Seitenueberschrift
Streit um iranisches Atomprogramm
USA beenden Israels Angriffshoffnungen
"Israel kann das iranische Atomprogramm nicht alleine zerstören" - mit dieser Einschätzung hat der US-Verteidigungsminister den israelischen Angriffsambitionen ein Ende gesetzt. Laut Medienberichten wollen die USA die Diskussion auf die Zeit nach der Präsidentenwahl verschieben.
Von Sebastian Engelbrecht, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv
Der Schrecken, den die israelische Führung weltweit verbreitete, hat vorläufig ein Ende. Der amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta und sein Generalstabschef Martin Dempsey haben der israelischen Armee die Fähigkeit abgesprochen, im Alleingang die Atomanlagen des Iran zu zerstören.
Dempsey sagte unmissverständlich über das israelische Militär: "Ich denke, dass es eine faire Einschätzung ist, wenn ich sage, dass sie das iranische Atomprogramm hinauszögern, es jedoch nicht zerstören können."
Seit diesen deutlichen Worten des US-Generalstabschefs sind die Kriegsdrohungen des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak und von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verstummt. Es scheint, als hätte der große Verbündete in Washington mit der Faust auf den Tisch gehauen und das ungeduldig auf einen Krieg gegen Iran drängende Israel zum Schweigen gebracht.
USA beenden Israels Angriffshoffnungen
S. Engelbrecht, ARD Tel Aviv
16.08.2012 12:38 Uhr
"Die Amerikaner wissen, was sie Israel geben"
Der ehemalige israelische Generalkonsul in New York, Assi Schariv, sieht hier eine Herabwürdigung Israels durch die US-Regierung: "Ein 'Nein' hört Israel schon seit langem. Aber sie haben gesagt, dass Israel nicht fähig ist. Es ist nicht, dass sie nein gesagt hätten, es ist viel schlimmer", sagt Schariv. "Die amerikanische Haltung in der Sache ist schon seit langem klar, nur dass der Verteidigungsminister und der Generalstabschef öffentlich gesagt haben: Auch wenn ihr Euch für einen Angriff entscheidet, könnt ihr es doch sowieso nicht. Das ist viel schwerwiegender. Die Amerikaner wissen, was sie uns geben, und sie kennen die israelischen Fähigkeiten. Es gibt auch schon seit langem Verhandlungen in der iranischen Sache, darüber, was wir kriegen können und was nicht. Sie haben also ziemlich genaue Kenntnis darüber, was Israel hat."
Die US-amerikanische Regierung hat Israel bis heute nicht mit den Waffen ausgerüstet, die es bräuchte, um die unterirdischen Atomanlagen des Iran zu treffen: Bunkerbrecherbomben und moderne Auftankflugzeuge. Washington will sich vor den Präsidentschaftswahlen im November nicht mehr mit den Kriegsambitionen Israels herumschlagen. Deshalb fiel das "Nein" in Richtung Jerusalem so deutlich aus und düpierte die Regierung Netanjahu.
Deal für die Zeit nach der US-Wahl?
In den israelischen Medien zeichnet sich eine mögliche andere Lösung ab. Der zehnte Fernsehkanal und die Zeitung "Ma’ariv" berichten, es werde Ende September oder Anfang Oktober möglicherweise ein amerikanisch-israelisches Spitzentreffen geben. Dabei könnte sich Israel verpflichten, vor den US-Wahlen im November auf einen Angriff auf den Iran zu verzichten.
Im Gegenzug würden die USA zusichern, das Atomprogramm Irans bis zum Juni nächsten Jahres zu stoppen - auf welche Weise auch immer.
Widerstand gegen einen Angriff auf Iran formiert sich auch in Israel selbst. Mehr als 400 Israelis, darunter auch Tel Aviver Universitätsprofessoren, haben einen Aufruf an die Bomberpiloten der israelischen Armee unterzeichnet. Darin werden sie aufgefordert, den Gehorsam zu verweigern, falls sie den Befehl zu einem Angriff auf Iran erhalten sollten.
Stand: 16.08.2012 13:33 Uhr
