Vor der Parlamentswahl kommende Woche Israels Mittelschicht ächzt unter hohen Mietkosten

Stand: 18.01.2013 08:11 Uhr

Kommende Woche wählt Israel ein neues Parlament: Premier Netanjahu kann Umfragen zufolge wieder auf eine Mehrheit hoffen. Kritiker werfen seiner Regierung aber vor, in der Sozialpolitik zu versagen. Vor allem Familien mit Kindern stöhnen unter der Belastung hoher Mieten.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Hunderttausende waren es, die vor eineinhalb Jahren in Israel "mehr soziale Gerechtigkeit" gefordert hatten. "Ich dachte damals, die Regierung könnte über den Protest stürzen. Aber da war mir nicht klar, wie stark Netanjahu ist", sagt Itai, Anfang 40, Computerspezialist, verheiratet.

Er hat zwei Kinder, zwei und vier Jahre alt. Auch seine Frau Inbal arbeitet Vollzeit. "Uns geht es nicht schlecht, aber wir können überhaupt nichts zur Seite legen. Unsere Regierung kümmert sich überhaupt nicht um die Altersvorsorge. Weil wir kaum Ersparnisse haben, mache ich mir Sorgen um unsere Zukunft", sagt er.

Von der Wirtschaftskrise verschont

Dabei steht Israel wirtschaftlich gut da - auf den ersten Blick. Beim Wachstum und der Arbeitslosigkeit sehen die Zahlen besser aus als im Durchschnitt der anderen OECD-Staaten. Die Wirtschaftskrise traf Israel bisher kaum.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (Archiv) | Bildquelle: dpa
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Hofft auf eine weitere Amtszeit: Israels Premier Netanjahu.

Für die israelische Mittelschicht sieht der Alltag dagegen so aus: Die meisten Familien ächzen unter der Belastung teurer Wohnungen. Außerhalb der Städte wäre das Wohnen billiger, aber die Schule deutlich schlechter. Außerdem gibt es für Pendler eigentlich nur das Auto. Und mit dem steht man vor allem im Stau.

Genau hier setzt das Taub Center an. Die Wissenschaftler des sozialpolitischen Forschungsinstituts in Jerusalem halten der Regierung von Benjamin Netanjahu gravierende Versäumnisse vor: "Würde Israel im großen Stil in die Schulen außerhalb der Ballungsräume investieren und würde das Land genauso in öffentliche Verkehrsmittel für Pendler investieren, dann wären zwei der drängendsten Probleme für junge Familien der Mittelschicht gelöst: Eine gute Ausbildung für die Kinder und Jobs für die Eltern", heißt es im Jahresbericht des Taub Center zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Israel.

"Regierung hat sich aus der Verantwortung gestohlen"

Inbal, die Frau von Itai sagt, die Regierung habe sich aus der Verantwortung gestohlen. Ein Beispiel: Die Regierung Netanjahu sorgte zwar für eine staatlich finanzierte Kinderbetreuung, allerdings nur am Vormittag. Damit sie beide arbeiten können, zahlen Itai und Inbal für ihren Vierjährigen umgerechnet 500 Euro im Monat drauf. "Die Politiker wollten keine Probleme lösen, weil sie keine Probleme gesehen haben. Sie löschten das 'Protest-Feuer' und machten dann weiter wie bisher."

Demonstration in Tel Aviv | Bildquelle: dpa
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Archivbild aus dem Jahr 2011: In Tel Aviv demonstrieren die Menschen gegen die Sozialpolitik der Regierung Netanjahu.

Zur Wahl gehen will Inbal auf jeden Fall. Aber zum ersten Mal, sagt sie, sei sie sich nicht sicher, wem sie ihre Stimme geben soll. Rund 15 Prozent Unentschiedene gibt es letzten Umfragen zufolge.

Ihr Mann Itai hat sich zwar schon für die Arbeitspartei entschieden. Allerdings setzt er schon jetzt auf die übernächste Wahl: "Meine Hoffnung ist, dass die Regierung dieses Mal keine vier Jahre durchhält. Vielleicht regiert Netanjahu nur zwei Jahre und vielleicht gibt es dann wirklich einen Wechsel."

Tatsächlich musste Netanjahu erst vor wenigen Tagen einräumen, dass sich das Haushaltsdefizit auf einmal verdoppelt hat. Von Steuererhöhungen will er vor der Wahl allerdings nichts wissen.

Dieser Beitrag lief am 18. Januar 2013 um 08:22 Uhr im Deutschlandfunk.

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