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Spätestens seit dem arabischen Frühling weiß Irans Regierung um die Macht von Blogs und sozialen Netzwerken. Vor der Parlamentswahl am Freitag will die Regierung daher kein Risiko eingehen: Eine neue Cyber-Polizei überwacht und verfolgt Netz-Aktivisten. Die Repressalien zeigen Wirkung.
Von Yalda Kiani, Deutsche Welle
Peitschenhiebe für Blogger, Festnahmen von Web-Aktivisten, Attacken gegen den Kurznachrichtendienst Twitter - kurz vor den anstehenden Parlamentswahlen im Iran nimmt laut Amnesty International die Verfolgung von Oppositionellen zu. Insbesondere der Druck auf Internet-Nutzer werde verschärft, heißt es in einem jüngst veröffentlichten Bericht. Um Widerstand im Netz zu verhindern, habe das Regime ganz neue Überwachungsmaßnahmen eingeführt: "Eine neu geschaffene Cyber-Polizei zwingt seit vergangenem Monat die Besitzer von Internetcafés, Überwachungskameras zu installieren und die Identität der Internet-User festzuhalten", so der Amnesty-Report.
Erst kürzlich erklärte Irans Innenminister Muhammad Mustafa Nadschar, alle Aktivitäten auf Online-Plattformen und in sozialen Netzwerken, die zum Wahlboykott aufrufen, würden unter Strafe gestellt. Ehsan Norouzi, Webaktivist aus Teheran, ist sich sicher: "Die Regierung strebt die Säuberung des Netzes von Dissidenten und Oppositionellen an. Sie will verhindern, dass das Internet zum Instrument des Widerstands wird."
[Bildunterschrift: Unmissverständlich: die Aufforderung zur Wahl zu gehen. ]
Die umstrittene Präsidentschaftswahl 2009 und spätestens der arabische Frühling haben dem Regime in Teheran deutlich gemacht, welche Macht in Blogs und sozialen Netzwerken steckt. Das Land arbeitet seit Jahren an einem komplizierten Filtersystem zur Zensur von Webseiten. Zugangssperren, reduzierte Geschwindigkeit von Internetverbindungen, Verhaftung von Webaktivisten und blockierte Websites sollen verhindern, dass die iranischen User an unzensierte Informationsquellen im Netz gelangen.
Im Zuge der neuesten Zensurverschärfungen ließ Iran zudem Gmail, Yahoo, Youtube und verschlüsselte Webseiten sperren. Diese Schritte gehören zu der bereits im Frühling 2011 begonnenen Aktion "Halal Internet" ("Internet ohne unmoralische Inhalte"), das iranischen Usern den Zugang zu ausländischen Seiten unmöglich machen soll. Seit den Wahlen 2009 habe die Regierung ihre Überwachungsmaßnahmen kontinuierlich verstärkt, sagt Aktivist Norouzy. Doch die jüngsten Verschärfungen seien beispiellos: "Damit versucht das Regime, die Bevölkerung allmählich komplett vom Internet abzukoppeln."
All diese Maßnahmen haben den Widerstand im Web nicht ersticken können. In Blogs, auf einigen Facebook-Seiten oder über den Kurznachrichtendienst Twitter rufen Iraner seit Wochen zum Wahlboykott auf. Doch die Zensur hat ihre Spuren hinterlassen. Die iranische Blogosphäre, die trotz Zensur und Verhaftungen von Aktivisten nach den Protesten 2009 immer noch lebendig war, leidet am meisten unter den Einschränkungen. Der iranische Blogger Arasch Abadpour ist überzeugt, dass die neuesten Überwachungsmaßnahmen und die technischen Einschränkungen die Blogosphäre massiv beeinflusst haben: "Aus Angst vor der ständigen Überwachung und Strafverfolgung versuchen Blogger, kein Risiko mehr einzugehen. Deshalb werden deutlich weniger kritische Inhalte produziert."
[Bildunterschrift: Wahlkampf offiziell: Wahlhelfer verteilen Flugblätter. ]
Der iranische Student Amir Shafizade betreibt seit vier Jahren eine Webseite, in der er und andere Mitglieder sich satirisch zu politischen Themen äußern. Die Seite hat mehr als 200.000 Mitglieder und ist auch auf Facebook vertreten. Doch auch in sozialen Netzwerken zeigen die Repressalien inzwischen Wirkung. "Die Nutzer werden eindeutig zurückhaltender", sagt Amir. "Früher wurden einige unserer Beiträge bis zu 100.000 Mal angesehen, heute registrieren wir nur noch maximal 30.000 Klicks."
Die meisten der 30 Millionen iranischen Internetnutzer sind jung. Die oppositionellen Web-Aktivisten unter ihnen kennen sich gut mit den neuen Technologien aus und können die Zensur meistens umgehen. Doch sie seien nicht repräsentativ, meint Student Amir Shafizade: "Die virtuellen Diskussionen dieser Spezialisten - und auch ihr Widerstandsgeist - dringen nicht bis in die Gesellschaft durch. Denn sie reden von Dingen, die für den Durchschnittsuser unverständlich sind."
Doch die verschärfte Internetzensur könnte für das Teheraner Regime auch einen unerwünschten Effekt haben. So könnte der Druck dazu führen, dass die oppositionellen Internet-User ihre Aktivitäten in der realen Welt fortsetzen, meint Web-Spezialist Amir - und gibt ein ganz persönliches Beispiel: "Wenn meine Schwester sich nicht mehr über Facebook mit ihren Freunden austauschen kann, wird sie sicherlich unsere Eltern überreden, die Wahl zu boykottieren." Schließlich habe die Generation ihrer Eltern früher auch schon rebelliert - ohne Hilfe von Facebook und Twitter.
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