Palästinenser hinter einer brennenden Barrikade in einem Vorort von Ost-Jerusalem | Bildquelle: REUTERS

Gewalt in Israel und im Westjordanland Attacken, Appelle und leise Fragen

Stand: 07.10.2015 19:36 Uhr

Straßenschlachten im Westjordanland, palästinensische Messerangriffe im israelischen Kernland. Beide Seiten machen sich gegenseitig für die tödliche Gewalt verantwortlich. Die Frage nach den Ursachen stellen nur wenige.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Unruhen bei Bet El, einer jüdischen Siedlung im besetzten Westjordanland. Junge Palästinenser liefern sich eine Straßenschlacht mit der israelischen Armee, werfen Steine. Die Soldaten nehmen einige der jungen Männer fest, schleifen sie über den Boden. Und sie setzen offenbar wieder scharfe Munition ein. Einer der Palästinenser wird am Kopf getroffen und stirbt.

In Jerusalem attackiert am Vormittag eine 18 Jahre alte Palästinenserin einen jüdischen Israeli mit einem Messer. Der bewaffnete Mann schießt auf die Frau, verletzt sie schwer. Ort dieser Attacke: die Via Dolorosa in der Altstadt von Jerusalem.

Anschläge erreichen Israels Kernland

Die Attentate erreichen nun aber auch das Kernland Israels: In Kiryat Gat, südlich von Tel Aviv, wird ein Palästinenser von der Polizei erschossen, nachdem er einen Soldaten mit einem Messer attackiert und dessen Waffen an sich gerissen hat. "Die Polizei hat schnell gehandelt und eine Katastrophe abgewendet, indem sie den Attentäter getötet hat", sagt der Minister für innere Sicherheit, Gilad Erdan, und lobt im Armeeradio die Einsatzkräfte. "Wir werden den Terror weiterhin bekämpfen und gegen jeden vorgehen, der uns Schaden zufügen will."

So einfach könne man es sich nicht machen, warnt der ehemalige Vize des Inlandsgeheimdienstes, Israel Chasson, im israelischen Radio. "Israel muss sich endlich überlegen, wie es mit seiner Minderheit von 21 Prozent arabischer Israelis, also den Palästinensern im Land, umgehen will", sagt er. "Wie will der Staat sie behandeln, wie soll sich das entwickeln? Es ist an der Zeit, dass wir klären, wo wir hinwollen."

Damit spricht der Ex-Geheimdienstler sehr vorsichtig das an, was die Politik vermeidet: die Frage nach den Ursachen der Gewalt. Die Palästinenser mit israelischem Pass erleben tägliche Diskriminierung. Viele Bewohner im arabischen Ostteil Jerusalems können derzeit ihr Stadtviertel nicht verlassen. Und die Palästinenser im Westjordanland leben mit Militär-Checkpoints und Soldaten, die mitten in der Nacht im Schlafzimmer stehen. Und - nach tödlichen Überfällen auf jüdische Siedler - auch mit deren Rache.

Palästinenser bei Krawallen in Hebron | Bildquelle: dpa
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Die Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern ...

Israelische Soldaten bei Auseinandersetzungen mit Palästinensern in Hebron | Bildquelle: dpa
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... und Israelis wie hier in Hebron nehmen seit Tagen zu.

Abbas fordert Ende der Gewalt von israelischer Seite

Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas stellt die Frage: "Wenn eine Gruppe von Siedlern kommt und eines unserer Dörfer angreift, wie sollen wir dann reagieren, eurer Meinung nach? Lasst uns in Ruhe, wir haben damit nicht angefangen. Israel muss damit aufhören und unsere ausgestreckte Hand ergreifen, damit wir eine politische, eine friedliche Lösung erreichen."

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu reagiert darauf nicht. Aber seine für Donnerstag geplante Reise nach Berlin zu deutsch-israelischen Regierungskonsultationen hat er abgesagt. Sein Sprecher erklärt, das sei jetzt der falsche Zeitpunkt.

500 Verletzte binnen weniger Tage

Währenddessen beklagt der palästinensische Rote Halbmond 500 Verletzte bei Konfrontationen mit Armee und Siedlern in den vergangenen Tagen, erklärt den Versorgungsnotstand und ruft nach internationaler Hilfe. In Israel stellt man sich darauf ein, dass die Gewalt im besetzten Westjordanland und im eigenen Land länger andauern könnte: So sollen Mitglieder von Polizei und Grenzeinheiten eine Jahresprämie von umgerechnet 2300 Euro bekommen, wenn sie in Jerusalem eingesetzt werden.

Und die Tageszeitung "Haaretz" rechnet schon vor, was ein neuer Aufstand der Palästinenser gegen die Besatzung kosten könnte: weniger Tourismus, weniger Investitionen. Möglicherweise, so "Haaretz", werde die israelische Wirtschaft den Preis zahlen für das Versagen der Politik im Nahostkonflikt.

Wieder Tote bei Unruhen im Westjordanland
C. Wagner, ARD Tel Aviv
08.10.2015 09:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. Oktober 2015 um 17:45 Uhr.

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