Anschläge gegen Israelis Kein Mittel gegen Messerattacken

Stand: 05.02.2016 15:36 Uhr

Seit Oktober greifen fast täglich Palästinenser Israelis mit Messern an. Meist werden sie von israelischen Soldaten getötet. Auf Facebook finden die Attentäter Unterstützung. Beobachter befürchten, dass sich die Täter immer besser organisieren.

Von Sebastian Engelbrecht, ARD-Studio Tel Aviv

Die Gewaltwelle dauert schon länger als vier Monate. Seit Oktober alarmieren Attacken von Palästinensern und israelischen Arabern die Öffentlichkeit. Sie greifen jüdische Israelis an: Zivilisten, Wachleute, Soldaten, Polizisten. Israel trauert in diesen Tagen um eine 19-jährige Grenzpolizistin, die vor dem Damaskustor in der Nähe der Jerusalemer Altstadt von palästinensischen Angreifern erschossen wurde. Seit Oktober wurden 27 Israelis und ein US-Amerikaner getötet. Die israelischen Sicherheitskräfte töteten mehr als 140 Palästinenser, 102 von ihnen waren nach offiziellen Angaben Terroristen.

Die meisten Angriffe werden von Einzeltätern verübt

Polizei, Armee und Geheimdienste haben bis heute kein Mittel gegen die Attacken gefunden. Es sind meistens Angriffe von jugendlichen Einzeltätern. Ein führender Offizier der israelischen Armee nennt es die "Facebook-Bewegung". Amos Harel von der israelischen Zeitung "Ha’aretz" erklärte im israelischen Rundfunk, warum diese Bewegung so schwer zu fassen ist.

Israelische Sicherheitskräfte versuchen, Palästinenser von der Grenze fern zu halten - eine Folge der sogenannten Messer-Intifada, Angriffen von jugendlichen Palästinensern auf Israelis. | Bildquelle: AFP
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Israelische Sicherheitskräfte versuchen, Palästinenser von der Grenze fern zu halten - eine Folge der sogenannten Messer-Intifada, Angriffen von jugendlichen Palästinensern auf Israelis.

"Man muss eine Methode finden, um diese Leute zu erreichen, die heute, im Gegensatz zur Zweiten Intifada, soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und andere benutzen. Aber das Hauptproblem ist die Tatsache, dass der Hintergrundlärm so laut ist. Das heißt: Es gibt nicht den einzelnen Palästinenser, der in einem Post auf Facebook seine Absicht ankündigt, dass er einen Anschlag verüben will. Es gibt Hunderte von ihnen, die aber am Ende gar nichts tun. Bis jetzt haben wir mehr als 110 Anschläge dieser Art innerhalb von vier Monaten gehabt, und in keinem dieser Fälle hatten die Sicherheitskräfte einen konkreten Hinweis."

Täter immer besser organisiert?

Die Attentäter sind nicht organisiert, gehören keiner palästinensischen Partei oder Organisation an. Auffällig ist nur, dass sie in den vergangenen Wochen immer häufiger wie professionelle Killer handeln. Am Mittwoch traten drei junge Männer aus Kabatia im nördlichen Westjordanland zu dritt auf, bewaffnet mit Messern, Schusswaffen und einer Rohrbombe. Es gelang ihnen, trotz israelischer Kontrollpunkte und Sicherheitsmauern, vom Westjordanland nach Jerusalem vorzudringen.

Einer von ihnen hatte vor fünf Wochen den Anschlag eines Freundes auf Facebook gelobt und versprochen:

"Wir kommen zu Dir mit Schüssen. Wir treffen Dich im Paradies. Die Wege zum Martyrium sind offen."

Unterstützung für Angriffe auf Facebook

Für die israelischen Sicherheitsdienste reichte dieser Post als Hinweis auf einen künftigen Anschlag nicht aus, meint Gal Berger, Korrespondent des israelischen Rundfunks. "Die Annahme ist irrig, dass diejenigen, die auf Facebook ihre Begeisterung für einen Anschlag bekunden oder einen Aufruf zu Anschlägen posten - notgedrungen selbst einen Anschlag verüben werden. Dann müsste man hunderttausende Palästinenser verhaften. Denn diese Attentate werden durch die Bank befürwortet. Die palästinensische Gesellschaft sieht diese Anschläge nicht in einem negativen Licht. Aber man kann nicht aufgrund eines Posts jemanden verhaften und daraus schließen, dass er einen Anschlag verüben wollte."

Ben Caspit von der israelischen Zeitung "Ma’ariv" schreibt, es handle sich um eine „vom Volk getragene, spontane, virale Terrorwelle, die auf Hass, angefachten Emotionen und Hoffnungslosigkeit basiert". Die Palästinenser stehen kollektiv hinter der "Facebook-Intifada", das macht sie für die israelischen Sicherheitskräfte so schwer kontrollierbar.      

Israelische Sicherheitskräfte ratlos
S. Engelbrecht, ARD Tel Aviv
05.02.2016 14:15 Uhr

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