Ein Palästinenser bei Protesten in der Nähe von Ramallah im Westjordanland. | Bildquelle: REUTERS

Anschläge und Luftangriffe Gewalt in Nahost eskaliert

Stand: 11.10.2015 18:02 Uhr

Am Wochenende ist die Gewalt im Nahen Osten weiter eskaliert. Als Vergeltung für Bomben aus dem Gazastreifen flog die israelische Luftwaffe Angriffe auf die Hamas. Die Regierung Netanyahus beschloss zudem eine Militär-Haft für Steinewerfer.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Kurz nach sieben Uhr am Morgen. Im Berufsverkehr auf der Strecke vom Toten Meer hoch nach Jerusalem soll es einen Terroranschlag gegeben haben. Eine Autobombe? Die Fahrerin, eine Palästinenserin, ist schwer verletzt, auch ein Polizist hat Verletzungen erlitten.

Der Sprecher der israelischen Polizei sagt dazu, die Terroristin sei aus dem Auto gestiegen, dann habe es im Wageninneren eine Explosion gegeben. Die Frau sei, so der Sprecher, auf dem Weg nach Jerusalem gewesen, um in der Stadt einen Terroranschlag zu verüben.

Sprengsatz oder Airbag?

Dieser Darstellung widerspricht später ein Augenzeuge, den die palästinensische Nachrichtenagentur Maan zitiert. Der Mann sagt, das Auto habe einen Defekt gehabt, im Inneren sei ein Feuer ausgebrochen, der Airbag ging offenbar auf.

Nach zehn Tagen ständiger Anschläge ist die Stimmung gereizt. Thema in den Radionachrichten war am Morgen noch der Abschuss von Raketen aus dem Gazastreifen in der Nacht. Die israelische Luftwaffe reagierte und bombardierte zwei Ziele in dem abgeriegelten Palästinensergebiet. Ein Wohnhaus stürzte ein, eine schwangere Frau und ein Kleinkind kamen ums Leben.

Insgesamt elf Palästinenser sind seit Freitag ums Leben gekommen, die meisten an den Sperranlagen entlang des Gaza-Streifens, getroffen durch Schüsse des israelischen Militärs. Aber auch heute versuchten rund 150 Palästinenser, durch eine Lücke in den Sperranlagen aus dem Gazastreifen herauszukommen. In den israelischen Zeitungen wird die Frage aufgeworfen, ob die Armee denn darauf vorbereitet sei, wenn womöglich Zehntausende aus Verzweiflung den Zaun stürmten.

Ein Mann trauert in Gaza um die Opfer des israelischen Luftangriffs | Bildquelle: REUTERS
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Ein Mann trauert in Gaza um die Opfer des israelischen Luftangriffs.

Haft für Steinewerfer

In Jerusalem beschäftigte sich die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu allerdings mit den Unruhen der vergangenen Tage: Das Kabinett beschloss einstimmig, dass Steinewerfer für mindestens zehn Jahre in Militärhaft genommen werden sollen. Die Eltern von minderjährigen Steinewerfern sollen hohe Geldstrafen zahlen.

In Jerusalem sind Polizei und Grenzschutzeinheiten immer wieder verstärkt worden. Jetzt beruft die Regierung sogar Reservisten ein, um noch mehr Uniformierte auf die Straßen zu bringen. Und Netanyahu fordert den Generalstaatsanwalt auf, gegen die arabische Parlamentsabgeordnete Hanan Zoabi zu ermitteln - wegen Aufwiegelung: Sie habe in einer Zeitung der Hamas die Palästinenser dazu aufgerufen, zu Hunderttausenden zur Al-Aksa-Moschee zu kommen. Dann könne daraus eine echte Intifada, ein Aufstand der Palästinenser gegen die Besatzung, entstehen.

Tempelberg als Symbol

Der Tempelberg mit Al-Aksa-Moschee und Felsendom ist für beide Seiten ein Symbol. Die Muslime unter den Palästinensern fürchten, dass ihnen der Zugang zu ihrem "Edlen Heiligtum" genommen werden soll. Um dagegen zu protestieren, rufen sie für Dienstag zu einem Generalstreik auf.

Die Unruhen im arabischen Ostteil Jerusalems und im besetzten Westjordanland gehen unvermindert weiter: Straßenschlachten in Jerusalem-Shoafat, viele Verletzte Palästinenser bei Hebron, Nablus, Abu Dis und Tulkarem im Westjordanland. Die Notärzte vom Roten Halbmond sprechen von 70 Verletzten auf palästinensischer Seite, mit Schussverletzungen durch scharfe Munition der israelischen Armee.

Am Samstag kommentierte die israelische Zeitung "Yedioth Ahronot" auf ihrer Internetseite: Ohne Hoffnung der Palästinenser werde Israel niemals Sicherheit bekommen. Die gegensätzliche Meinung gibt es heute an gleicher Stelle: Selbst als die Palästinenser Hoffnung hatten, so der Autor, habe es weiter Terror gegeben.

Anschläge, Luftangriffe - Israel und Palästinenser versinken im Chaos
C. Wagner, ARD Tel Aviv
11.10.2015 17:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. Oktober 2015 um 18:00 Uhr.

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