IS-Kämpfer im Irak | Bildquelle: picture alliance / abaca

Was will der "Islamische Staat"? Zum Endkampf gegen "Kreuzzügler"

Stand: 21.11.2015 12:06 Uhr

Die "Kreuzzügler" zu einem Endkampf herausfordern und besiegen - nicht weniger als das will die Terrormiliz "Islamischer Staat" erreichen. In seinem monatlichen Magazin erklärt der IS offen, wer seine Hauptfeinde sind und wie er sie vernichten will.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Der "Islamische Staat" (IS) formuliert seine Drohungen unzweideutig: "Der Albtraum in Frankreich hat gerade erst begonnen!" In der zwölften Ausgabe des IS-Magazins "Dabiq", datiert vom 18. November, drohen die Terroristen unverhohlen mit weiteren Anschlägen gegen die "Crusaders", die Kreuzzügler oder Kreuzfahrer. Das Titelblatt von "Dabiq" ist professionell und modern gestaltet: Ein großflächiges Bild nach den Pariser Anschlägen, darunter die Schlagzeile "Just Terror" - übersetzt bedeutet das sowohl "Einfach Terror", "Nur Terror" als auch "Gerechter Terror".

Flotte Sprüche verknüpft mit der Darstellung von extremer Brutalität kennzeichnen das Konzept: In fast jeder Ausgabe werden IS-Gefangene gezeigt, bevor sie geköpft oder auf andere Weise ermordet werden. Auch Fotos eines jordanischen "Kreuzfahrer"-Piloten vor und nach seiner Verbrennung in einem Käfig veröffentlicht der "Islamische Staat" und erläutert, warum dieser den Tod verdient habe.

Titelblatt des IS-Propaganda-Magazins "Dabiq" (Screenshot)
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Titelblatt des IS-Propaganda-Magazins "Dabiq" (Screenshot)

Der IS verfolgt damit eine Strategie nach außen und innen: Gegner sollen eingeschüchtert, Sympathisanten mobilisiert und ideologisch munitioniert werden: "Dabiq" ist seit der ersten Ausgabe im Juli 2014 das Zentralorgan des IS, in dem in popkultureller Verpackung die Ideologie der radikalen Islamisten verbreitet wird und Feinde markiert werden. Eine Mischung aus Abenteuerromantik, Landserheft, Partei-Fibel, Poesiealbum und Ratgeber.

"Kreuzzügler in Ost und West"

Der IS schreibt im "Dabiq" von den "zerstrittenen Kreuzzüglern" in West und Ost und verhöhnt Russland als "tapsigen betrunkenen Bären", der in Syrien nun in die Falle gegangen sei. Die Angriffe des IS würden weitergehen, "bis in allen Regionen, die Russland besetzt" halte, die Scharia gelte.

Immer wieder erklärt der IS, wer warum zu seiner langen Feindesliste zählt und wie die Gegner untereinander zerstritten seien: Neben dem Westen als Hort des Liberalismus gehören auch die "Tawāghīt" dazu, ein Sammelbegriff für "Verräter" wie Jordanien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Ägypten. Auch kurdische Organisationen führt der IS in seiner Feindesliste auf, zum einen, weil sie marxistisch orientiert sind, zum anderen, weil die Idee eines Nationalstaats der Idee des Kalifats widerspreche. Der Hamas im Gazastreifen hält der IS zugute, dass sie einen Dschihad gegen Israel ausüben wolle. Doch akzeptiere die Hamas angeblich demokratische Ideen und stelle so den Willen des Volkes über den göttlichen.

Ebenfalls hetzt der IS gegen Flüchtlinge, die sich vor dem Krieg in Syrien in Europa in Sicherheit bringen wollen.

Komplizierte Machtverhältnisse in Syrien: Kurden, Türkei, IS, Assad und Russland kämpfen - für verschiedene Ziele.
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Komplizierte Machtverhältnisse in Syrien: Kurden, Türkei, IS, Assad und Russland kämpfen - für verschiedene Ziele.

Mutmaßlicher Drahtzieher von Paris im Interview

Pauschal werden so klare Feindbilder und ein eindeutiges Weltbild geliefert. Damit all das nicht abstrakt bleibt, erzählt "Dabiq" die Geschichten der IS-Opfer und der vermeintlichen IS-Helden auf persönlicher Ebene - illustriert mit zahlreichen Bildern, die Freundschaft und Kampf zeigen sollen. Im Februar veröffentlichte "Dabiq" beispielsweise ein Interview mit Abdelhamid Abaaoud, der als Drahtzieher der Anschläge von Paris gilt. "Nach seiner Ankunft in Großsyrien haben wir 'Salam' zu unserem Bruder gesagt", der wegen seines "heiligen Kriegs" in Belgien von westlichen Geheimdiensten verfolgt werde, schreibt das IS-Magazin. Warum er nach Belgien gegangen sei, fragt "Dabiq". Die Antwort von Abaaoud: Allah habe ihn ausgewählt, nach Europa zu reisen und die "Kreuzfahrer" zu terrorisieren.

Anschließend berichtet Abaaoud wie über ein Abenteuer von den Vorbereitungen seiner islamistischen Zelle für Anschläge in Europa - bis man aufgeflogen sei. Dennoch: Kein Muslim solle die Geheimdienste der "Kreuzzügler" fürchten, appelliert der Terrorist. Obgleich sein Foto in vielen Medien zu sehen gewesen sei, habe er in Europa bleiben und weitere Operationen planen können. Als Ziel des "heiligen Kriegs" nannte Abaaoud ausdrücklich die USA, Australien, Kanada, Belgien, Frankreich und Deutschland.

Abaaoud-Interview im "Dabiq"
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Auf ein "Salam" mit Abaaoud: Der Terrorist erzählt eine Abenteuer-Geschichte von seinem Dschihad in Europa.

Sicherheitsexperten sehen eine klare Reihenfolge in der Feindesliste des "Islamischen Staates". Als erstes wurden die arabischen Despoten und Schiiten attackiert. Nun trägt der IS seinen Krieg auch in andere Staaten. Es folgten Anschläge in der Türkei und auf ein russisches Flugzeug über dem Sinai. Der IS will destabilisieren, verunsichern - und provozieren. In einigen Jahren soll es dann zu einem Endkampf kommen - in der nordsyrischen Stadt Dabiq, die als Namensgeber des IS-Magazins fungiert.

Die Bürokratie des Terrors

Der größte Unterschied zur Terrororganisation "Al Kaida" besteht darin, dass der IS den Dschihad weiterentwickelt hat und sich auf quasi-staatliche Institutionen stützt. Der IS bezeichnet sich nämlich nicht nur als Staat - sondern hat tatsächlich entsprechende Strukturen errichtet. Dies belegten bereits vor einem Jahr ausgewertete Geheimpapiere - eine Bürokratie des Terrors. So gibt es innerhalb der Terrororganisation etwa eine Krankenversicherung, Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer.

Professor Peter Neumann vom King's College London sagte: "Diese Dokumente bestätigen im Prinzip, dass diese gesamte Organisation eigentlich viel rationaler und viel durchdachter ist, als wir uns das bisher vorgestellt haben." Die extrem brutalen Bilder und Videos, die der IS verbreitet, dürften auch dazu gedient haben, die kühle Rationalität der Terrormiliz zu verschleiern.

Weltspiegel Extra: "Die Bürokratie des Terrors"
Weltspiegel Extra über die Innenansichten des "Islamischen Staates"

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Als ein "Mastermind" hinter IS gilt Haji Bakr, ehemaliger Geheimdienst-Mann im Irak unter Saddam Hussein. Er habe ein "Stasi-Kalifat" entwickelt, in dem jeder jeden überwacht, analysiert der Journalist Christoph Reuter in seinem Buch "Die schwarze Macht".

Stärke und Schwäche zugleich

Die staatlichen Strukturen des IS sind zwar eine Stärke der Terrormiliz, aber gleichzeitig eine Schwäche. Denn im Gegensatz zu Terrorgruppen, die sich im Untergrund verschanzen und in autonomen Zellen organisiert sind, kann die internationale Allianz die Infrastruktur des "Islamischen Staates" lokalisieren und angreifen. US-Außenminister John Kerry zeigte sich optimistisch, dass der Kampf gegen den IS gewonnen werden könne. Es habe mehrere Jahre gedauert, bis man in der Lage gewesen sei, Osama bin Laden und die Führung von Al Kaida zu "neutralisieren". Beim "Islamischen Staat" hoffe man, dies weit schneller zu schaffen.

Der "Islamische Staat" versucht gar nicht erst, die militärische Überlegenheit der internationalen Allianz zu leugnen, ist doch genau der Kampf gegen eine Übermacht ein wichtiger Teil der Propaganda. Und so verkündet "Dabiq" in der jüngsten Ausgabe: "Lass die Kreuzzügler wissen: Trotz des militärischen Arsenals der Kreuzzügler wird der 'Islamische' Staat bleiben."

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