Sicherheitsmaßnahmen in der Altstadt von Jerusalem | Bildquelle: dpa

Gewalt in Israel Messerattacken verängstigen Israel

Stand: 08.10.2015 12:51 Uhr

Israels Gesellschaft ist tief verunsichert. Die zahlreichen Messerangriffe von Palästinensern verängstigen viele Menschen, sie suchen nach mehr Sicherheit. Militärs mahnen: Die Angriffe erfolgten nicht koordiniert.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Junge Palästinenser greifen jüdische Israelis mit Messern an, sie werfen Steine auf fahrende Autos, Brandsätze auf Soldaten. 145 solcher Attacken haben Armee und Polizei in Israel allein gestern gezählt.

In Jerusalem, wo die Gewalt auf den Straßen schon seit vergangenem Sommer kaum mehr aufhört, ruft Bürgermeister Nir Barkat die jüdischen Bewohner der Stadt jetzt dazu auf, Schusswaffen zu tragen. Das sei wichtig, gerade jetzt in einer Zeit der Spannungen: "Die Erfahrung zeigt ja, dass bei einigen Vorfällen die Attentäter durch ausgebildete Waffenbesitzer zu Fall gebracht wurden, also nicht durch Polizisten." Wer jetzt einen Waffenschein besitze und eine Waffe trage, leiste gewissermaßen Reservedienst.

Sicherheit - dieser Begriff spielt die größte Rolle. In Jerusalem und anderen Städten schicken Eltern ihre Kinder heute nicht zur Schule, um mit diesem Streik mehr Geld für Wachleute zu fordern. In Tel Aviv bezahlt die Verwaltung einen bewaffneten Sicherheitsdienst vor den Kindergärten.

Besuchsverbot für den Tempelberg

An den Toren der Altstadt von Jerusalem sollen ab sofort alle Besucher nach Waffen durchsucht werden, Metalldetektoren wie am Flughafen werden aufgestellt. Und Ministerpräsident Benjamin Netanyahu will die Gefahr von Provokationen auf dem Tempelberg klein halten: Er verbietet seinen Minister und - zunächst allen jüdischen Abgeordneten des Parlaments - den Zutritt zum Tempelberg.

Blick auf die Jerusalemer Altstadt mit dem Damaskus-Tor | Bildquelle: REUTERS
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Blick auf die Jerusalemer Altstadt mit dem Damaskus-Tor

Erst auf Druck aus den eigenen Reihen dehnt er dieses Verbot auch auf die arabisch-palästinensischen Abgeordneten aus, die damit von ihren eigenen heiligen Stätten ausgesperrt werden. "Netanyahu hat kein Rückgrat", sagt das arabische Knesset-Mitglied Ayman Udeh. "Und er hat kein Recht, die arabischen Abgeordneten vom Besuch der Al-Aksa-Moschee abzuhalten. Netanyahu lässt sich von den Siedlern vorführen und führt uns damit in den Abgrund.

Wenn in Israel überhaupt die Frage nach den Ursachen der Gewalt gestellt wird, dann antwortet beispielsweise die stellvertretende Außenministerin Tzipi Hotovely, Hauptursache sei der palästinensische Präsident Mahmud Abbas: Er hetze gegen Israel und wiegele die Palästinenser auf.

"Autonomiebehörde ohne jeden Einfluss"

Die israelische Militäraufklärung widerspricht dem hinter vorgehaltener Hand, der ehemalige General Amos Yadlin ganz offen: "Das ist der falsche Ansatz: Eine Aufwiegelung auf palästinensischer Seite ist nicht der Auslöser." Hauptursache für die Attacken sei, dass die palästinensische Autonomiebehörde gerade zusammenbreche. "Die politische Führung der Palästinenser hat überhaupt keinen Einfluss mehr. Es ist der Terror Einzelner", meint er. Dahinter stehe keine strategische Führung. Die Autonomiebehörde habe inzwischen viel weniger Einfluss auf die Straße.

Die Autonomiebehörde selbst erklärte, man könne sich dem eigenen Volk nicht entgegenstellen. Man werde die Stimmung aber keinesfalls weiter anheizen. Eine Strategie, wie eine weitere Eskalation verhindert werden könnte, hat aber auch die Palästinenserführung nicht.

Wieder ein Messerangriff

In Jerusalem gab es am Mittag eine weitere Messerattacke: Ein orthodoxer Religionsschüler wurde schwer verletzt. Für für die Zeit nach den morgigen Freitagsgebeten in den Moscheen, sind neue blutige Ausschreitungen zwischen aufgebrachten palästinensischen Jugendlichen und der israelischen Armee zu befürchten.

Israelische Politik diskutiert nach Serie von Attacken über Sicherheit
C. Wagner, ARD Tel Aviv
08.10.2015 13:41 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 08. Oktober 2015 um 13:32 Uhr im Inforadio.

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