Ministerpräsident Leo Varadkar | Bildquelle: picture alliance / empics

Irlands neuer Regierungschef Multikulturell, schwul - und jetzt Premier

Stand: 02.06.2017 19:28 Uhr

Seine Anhänger vergleichen ihn gerne mit Macron oder Trudeau. Doch so ganz passt der neue irische Premier Varadkar nicht in diese Reihe. Zwar ist er jung und entspricht in vielerlei Hinsicht nicht dem Klischee-Iren. Trotzdem ist er Establishment.

Von Danny Marques Marcalo für tagesschau.de

Taoiseach, so wird in Irland der Premierminister genannt und der neue Taoiseach ist homosexuell. Geboren wurde Leo Varadkar in Dublin als Sohn eines indischen Vaters und einer irischen Mutter. Er ist erst 38 Jahre alt und lebt offen schwul. Sein Aufstieg ist ein weiterer Beleg, wie gravierend sich Irland in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

"Das Klischee des katholischen, konservativen Irland gilt schon lange nicht mehr", sagt Professor Jürgen Elvert, Irland-Experte an der Universität Köln im Gespräch mit tagesschau.de. Irland sei im Gegensatz zu früher ein offenes Land. Noch bis 1993 stand Homosexualität unter Strafe. 1995 wurden erstmals Scheidungen erlaubt.

Die Moralhüter der katholischen Kirche hätten ihren Einfluss verloren, so Elvert. Als eine Ursache sieht er mehrere Missbrauchsskandale, die der Kirche geschadet hätten. Viele Menschen hätten sich danach abgewendet. Damit die Kirche überhaupt noch relevant bleibe, würden viele Geistliche sich nun nicht mehr kategorisch gegen den Zeitgeist stellen.

Leo Varadkar und Paschal Donohoe | Bildquelle: picture alliance / empics
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Leo Varadkar (li., hier auf einem Foto von 2016, damals war er Gesundheitsminister) mit seinem für Sport zuständigen Kabinettskollegen Paschal Donohoe.

Öffentliches Coming Out im Wahlkampf

Laut Historiker Elvert spielt es für das moderne Irland keine Rolle, dass Varadkar homosexuell ist. Diese Einschätzung wird durch das Ergebnis eines Referendums bestätigt, bei dem die Iren 2015 über die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe abstimmen durften. Fast zwei Drittel der Bürger sprachen sich dafür aus, seitdem ist die Ehe erlaubt.

Varadkar selbst outete sich im Rahmen der Wahlkampagne für ein "Ja" zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Unterstützt wurde er dabei auch von seiner Partei, der liberal-konservativen Fine Gael, dessen Vorsitzender er nun auch ist. Dem öffentlich-rechtlichen Sender RTE sagte er: "Mein Privatleben definiert mich nicht. Es ist einfach ein Teil von mir."

Nach dem Rücktritt des bisherigen Premiers Enda Kenny Mitte Mai hatte Varadkar einen parteiinternen Machtkampf um dessen Nachfolge gewonnen. Ein Wahlkollegium seiner Partei Fine Gael bestimmte ihn zum Vorsitzenden.

Die Partei führt derzeit eine Minderheitenregierung. Voraussichtlich soll Varadkar am 13. Juni offiziell als Premier bestätigt werden, wenn das Parlament wieder zusammentritt.

Eher ein "Parteisoldat"

Anstecker "I'm voting YES"
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2015 stimmte Irland für die gleichgeschlechtliche Ehe. Im Wahlkampf outete sich Varadkar.

"Er ist ein Parteisoldat, der schon mehrere Ministerien geleitet hat", sagt Jürgen Elvert über den neuen Taoiseach. Er verkörpere das Establishment in Dublin. "Das unterscheidet ihn auch ganz deutlich von einem Emmanuel Macron in Frankreich, der das Parteiensystem dort aufgebrochen hat", so Elvert.

Den Vergleich zu Macron, oder auch zum kanadischen Premier Justin Trudeau ziehen vor allem Varadkars Unterstützer gerne. Alle drei wurden in den 70er-Jahren geboren. Sie gelten als Vertreter eines frischen, neuen Politikstils. Die Zeitung "Irish Times" schreibt, auch die Parteispitze von Fine Gael setze darauf, dass Varadkar mit Macron oder Trudeau verglichen wird. In einem Artikel heißt es: "Viele in der Partei sind der Meinung, Varadkar wirke gar nicht wie ein Politiker. Das entspricht dem Zeitgeist."

Experte Elvert warnt allerdings davor, zu sehr auf den Faktor Ungewöhnlichkeit zu setzen: "Varadkar mag indische Wurzeln haben, aber am Ende ist er Ire durch und durch."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Juni 2017 um 21:00 Uhr.

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