Flüchtlinge auf der Balkanroute

Schleuser für Terroristen IS spionierte Balkanroute aus

Stand: 17.02.2017 18:00 Uhr

Viele IS-Terroristen haben die Flüchtlingsroute über den Balkan genutzt. Die Vernehmungen eines Schleppers zeigen, wie das passieren konnte. WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung haben einen Einblick bekommen.

Von Lena Kampf und Georg Heil, WDR

"Ich habe Fehler gemacht und bitte um Entschuldigung. Ich war damals einfach jung." Zwei Sätze am Ende einer der langen Vernehmungen von Bilal C. in einer Haftanstalt in Heinsberg nahe der niederländischen Grenze. Der Algerier soll den Pariser Attentätern geholfen haben, unerkannt nach Belgien und Frankreich zu gelangen.

Wie eine Art Scout reiste er die Balkan-Route entlang und schickte Fotos, Tipps und Erfahrungen an Abdelhamid Abaaoud, den Drahtzieher des Terrors von Paris. Das Geständnis C.s gegenüber dem Bundeskriminalamt liefert nicht nur neue Erkenntnisse über die Vorgeschichte des Pariser Massakers. Es belegt auch, wie gezielt der "Islamische Staat" (IS) die Flüchtlingsroute mindestens in der Vergangenheit nutzte, um seine Kämpfer nach Europa zu schleusen.

Abdelhamid Abaaoud
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Abdelhamid Abaaoud, Drahtzieher der Anschläge von Paris.

Kennenlernen in der Türkei

C. lernte Abaaoud Ende 2014 in der türkischen Grenzstadt Erdine kennen, wo C. sein Geld als Schlepper verdiente. Er half Abaaoud und seinen Freunden, Anfang 2015 nach Griechenland zu gelangen. Doch Abaaoud hatte wohl mehr mit ihm vor: Er schickte ihn nach Syrien in das Gebiet des IS, wo C. eine militärische Ausbildung erhielt.

Abaaoud wollte C. offenbar wegen dessen Erfahrung erneut als Schleuser nutzen: Im Sommer 2015 erhielt C. den Auftrag, einen Mann namens "Andalusi" in Istanbul zu treffen und ihn nach Europa zu bringen. Nach C.s Aussage erhielt er dafür 5000 Euro. Obwohl Abaaoud zu dieser Zeit schon international gesucht wurde, war das Vorgehen nur begrenzt konspirativ - C. und er kommunizierten über Facebook, der Name des Kontos: "Protocole Walodiwalo".

Leben wie ein echter Flüchtling

Insgesamt konnten die Ermittler 429 ausgetauschte Einzelchats innerhalb eines Monats feststellen. Die Nachrichten konnten nicht mehr rekonstruiert werden, C. hatte sie gelöscht. Aber er erzählte, dass er Wegbeschreibungen übermittelt habe, Bilder von bestimmten Reisepunkten und Grenzübergängen. C. erlebte als Vorhut für Abaaoud das, womit auch viele tatsächliche Flüchtlinge konfrontiert waren: Fast täglich wechselnde Grenzöffnungen- oder schließungen und unvorhergesehene Kontrollen - er musste sich ständig an die sich im Umbruch befindende europäische Flüchtlingspolitik anpassen.

C. selbst gelang gemeinsam mit "Andalusi" Anfang August nach Köln. "Andalusi", der mit richtigem Namen Ayoub El Khazzani heißt, stieg rund zwei Wochen später, am 21. August 2015, in Brüssel in einen Thalys-Schnellzug und versuchte mit einer Kalaschnikow um sich zu schießen, wurde aber schnell überwältigt.

Auslieferung an Frankreich

Dass IS-Terroristen ihre Kämpfer über die Balkanroute nach Westeuropa schleusen würden, hatten die deutschen Sicherheitsbehörden zunächst für sehr unwahrscheinlich gehalten. Es sei für den IS zu gefährlich, Kämpfer ohne Sprach- und Ortskenntnisse auf die Reise zu schicken. Die Theorie galt, bis sich herausstellte, dass an den Pariser Anschlägen zwei als Flüchtlinge getarnte Männer beteiligt waren.

Dass Abaaoud und El Khazzani Anschläge planten, davon will C. nichts gewusst haben. "Mein Mandant hatte keine Kenntnis der Pläne", sagt sein Anwalt Andreas Fleuster. C. soll jetzt an Frankreich ausgeliefert werden. Vor dem Oberlandesgericht Köln wurde mittlerweile ein Auslieferungshaftbefehl verkündet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Februar 2017 um 18:37 Uhr.

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