Ein IS-Banner hängt in Rakka | Bildquelle: REUTERS

Geheimdienstallianz Sichern, was vom IS übrig bleibt

Stand: 12.10.2017 18:00 Uhr

Um zu verhindern, dass sich Kämpfer des IS unerkannt absetzen, suchen Militärs und Geheimdienste im Kriegsgebiet nach den Hinterlassenschaften der Terrororganisation. Auch Deutschland ist Teil dieser Geheimdienstallianz.

Von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo und Amir Musawy, NDR

Sie betreten das Haus, kurz nachdem der Kampf vorüber ist: Die Wände sind von Kugeln durchsiebt, Staub hängt in der Luft und macht das Atmen schwer. Männer und Frauen des Militärgeheimdienstes der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), eine kurdisch-arabische Allianz, durchkämmen gerade eroberte Häuser. Sie sind auf der Suche nach allem, was die vorherigen Besitzer zurückließen - Dokumente, Notizbücher, Handys, Speicherkarten, Computerfestplatten. Die Vorbesitzer waren Mitglieder des "Islamischen Staates", hier im Zentrum ihrer einstigen "Terror-Hauptstadt" Rakka.

"Wir sind wie Staubsauger", sagt ein Offizier, der seinen Namen nicht nennen will. "Wir nehmen alles mit, was wir vom IS finden können." Haus für Haus wird durchsucht. Wenn sie getötete Kämpfer der Terrormiliz finden, dann werden die Leichen sorgsam abgetastet - DNA-Spuren und Fingerabdrücke werden genommen, Fotos der Gesichter gemacht.

Sichern und auswerten

Die Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes sind eine Art Bodentruppe einer internationalen Koalition von Geheimdiensten und Militärs. Sie haben sich zusammengefunden, um die Hinterlassenschaften des IS zu sichern und auszuwerten. Kurden und Iraker sind Teil dieser Gruppe, ebenso wie Amerikaner. Auch Deutsche sind dabei. Mit den Russen wird jedenfalls teilweise kooperiert.

Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) inspizieren eine ehemalige IS-Stellung | Bildquelle: REUTERS
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Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) inspizieren eine ehemalige IS-Stellung in Rakka.

Ziel ist es herauszufinden, was die Terrororganisation plant, wenn sie ihr Herrschaftsgebiet in Syrien und dem Irak wohl bald vollkommen verloren haben wird. Vor allem aber sollen die Namen aller Kämpfer zusammengetragen werden, die sich dem IS angeschlossen haben. Denn die Angst ist groß, dass einstige Kämpfer als Flüchtlinge getarnt nach Europa einsickern und hier Anschläge begehen könnten.

Darüber hinaus wollen etwa deutsche Sicherheitsbehörden wissen, welche der rund 940 deutschen Islamisten beim Kampf um ihr selbst ernanntes Kalifat starben und somit aus den Fahndungslisten gestrichen werden können. Deshalb hat auch der Bundesnachrichtendienst erhebliche Ressourcen für das Projekt freigemacht.

Der "Staat" und seine Bürokratie

Das Ende des Kalifats ist eine gute Nachricht, aber eben nicht das Ende der terroristischen Bedrohung. Der Umfang der Operation sei inzwischen gewaltig, sagen mit dem Vorgang vertraute Personen. Im Irak und Syrien finden sich riesige Datenmengen, denn der "Islamische Staat" nannte sich nicht nur "Staat", er errichtete auch eine umfangreiche Bürokratie. Es existieren Dokumente von Scharia-Gerichten, Kämpferregister mit Anwesenheitspflicht und Kernarbeitszeit, IS-eigene Führerscheine und Zulassungen für Autos. Allein 30 Terra-Byte an Daten wurden zuletzt an die Amerikaner übermittelt.

Eine zentrale Rolle spielt auch ein eigens in Jordanien installiertes Hauptquartier, in dem inzwischen Verbindungsbeamte aus 19 Ländern mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Daneben existieren zahlreiche weitere Kooperationen: Der BND arbeitet auch mit Irakern und Kurden direkt zusammen, die beinahe täglich neue Daten sicherstellen.

Große Datenmengen, kein Austausch

Die Idee für die großangelegte Operation entstand im Frühjahr 2016. Damals machte ein besonderer Fund Furore: NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" sowie der britische Sender Sky berichteten über Einreisebögen des IS. Die Terrormiliz hatte für jeden ankommenden Rekruten eine eigene Personenkartei erstellt. Darin zu finden waren der Name, die Anschrift, vorherige Kampferfahrungen und bisweilen sogar die Blutgruppe.

Dann stellten unterschiedliche Geheimdienste und Polizeibehörden fest, dass auch sie seit einiger Zeit über Teile dieses "Mitgliederverzeichnisses" der Terrorgruppe verfügten. Aber nicht einmal die deutschen Behörden hatten das Material untereinander geteilt. Auch die Unsicherheit, welche Kämpfer noch leben und welche planen, nach Europa zu reisen, erhöht den Druck zur Zusammenarbeit.

Ein weiterer brisanter Fund des irakischen Militärs, über den die "Welt" im August berichtete, ging in diesem Jahr an Interpol: Eine Liste mit Namen und Fotos von 173 potenziellen Selbstmordattentätern. Sechs von ihnen stammen aus Europa, einer aus Deutschland. Der Deutsche soll inzwischen im Kampf verstorben sein. Aber niemand weiß, wie viele solcher Freiwilligen es noch gibt und wie viele solcher Listen noch erstellt wurden. Namen lassen sich einfach verändern, Pässe fälschen. Zur Sicherheit bemüht sich das Bundeskriminalamt um Zugang zu biometrischen Daten aus solchen Ländern, aus denen besonders viele der IS-Freiwilligen ursprünglich stammen - Fingerabdrücke und Fotos aus Tunesien etwa.

Kooperation - nicht immer einfach

Die Zusammenarbeit eröffnet aber auch Schwierigkeiten - beispielsweise mit den Amerikanern. Für sie zählen auch gezielte Drohnen-Angriffe außerhalb des eigentlichen Kriegsgebiets zu einem denkbaren Vorgehen. Mit deutschem Recht ist das nicht vereinbar. Der BND übermittelt deshalb alle seine Informationen stets mit dem Zusatz, dass diese für gezielte Tötungen außerhalb von Kriegsgebieten nicht verwendet werden dürften. Ob sich die Amerikaner in allen Fällen daran halten, wird man wohl nie erfahren.

Auf einen besonders wichtigen Fund in den Trümmern von Rakka hoffen auch die Mitarbeiter des kurdisch-arabischen Militärgeheimdienstes der SDF. Noch immer sind keine Dokumente der "Abteilung für Auslandsoperationen" des IS gefunden worden. Vielleicht, so die Erwartung, könnten sie noch irgendwo in Rakka liegen. Viele Gebäude konnten noch nicht durchsucht werden, weil überall Sprengfallen und Minen versteckt sein könnten.

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