Muslimische Teilnehmer einer Demonstration gegen Homosexuelle und Trans-Personen in Yogyakarta auf Java. | Bildquelle: AFP

Reaktionen in der muslimischen Welt "Warum soll ich trauern?"

Stand: 13.06.2016 22:21 Uhr

Auch in der arabisch-muslimischen Welt ist das Attentat in Orlando verurteilt worden. Die Opfer aber, so der überwiegende Tenor, hätten es verdient. Hass auf Homosexuelle ist in der Region weit verbreitet. Dabei war das nicht immer so.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Als die ersten Vermutungen auftauchten, dass das Massaker einen islamistischen Hintergrund haben könnte und als noch nicht einmal klar war, wie viele Menschen ums Leben kamen, da machte auf Twitter und Facebook in arabisch-muslimischen Communities bereits schwulenfeindliche Hetze die Runde.

"Diese ständigen Anschläge im Namen des Islam machen mich krank, aber dieses Mal traf es wenigstens keine Unschuldigen."

"Der Koran erwähnt Homosexuelle und sagt klar und deutlich: Sie begehen eine Todsünde. Also, was soll's? Warum soll ich trauern?"

"Ich möchte dem Attentäter gratulieren. Daumen hoch für den Mann! Er hat ein paar von diesen schmutzigen Typen erledigt."

Es gibt auch andere Meinungen - Schock, Trauer und Bestürzung -, aber sie sind in der Minderzahl.

Kritik am Anschlag, aber Strafen gegen Homosexuelle

Die Regierungen etlicher arabischer Staaten haben den Anschlag von Orlando eindeutig und scharf verurteilt, so zum Beispiel die von Ägypten, Jordanien und Bahrein. "Das Königreich von Saudi-Arabien", so heißt es in einer offiziellen Erklärung, "verurteilt den Angriff auf unschuldige Menschen in Orlando. Wir beten für die Genesung der Verletzten".

Gleichzeitig sieht das Strafrecht Saudi-Arabiens für Homosexuelle aber die Todesstrafe vor, ebenso wie das anderer arabischer Staaten. Selbst dort, wo gleichgeschlechtliche Liebe nicht direkt kriminalisiert wird, müssen Schwule mit Verfolgung rechnen - in Ägypten etwa. Hier möchte sich das Regime von Abdelfattah al-Sisi in diesen instabilen Zeiten offenbar wenigstens als frommer Bewahrer einer traditionellen Moral präsentieren. Seit 2013 sollen nach Angaben ägyptischer Menschenrechtler über 200 Schwule festgenommen worden sein. Etliche von ihnen erhielten Haftstrafen, wegen, so wörtlich, "Ausschweifung".

Eine Junge Frau steht mit einem Plakat bei einer Mahnwache | Bildquelle: AP
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In Seattle trug diese Muslima bei einer Mahnwache ein Plakat, auf dem das Hashtag "#NotInMyName" stand, um zu zeigen, dass viele Muslime die LGBTQ-Gemeinschaft unterstützen. Doch so wie sie denken in vielen muslimischen Ländern nur wenige.

Drastische Maßnahmen gegen Homosexuelle finden bei vielen Ägyptern Zustimmung, wie eine Straßenumfrage unter Handwerkern eines Viertels in Kairo ergab, die ein privater Fernsehsender vor einigen Monaten ausstrahlte: "Wenn ich ein Waffe hätte, würde ich sie alle umbringen", sagte einer der Befragten. Und ein anderer gab zu Protokoll: "Ich würde solch einen Menschen töten. Ehrlich, er müsste abgeschlachtet werden."

Am brutalsten verfolgen die Terroristen vom "Islamischen Staat" Homosexuelle. Mehrmals haben sie Schwule von Häusern in den Tod gestürzt - mit Hinweis auf jene Strafe, die angeblich die Scharia verlangt, das islamische Recht.

Keine Tradition des Verbots

Dabei wurde gleichgeschlechtliche Liebe in islamischen Ländern über viele Jahrhunderte toleriert, wie der Islamwissenschaftler und Arabist Thomas Bauer, herausfand. Der Autor des hochgelobten Buches "Die Kultur der Ambiguität" berichtet: "Klar ist, dass es überhaupt nicht verboten war für einen Mann, sich in andere Männer zu verlieben. Und das schlägt sich nieder in Hunderttausenden von Liebesgedichten auf Arabisch, Persisch, Türkisch, Urdu, die zwischen dem 9. Jahrhundert und ungefähr 1850 gedichtet worden sind."

Auch hätten drakonische Strafen für Homosexualität im Islam keine Tradition. "Mir ist kein einziger Fall einer Verurteilung wegen gleichgeschlechtlichem Sex einvernehmlicher Weise aus der gesamten islamischen Geschichte bis Ende des 20. Jahrhunderts bekannt."

Prediger: Sünde ja, aber kein Grund für Strafe

Abgesehen davon, dass die Scharia in einer einzigen, ewig gültigen Form gar nicht existiert, beurteilen manche islamische Gelehrte Homosexualität auch heute wieder etwas milder. Etwa der einflussreiche konservative Prediger Salman Al-Ouda aus Saudi-Arabien. Vor anderthalb Monaten sagte er in einem Interview mit der schwedischen Zeitung "Sydsvenskan": "Homosexualität wird zwar in den heiligen Schriften von Judentum, Christentum und Islam als Sünde bezeichnet, aber es wird nicht verlangt, Homosexuelle zu bestrafen."

Und Al-Ouda fährt fort "Eine der Grundlagen des Islam ist die Freiheit des Menschen, sich so zu verhalten, wie er möchte. Homosexuelle weichen nicht vom Islam ab. Im Gegenteil, jene die das behaupten, sind die Abweichler. Wer Schwule zum Tode verurteilt, begeht eine viel größere Sünde."

Islam und Homosexualität
J. Stryjak, ARD Kairo
14.06.2016 10:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2016 um 05:43 Uhr.

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