Armut in Israel | Bildquelle: REUTERS

Bericht der Sozialversicherung Fast jedes dritte Kind in Israel wächst in Armut auf

Stand: 09.12.2015 20:09 Uhr

Israel - ein aufstrebender Hightech-Standort, getrieben von Erfindern und Unternehmern. Doch für viele Israelis ist das nicht mehr als ein PR-Image. Innerhalb der OECD-Länder ist nur in Mexiko die Armut größer. Und: Immer mehr Kinder in Israel wachsen arm auf.

Von Christian Wagner, BR, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Armut in Israel - was das heißt, macht Buba Levy deutlich. Ihre Hilfsorganisation Hakol Hanashi - "Stimme der Frau", kümmert sich vor allem um Alleinerziehende: "Manche Mütter schicken ihre Kinder nicht mehr in die Schule, weil sie ihnen kein Pausenbrot mitgeben können. Sie schämen sich. Es gibt aber Politiker, die behaupten, es gebe keine hungrigen Kinder in Israel. Die sollten uns nur mal einen Tag begleiten, dann würden sie es verstehen."

31 Prozent und damit fast jedes dritte Kind in Israel wächst in Armut auf, das hat die Nationale Sozialversicherung festgestellt. Und die absolute Zahl der armen Kinder ist stark gestiegen.

Ein Odachloser in der israelischen Hauptstadt Jerusalem. | Bildquelle: dpa
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Ein Obdachloser in einer Fußgängerzone von Jerusalem.

Mehr als ein Fünftel der Israelis gelten als arm

Insgesamt gelten 22 Prozent der Israelis als arm - weil sie umgerechnet weniger als 730 Euro im Monat zur Verfügung haben, bei Ehepaaren werden knapp 1200 Euro angesetzt. Lebensmittel sind in Israel deutlich teurer als etwa in Deutschland, die Kosten für Wohnungen weit höher.

Shlomo Mor-Yosef vom Sozialversicherungsinstitut nennt einen weiteren Grund für die zunehmende Armut in Israel: "Die Kürzungen beim Kindergeld hatten dramatische Folgen," sagt der Professor.

Das trifft vor allem die Familien, die ultraorthodox, also strengreligiös leben und besonders viele Kinder haben. Deren Armutsquote liegt dem Bericht zufolge bei mehr als 50 Prozent, genauso wie bei der arabischen Minderheit der Palästinenser in Israel.

"Der politischen Führung ist die Armut egal"

"Schockierend" nennt der zuständige Sozialminister Chaim Katz den neuen Armutsbericht: "Mich beschäftigt, dass rund 170.000 Menschen arm sind, obwohl sie Vollzeit arbeiten. Um bei der Armut zumindest den Durchschnitt in der OECD zu erreichen, bräuchten wir 70 Milliarden Shekel. Aber dieses Geld habe ich nicht."

An umgerechnet 17 Milliarden Euro denkt der Minister, nicht aber an politische Schritte, die die besonders große Kluft zwischen Arm und Reich in Israel wieder kleiner machen könnten.

Eran Weintraub von der israelischen Hilfsorganisation Leket wirft der Regierung von Premierminister Benjamin Netanyahu deshalb vor, sie versuche nicht einmal, das Problem der wachsenden Armut anzugehen: "Ohne einen Plan zur Bekämpfung der Armut, ohne ein langfristiges Budget dafür, ohne jegliche Ziele darf man sich nicht wundern, wenn die Armut größer wird. Diese Regierung hätte die Gelegenheit gehabt, den Ratschlägen der Experten zu folgen und den Trend zur Armut innerhalb eines Jahrzehnts umzukehren. Aber jetzt ist klar: Der politischen Führung in Israel ist die Armut egal."

Das passt nicht zum Image, das die Regierung gerne pflegt: Israel, die aufstrebende Hightech-Nation, getrieben von Erfindern und Unternehmern. Aber im Kreis der Länder in der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ist die Armut nur in Mexiko noch größer als in Israel.

Armutsbericht Israel: 31 Prozent der Kinder wachsen in Armut auf
C. Wagner, ARD Tel Aviv
09.12.2015 18:12 Uhr

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