Markt in der Altstadt von Jerusalem | Bildquelle: dpa

Gewalt in Jerusalem Mehr Angst als Wut

Stand: 15.10.2015 20:02 Uhr

5000 Polizisten patrouillieren in Jerusalem, doch gleichzeitig ist die Stadt fast ausgestorben. Nach der Gewalt der vergangenen Tage ist hier nichts mehr normal - noch weniger als sonst. Die Angst vor Attentaten und Racheakten sitzt tief.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Die Sonne scheint in die Altstadtgassen von Jerusalem. Wie immer. Aber Yeheskel hat an diesem Morgen seine Schusswaffe aus der Schublade geholt und eingesteckt. "Zum ersten Mal seit 30 Jahren", sagt er. Jetzt holt der pensionierte Schuldirektor die kleine Pistole aus der Hosentasche und zeigt sie her. Er hat eine abgewetzte pinkfarbene Hülle dafür.

"Früher hatte man Angst zu schießen, da wollte man nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Aber die Regierung sagt jetzt, dass man auch bei Messerattacken auf den Angreifer schießen darf, ohne dass das ein Nachspiel hat - also habe ich die Waffe geholt", so Yeheskel.

Im jüdischen Viertel von Jerusalem nimmt sich Yeheskel Zeit für ein Gespräch, er ist ein freundlicher Mann mit langem Bart. Während er redet gibt es schon wieder Eilmeldungen auf das Handy: Messerattacken, so wie schon am Tag davor. Es gibt Tote und Verletzte auch in Jerusalem, aber nicht in der Altstadt.

Jerusalem - Damaskustor | Bildquelle: AFP
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Damaskustor in Jerusalem: überall Polizei

Nichts ist normal in Jerusalem

Zwei Männer mit jüdischem Gebetsschal gehen vorbei, in Richtung Klagemauer zum Beten. Einer trägt eine israelische Fahne über der Schulter, wie ein Fußballfan auf dem Weg ins Stadion. Jerusalem ist nicht normal in diesen Tagen, noch weniger als sonst. Nur ein paar Schritte weiter hockt Ahmed an eine Hauswand gelehnt am Boden, er macht Pause. Ahmed ist Araber, Palästinenser, Moslem, Handwerker. Er renoviert gerade ein ganzes Haus. Die Leute gehen vorbei, man grüßt sich freundlich.

"Ich hätte eigentlich auch noch außerhalb der Altstadt viel zu tun. Aber da gehe ich momentan nicht hin", sagt Ahmed. Er habe viele Aufträge abgesagt, er habe keine Kraft. "Ich kann momentan keinen Arbeiter anheuern und draußen arbeiten gehen. Ich beschränke mich auf die Altstadt. Hier im jüdischen Viertel kennen mich alle. Ich habe ihre Häuser renoviert, das halbe Viertel. Deswegen arbeite ich lieber hier", erklärt er.

Der stämmige Mann wirkt traurig. Er spricht von dem 13 Jahre alten palästinensischen Jungen, der am Tag zuvor auf Passanten in Ostjerusalem eingestochen hat. Zwei der Opfer sind schwer verletzt. Der Junge wurde von einem Auto überrollt und schwer verletzt. Viele der Attentäter waren unter 20, wurden von der Polizei erschossen.

Jetzt hat Ahmed Angst um seinen ältesten Sohn. "Der ist 15, da fängt es an", sagt Ahmed. Da kriegen junge Palästinenser Ärger mit der israelischen Polizei, sie werden wütend. Seinen Sohn hätten sie schon verprügelt, obwohl er nichts gemacht habe. Und trotzdem keine Wut beim Vater, vielmehr Angst.

Richard C. Schneider, ARD Tel Aviv, zur Reaktion der Israelis auf die Unruhen
tagesschau24 09:00 Uhr, 14.10.2015

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Kaum Menschen auf der Straße

Durchs muslimische Viertel der Altstadt zieht sich die Via Dolorosa. Katholische Pilger aus Polen beten auf ihrem Weg von einer Kreuzwegstation zur nächsten. Es könnte das gewohnte Jerusalem sein. Doch es sind so wenige Menschen da. Viele Läden sind zu. Und die Händler, die geöffnet haben, sitzen stumm vor ihrem Geschäft, schauen auf ihr Smartphone. Kein einziger spricht die Touristen an, wie sonst.

Es ist, als ob die Gewalt wie ein Gift nachwirkt: Die Messerattacken, die toten Opfer und die toten Täter, die Schreie und die Schüsse. Eine dieser Szenen hat sich vor zehn Tagen auf dem kleinen Platz vor dem Österreichischen Hospiz abgespielt. Dort ist Oberschwester Bernadette Schwarz die Chefin. In ihrer weißen Tracht steht sie im Schatten des Pilgerheims, darüber schon wieder der Polizeihubschrauber.

Die Oberschwester sagt, ihr gehe es eigentlich gut: "Mir geht es nur schlecht, wenn ich die Leute sehe, wie verschreckt und verzagt und voller Furcht sie unterwegs sind. Aber sonst: Ich hab keine Angst, ich fürchte mich nicht." Ein paar Pilgergruppen hätten schon abgesagt, aber längst nicht alle. "Gestern etwa waren alle Zimmer ausgebucht", sagt die Oberschwester.

Widersprüchlich ist Jerusalem immer. Auch für Touristen. "Wir haben eine kundige Führung mit Ortskenntnissen und die meidet die gefährlichen Punkte, also fühlen wir uns ganz sicher", sagt ein Tourist. "Eigentlich gefällt einem auch die Atmosphäre, selbst mit der Anwesenheit der Polizisten oder Soldaten", sagt ein anderer.

Metalldetektor am Jaffator in Jerusalem | Bildquelle: AFP
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Metalldetektor am Jaffator in Jerusalem - 5000 Polizisten sind in Jerusalem unterwegs.

"Die Touristen kriegen nicht so viel mit. Die, die Angst haben, sind zum Beispiel arabische Christen. Es ist jetzt nicht so, dass Juden hier in der Altstadt Araber angegriffen hätten. Aber trotzdem, sie fühlen sich einfach unsicher. Sie versuchen, ihre Identität nicht preiszugeben. Juden sehe ich auch, die hier vorbeikommen. Die drehen sich um, wenn sie hinter sich Schritte hören, weil einfach die Angst da ist", sagt Lioba Radke.

Es sei die Angst vor einem Attentat und die Angst vor Racheakten, sagt sie. Sie sitzt hinter dem Tresen im christlichen Pilgerbüro am Jaffa-Tor. Ob sie selbst Angst hat? "Nein, also ich habe noch nie geträumt. Man weiß ja, wo man lebt. Wir kennen ja hier die Situation. Sowohl vom politischen, wie vom religiösen. Die Spannungen, die einfach immer wieder an die Oberfläche kommen, die kennt man einfach."

Metalldetektoren in der Altstadt

Zur sichtbaren Oberfläche gehören seit ein paar Tagen Metalldetektoren in der Altstadt von Jerusalem. Einer steht am Jaffa-Tor. Ein junger Mann, offenbar Araber, muss dort fünf-, sechsmal durchgehen, Gürtel und Schuhe ausziehen. Vier Soldaten umringen ihn, die Hand an der Schusswaffe. Die meisten Leute schauen zu, ein paar schauen weg.

Oben im Armenischen Viertel, direkt an der Stadtmauer, hat Harut Sandruni seit mehr als 30 Jahren seinen Porzellanladen. Wenn die Touristen ausbleiben wie jetzt verkauft er kaum etwas. Aber so sei das schon immer gewesen. "Alle stellen jetzt dieselbe Frage: Wohin soll das noch führen? Das ist das eigentlich Erschreckende: Was kommt als nächstes?"

Zwischen Alltag und Angst
C. Wagner, ARD Tel Aviv
14.10.2015 08:29 Uhr

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