Avigdor Lieberman

Nach Gewalt in Gaza "Eine Untersuchung wird es nicht geben"

Stand: 01.04.2018 14:19 Uhr

Nach den tödlichen Zusammenstößen an der Gaza-Grenze hatte UN-Generalsekretär Guterres eine Untersuchung gefordert. Eine solche Kommission lehnt Israels Verteidigungsminister Lieberman ab.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Etwa 300 Israelis versammelten sich am Wochenende in Tel Aviv. Sie demonstrierten gegen das Verhalten ihrer eigenen Armee und warfen den Soldaten einen unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt vor. Mit dieser Haltung repräsentieren sie jedoch nur eine kleine Minderheit der israelischen Bevölkerung.

Auch ein großer Teil der israelischen Zeitungskommentatoren verteidigt das Vorgehen der Armee. Laut der Zeitung "Yedioth Acharonot" wurden keine unschuldigen Zivilisten getötet, sondern Menschen, die von der islamistischen Hamas gezielt an die Grenze geschickt wurden, um zu sterben und dadurch die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Israel lehnt unabhängige Untersuchung ab

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hatte eine unabhängige Aufklärung der Ereignisse am Karfreitag gefordert. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini schloss sich dieser Forderung an.

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman lehnte das im israelischen Armeeradio entschieden ab: "Die israelischen Soldaten haben getan, was nötig war. Ich denke, dass sie alle eine Auszeichnung verdienen. Eine Untersuchungskommission wird es nicht geben."

Brutaler Mord oder Verteidigung gegen militante Kämpfer?

Am Karfreitag wurden mindestens 15 Palästinenser getötet, mehrere hundert wurden verletzt. Die israelische Armee legte eine Liste vor. Demnach sollen zehn der getöteten Palästinenser bewaffneten, militanten Organisationen im Gazastreifen angehört haben. Zwei von ihnen sollen mit Schusswaffen auf israelische Soldaten geschossen haben.

Vertreter der Palästinenser widersprechen der israelischen Darstellung: Die palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi wirft der israelischen Armee einen brutalen Mord von unbewaffneten Palästinensern vor. Die Armee habe zügellose Gewalt eingesetzt.

Palästinensische Demonstranten schleudern Steine. | Bildquelle: AP
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Bilder zeigen sowohl palästinensiche Demonstranten, die Steine warfen...

Palästinenser bei einer Kundgebung nahe dem Gazastreifen | Bildquelle: AP
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...als auch friedliche Proteste am Karfreitag.

Netanyahu kontert Vorwürfe

Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hatte das Vorgehen der Armee verteidigt: "Israel geht mit Entschlossenheit vor, um seine Souveränität und die Sicherheit seiner Bürger zu schützen." Nun wies er Vorwürfe seitens des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der von einem "Massaker" gesprochen hatte, zurück.

Netanyahu schrieb auf Twitter: "Die moralischste Armee der Welt wird sich keine Moralpredigten anhören von jemandem, der selbst seit Jahren eine Zivilbevölkerung ohne Unterscheidung bombardiert."

Die Ärzte der Krankenhäuser im Gazastreifen haben nach den Ereignissen viel zu tun - so zum Beispiel in Khan Junis im Süden des Küstenstreifens. Aufnahmen zeigen junge Männer, die in Krankenbetten liegen. Einer von ihnen trägt einen blutigen Verband am Knie und macht ein Victory-Zeichen in die Kamera. Die Zusammenstöße am Karfreitag waren die schwerwiegendsten Vorfälle seit Ende der letzten kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas im Jahr 2014.

"Unsere Krankenhäuser haben insgesamt 290 Patienten aufgenommen", sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen. "Die meisten von ihnen hatten Schusswunden im unteren Teil des Körpers. In manchen Fällen wurde den Verwundeten jedoch direkt in den Kopf oder auf die Brust geschossen. Wir haben elf Fälle auf Intensivstationen geschickt. 40 Patienten mussten operiert werden, teilweise dauerte es stundenlang. Aktuell gibt es eine Warteliste mit über 50 Namen für Operationen."

Abschreckung oder neuer Grund für Proteste

In der Region gilt die Aufmerksamkeit bereits jetzt dem kommenden Freitag: Dann könnten erneut Zehntausende Palästinenser an die Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel ziehen. Die israelische Armee hofft, dass ihre entschiedene Haltung viele Palästinenser von einem erneuten Gang zum Grenzzaun abhält.

Möglich ist aber auch, dass das Gegenteil geschieht und beim nächsten Mal noch mehr Menschen an die Grenze ziehen.

Israels Verteidigungsminister lehnt Untersuchungskommission ab
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
01.04.2018 12:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. April 2018 um 13:09 Uhr.

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