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Eine Deutsche beim IS Fanatische Muslimin oder einfach nur naiv?

Stand: 26.05.2018 20:04 Uhr

Sandra M. kommt aus München. Doch 2015 reiste sie nach Syrien und schloss sich dem IS an. Von dessen Gräueltat will sie nichts mitbekommen haben. War sie fanatisch oder einfach nur naiv?

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Es hätte schlimmer kommen können: Sandra M. lebt mit ihren vier Kindern in einem Zelt auf 23 Quadratmetern. Ein paar Matratzen, Decken, eine Kochstelle. Sie haben genug zu essen, zu trinken, es gibt Medikamente. Auf einem kleinen Fernseher laufen Trickfilme für die Kleinen.

Hinter ihr liegen Krieg, Terror, Todesangst. Und doch will sie weg aus diesem Lager im Norden Syriens, zurück in die alte Heimat, so schnell es geht. Die Tristesse, das Gerede, die Missgunst unter manchen Frauen hier setzen ihr zu.

Sandra M. in einem Lager in Nord-Syrien | Bildquelle: SWR
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Von den mehr als 1000 neuen Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft im Jahr 2017 gegen islamistische Verdächtige richten sich 24 gegen Frauen.

"Bitte bringt uns wieder zurück nach Deutschland"

Vor allem eine Bitte will sie im Gespräch mit dem ARD-Studio Kairo deshalb loswerden: "Ich möchte meiner Regierung gerne sagen: Bitte nehmt uns zurück, bringt uns wieder zurück nach Deutschland!" In das Land also, dem sie 2015 den Rücken kehrte, um sich der Terrormiliz IS anzuschließen.

Die 33-Jährige ist in München aufgewachsen, ging dort zur Schule, studierte und arbeitete. Schulfreunde hätten sie zum Islam geführt. Sie konvertierte, verschleierte ihr Gesicht, stieß auf Vorbehalte, Ablehnung, wie sie erzählt: "Ich hatte das Gefühl, in Deutschland wird nicht akzeptiert, dass ich den Nikab trage, Muslima bin. Einige Deutsche sagten zu mir: Warum bist du so dämlich, dich als Deutsche zu verschleiern?"

Nach Rakka - ohne größere Probleme

Sie heiratete einen Marokkaner. Auch er fühlte sich in Deutschland als Moslem unter Druck, wollte weg. Eine Freundin sei schon zuvor nach Syrien gereist, habe sich dem "Islamischen Staat" in Syrien angeschlossen, ihnen ein Propagandavideo geschickt. "Wir haben in Deutschland dieses Video gesehen. Das zeigte, dass jeder dort den Islam praktizieren kann, ohne unter Druck zu geraten. Deshalb haben wir uns gesagt: Lass uns dorthin gehen."

Über die Türkei seien sie nach Rakka gereist - ohne größere Probleme. So wie viele andere auch. In den ersten Monaten fühlten sie sich unter der Terrormiliz noch wohl. "Wir hatten den Eindruck: Ja, es stimmt. Wir können hier nach dem Islam leben. Wir sehen überhaupt nichts Schlechtes!"

IS erließ rigide Vorschriften

Grenzenlose Naivität oder religiöser Fanatismus? Rakka galt als Hauptstadt der Terrormiliz. Von hier aus wurden weltweit Anschläge geplant, auch die von Paris. Nach ihrer Machtübernahme griffen die Gotteskrieger in der nordsyrischen Stadt gnadenlos durch, erließen rigide Vorschriften, folterten Andersgläubige, Oppositionelle, ließen sie bestialisch öffentlich hinrichten.

Mehrere Jahre lang lebte Sandra M. in Rakka. Sie brachte dort vier Kinder zur Welt. Von den Verbrechen der Dschihadisten aber will sie als Hausfrau nichts mitbekommen haben. Ihr Mann offenbar dagegen schon. Er habe irgendwann vorgeschlagen zu fliehen. Schlimme Dinge passierten in Rakka, habe er gesagt. Welche genau, habe er für sich behalten wollen.

Auf der Flucht wurden sie von der Kurdenmiliz YPG aufgegriffen. Ihr Mann kam in ein Gefängnis, sie in ein Frauenlager. Sandra ist eine von 35 deutschen Frauen, die sich dem IS anschlossen und nun in Nordsyrien auf ihre Rückkehr nach Deutschland hoffen.

Syrien: Deutsche IS-Frauen wollen zurück
weltspiegel 19:20 Uhr, Daniel Hechler, ARD Kairo

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Erwünscht sind sie nicht

Anders als im Irak werden sie hier pfleglich behandelt, ihnen droht keine Todesstrafe. Erwünscht aber sind sie nicht. Die Selbstverwaltung würde sie lieber heute als morgen loswerden. Der Direktor für Außenbeziehungen der Selbstverwaltung, Abdel Karim Omar, nennt die ausländischen Frauen und Kinder eine große Last. Sie bräuchten psychische Betreuung, hätten keine Papiere. Ihre Heimatländer müssten die Verantwortung für ihre Staatsangehörigen übernehmen, sie zurücknehmen und bei sich vor Gericht stellen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Der Bundesgerichtshof lehnte erst kürzlich einen Haftbefehl gegen eine deutsche Dschihadistin ab. Es fehlten Beweise, um eine aktive Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nachzuweisen. Das Argument, von Terror und Verbrechen nichts mitbekommen zu haben, scheint bis zum Beweis des Gegenteils zu verfangen.

"Wenn man in Rakka lebt, bekommt man das mit"

Der Islamwissenschaftler Marwan Abou Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz hält die Frauen dennoch für gefährlich. Sie hätten sich bewusst entschieden, unter der Terrormiliz zu leben, seien dort nach der Einreise intensiv befragt worden, hätte Treueschwüre ablegen müssen. Er bezweifelt, dass sie von den Verbrechen des "Islamischen Staats" nichts mitbekommen hätten. "Der IS ist eine brutale Eroberungsarmee, hat selbst solche Bilder propagiert", sagt der Islamwissenschaftler. "Sie wollten beweisen, wie brutal sie sind, diese Bilder wurden auch vor Ort gezeigt. Es wurde hingerichtet und ausgepeitscht. Wenn man in Rakka lebt, bekommt man das mit. Es ist keine sehr große Stadt.“

Dennoch sieht sich Sandra M. eher als Opfer denn Täter. Und überhaupt sieht sie Deutschland heute sehr viel milder als noch vor fünf Jahren. "Das Leben in Deutschland ist gut", sagt sie. "Man kann dort seinen Islam besser leben als unter dem 'Islamischen Staat'. Das sehen wir mittlerweile ganz klar."

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 27. Mai 2018 um 19:20 Uhr.

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