezahlt werden, die am liebsten Israel zerstören würden. Allerdings erhalte man mittlerweile auch Spenden von Syrern, die im Ausland lebten und dem Medizinischen Zentrum in Galiläa helfen wollten.

"In Syrien macht die Geschichte um die israelische Hilfe mittlerweile die Runde", sagt ein Krankenpfleger, der von der schwierigen Aufgabe berichtet, die Menschen in einem möglichst guten Zustand zu versetzen, da eine Nachfolgebehandlung in Syrien praktisch unmöglich sei. Einige Patienten kämen deswegen auch wieder zurück nach Israel, um Medikamente und neue Verbände zu erhalten oder um sogar noch einmal operiert zu werden.

Syrischer Patient im Krankenhaus in Israel
galerie

Magib (links) träumt von einer friedlichen Zukunft.

Der Traum von einer friedlichen Zukunft

Magib ist seit Monaten im Norden von Israel. Sein Einzelzimmer hat er mit zahlreichen selbst gezeichneten Bildern dekoriert, auf den meisten sind Schmetterlinge und Blumen zu sehen. An ein Ende des Albtraums in seinem Land glaubt er nicht. So lange Präsident Bashar al-Assad an der Macht bleibe, werde es keinen Frieden geben, sagt Magib. Was er sich für seine Zukunft wünsche? Maler, wolle er werden, sagt Magib - und hinter seinem dicken Verband lässt sich ein kleines Lächeln erahnen.

Darstellung: