Ein Junge sitzt vermummt auf dem Fußboden.

Kampf gegen IS-Propaganda Der Terror in den Kinderköpfen

Stand: 27.12.2016 14:31 Uhr

Der "Islamische Staat" hat im Nordirak fatale Spuren hinterlassen: Die Terroristen indoktrinierten mit ihrer Propaganda zahlreiche Kinder. Mit Bildern von Hinrichtungen und Folter wurden sie zu kleinen Kämpfern erzogen. Das muss nun rückgängig gemacht werden.

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

"Sie haben uns beigebracht: Wenn ihr einen trefft, der kein Muslim ist, den dürft ihr schlagen oder töten, ihr dürft ihm auch den Kopf abschneiden." Adam ist zwölf Jahre alt und lebt heute in einem Lager für Vertriebene im Nordirak. Fast zwei Jahre lang wurde er von der Terrormiliz IS "erzogen". Adam ist nicht der richtige Name des Jungen, der seiner jesidischen Familie entrissen worden war und erst nach fast zwei Jahren gegen Lösegeld wieder freikam.

Bis heute hat der Junge mit den Pausbacken und den großen Augen Angst, dass der IS doch wiederkommt. Doch danach sieht es im Moment glücklicherweise nicht aus im Nordirak. Stück für Stück wird die Terrormiliz zurückgedrängt. Langsamer zwar und mit deutlich höheren Verlusten, als es die irakische Armee und ihre Verbündeten gerne hätten. Aber die Niederlage des IS in Mossul scheint mittlerweile eine Frage der Zeit.

Kampf gegen IS-Indoktrination

Wenn es so weitergeht, dann steht das sogenannte Kalifat - der selbsternannte "Islamische Staat" der Gotteskrieger - im Irak vor dem Kollaps. Doch die Terroristen haben ein Erbe hinterlassen, das noch lange nachwirken wird: Die grausamen Fanatiker haben sich in den Köpfen und Herzen von Kindern eingenistet. In Kajara, einem Camp für etwa 20.000 aus Mossul vertriebene Menschen, versuchen Lehrer in einer Lagerschule, den Kindern jetzt etwas anderes beizubringen als die IS-Prinzipien.

"Krieg, Waffen, all diese Gewalt sollen sie hinter sich lassen", erklärt die Lehrerin Iman Hussein. "Unser Lehrplan ist so ganz anders als der vom IS. Wir wollen, dass sie möglichst schnell vergessen, was ihnen bei der Terrormiliz eingetrichtert wurde."

Kampf gegen IS-Ideologie in Kinderköpfen
tagesschau 20:00 Uhr, 26.12.2016, Volker Schwenck, ARD Kairo

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Filme von Enthauptungen

Jungen wurden zu Kämpfern ausgebildet. Löwen des Kalifats sollten sie im Krieg gegen die sogenannten Ungläubigen sein. In Mathematikbüchern des IS wird mit Waffensymbolen rechnen gelernt. Jungen berichten, sie hätten in der Schule Filme von Enthauptungen angeschaut. Sie hätten gesehen, wie Menschen ausgepeitscht oder hingerichtet, wie Hände abgeschnitten wurden. All diese Grausamkeit verklärt mit einer Ideologie des Auserwählt-Seins, des gottgefälligen Kampfes für eine höhere Sache, gegen einen mächtigen Feind.

"Man hat sie mit Gedanken an Gewalt vollgestopft, mit rückständigen und dunklen Gedanken", sagt Myasser Hamid, Leiter der Lagerschule im Camp Kajara. Viele Jungen seien anfangs zutiefst verstört und verunsichert gewesen, unfähig zum Spielen, zum Lernen. Nach einigen Wochen ginge es ihnen langsam etwas besser.

Mädchen sollten ihrem Mann folgen

Der IS war vor allem an den Jungen interessiert. Ein Mädchen braucht nach der kruden IS-Ideologie keine Bildung, sie sollte Gefährtin ihres Gatten und Mutter seiner Kinder sein. Tabarek und Fatima lebten auch in Mossul. Sie sind acht und neun Jahre alt. Die beiden Mädchen konnten mit ihrer Familie aus Mossul fliehen, als die irakische Armee den IS zurückdrängte. Während der zwei Jahre unter dem IS, sagt die Mutter, hätten sie nur existiert, sie hätten kein echtes Leben gehabt.

Die Eltern von Tabarek und Fatima ließen ihre Kinder bald nicht mehr in die IS-Schule gehen. "Der Lernstoff dort hatte nur mit Militär zu tun", sagt der Vater. "Waffen, Sprengstoff, Töten - sonst haben sie nichts gelernt. Sie haben den Kindern Filme gezeigt, damit sie wissen, wie es geht. Und sie haben ihnen Puppen zum Üben gegeben." Die Mutter ergänzt, ein Kind müsse ja Terrorist oder Mörder werden, wenn man ihm beibringe, wie man Köpfe abschneidet.

"Wir haben die IS-Leute gehasst"

Fatima und Tabarek lernen jetzt in der Lagerschule Arabisch, Englisch, Mathematik, Sachkunde und eine deutlich offenere, moderne Lesart von Religion. Die achtjährige Tabarek erinnert sich, dass die Lehrer des IS ihnen viel Koran beigebracht hätten. "Aber sie wollten vor allem immer Geld von uns haben. Wir hatten aber keines." Energisch ballt die neunjährige Schwester Fatima die Faust. "Wir haben die IS-Leute gehasst, wir wollten sie nur loswerden", sagt sie.

3,5 Millionen Kinder im schulfähigen Alter bekommen im Irak derzeit keinen Unterricht, so das UN-Kinderhilfswerk Unicef. Eine Million Kinder hat der Krieg aus ihren Heimatorten vertrieben, und 70 Prozent davon haben ein ganzes Schuljahr verpasst. Wie viele genau die grausame Erziehung der Terrormiliz über sich haben ergehen lassen müssen, ist nicht bekannt. Die Vereinten Nationen unterstützen Schulen in Lagern für Vertriebene im Irak. Doch eine ganze Generation wird auch dann noch unter den Folgen von Krieg, Flucht und religiösem Fanatismus zu leiden haben, wenn das Kalifat des "Islamischen Staates" längst Geschichte ist.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Dezember 2016 um 20:00 Uhr.

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