IS Kämpfer

Projekt in Ghana Der Kampf gegen Online-Radikalisierer

Stand: 13.05.2017 04:40 Uhr

Ghana hat bisher keine Terroranschläge erlebt. Dennoch macht man sich auch dort Sorgen um junge Menschen, die sich via soziale Medien radikalisieren. Eine Organisation versucht, den islamistischen Rekrutierern das Handwerk zu legen.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Nazir, das ist natürlich nicht sein richtiger Name, ist ins Visier von Rekrutierern des sogenannten Islamischen Staates geraten. Nazir lebt im Norden von Ghana: ein 21-jähriger Muslim mit Highschool-Abschluss, aber ohne Job und ohne wirtschaftliche Perspektive. Nazir sagt, er sei depressiv gewesen und habe im Internet nach Arbeit, Kontakten und irgendeinem Halt gesucht. Dann bekommt er eine Freundschaftsanfrage. Der Mann ist angeblich Algerier und fragt Nazir, ob er wirklich Arbeit sucht. Nach einigem Hin und Her, so erzählt es Nazir, kommt ein Angebot. "Er bot mir einen Job an und 1000 Dollar", sagt Nazir.

Es folgen Gespräche, ob Nazir bereit sei, sich am gerechten Kampf für muslimische Brüder in Syrien oder im Irak zu beteiligen. Nazir wird per Telefon mit einem angeblichen Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verbunden, der behauptet, auch aus Ghana nach Syrien gegangen zu sein. Und dann folgen konkrete Anweisungen: Nazir solle ins Nachbarland Burkina Faso fahren. Von dort aus würde er dann über die Migrationsroute durch Niger nach Libyen gebracht.

Die Wende durch eine Fernsehsendung

Schüler in Ghana | Bildquelle: AFP
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Viele junge Menschen in Ghana haben trotz einer Ausbildung nur wenige Chancen auf dem Arbeitsmarkt - und sind empfänglich für Rekrutierungsversuche von Extremisten.

Er habe wirklich gehen wollen, sagt Nazir. Dann stößt er im ghanaischen Fernsehen auf eine Sendung. "Dieses Programm kam mir vor, als würden die Leute, die dort sprachen, mich kennen", sagt er. "Als würden sie mich direkt ansprechen." Nazir war zufällig auf ein Deradikalisierungsprogramm des Westafrikanischen Zentrums für Terrorismusbekämpfung WACCE gestoßen. Mutaru Muqtar betreibt dieses Zentrum seit zwei Jahren in Ghanas Hauptstadt Accra.

Die Fernsehsendung gegen Radikalisierung läuft regelmäßig in verschiedenen TV-Stationen in Ghana - und bietet jedem Kontakt an, der etwas zum Thema sagen will. Diesen Kontakt nutzt Nazir. Er schreibt Muqtar, sie telefonieren miteinander, schließlich fährt Muqtar in Ghanas Norden, um Nazir zu treffen. "Ich habe etwa zwei Wochen damit verbracht, Nazir und seine Geschichte kennenzulernen - zu erfahren, wie weit er bereits radikalisiert war. Anschließend haben wir ihn in die Hauptstadt gebracht, um mit ihm einen Deradikalisierungsprozess zu durchlaufen."

Lange Gespräche mit jedem Betroffenen

Gleichzeitig informiert Muqtar Ghanas Innenministerium. Dort ist vor kurzem eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die die Rekrutierungsversuche des IS in Ghana untersuchen soll. Unterdessen versuchen Muqtar und seine sieben Mitarbeiter, junge Menschen wie Nazir davon abzuhalten, sich in Syrien oder Irak dem IS anzuschließen. Wie? Muqtar sagt: durch lange Gespräche. Durch eine Analyse, warum der Betreffende anfällig war für die Rekrutierer. Durch Diskussionen über den Islam. So lief es beispielsweise bei Nazir: "Er ist Muslim. Also haben wir ihn mit einem anerkannten Islam-Gelehrten zusammengebracht. Der hat versucht, Nazirs Blick auf seine Religion zu korrigieren."

Muqtar nimmt für sich in Anspruch, etwa 20 junge Ghanaer von der Ausreise nach Syrien oder Irak abgehalten zu haben. Er hat allerdings keine Ahnung, wie viele junge Muslime in dem westafrikanischen Land Kontakt zu Rekrutierern des IS haben. Aber Muqtar meint, dass die Bedrohung durch Radikalisierung auch im bisher friedlichen Ghana sehr real ist: "Wir glauben, dass es eine nicht unerhebliche Zahl junger Leute in Ghana gibt, die Sympathien für solche Terrormilizen hegen. Die könnten radikalisiert werden und dann Anschläge in Ghana oder im Ausland begehen."

Keine Hilfe vom Staat

Muqtars Westafrikanisches Zentrum für Terrorismusbekämpfung bekommt keinerlei finanzielle Unterstützung von Ghanas Regierung. Es gebe Kontakte und Informationsaustausch, mehr nicht. Leider, meint Muqtar: "Das Risiko von Terrorismus und Radikalisierung gibt es auch hier. In den westafrikanischen Nachbarstaaten ist das zu sehen. Hier in Ghana sind wir nur froh, dass bisher noch nichts passiert ist. Aber die Anfälligkeit für so etwas ist hier ähnlich wie im Rest Westafrikas."

Damit meint Muqtar vor allem die Unzufriedenheit junger Muslime. Junge Männer, teils mit Schulbildung, teils ohne, oft arbeitslos und ohne Lebensperspektive - nach ihnen suchen die Rekrutierer von Terrorgruppen, sagt er, und locken mit Geld, Gott und Gemeinschaft.

Online-Rekrutierung durch ISIS: Wie Ghana gegensteurn will
J. Borchers, ARD Rabat
12.05.2017 21:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtet NDR Info am 13. Mai 2017 um 14:00 Uhr.

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