Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Massive Proteste der Opposition: Im Iran werden nicht nur aus der Hauptstadt Unruhen gemeldet, sondern auch aus Isfahan, Täbriz und Najafabad. Dabei starben nach Angaben der Regimegegner in Teheran mehrere Menschen. Unter ihnen soll auch ein Neffe von Oppositionsführer Mussawi sein.
Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkstudio Istanbul
[Bildunterschrift: Proteste in Teheran: Demonstranten in der Innenstadt der iranischen Hauptstadt ]
Die Unruhen in mehreren Städten Irans, die bereits in den vergangenen Tagen zahlreiche Verletzte forderten, halten an und werden immer gewalttätiger. Nach Angaben oppositioneller Webseiten soll es bei schweren Zusammenstößen in der Hauptstadt Teheran mehrere Tote gegeben haben, unter ihnen soll auch der Neffe von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi, Ali Mussawi, sein.
Während am Nachmittag ein Polizeisprecher Meldungen über Tote noch gegenüber der Nachrichtenagentur Fars dementierte, wurden diese inzwischen vom iranischen Staatsfernsehen bestätigt. Demonstranten verteilten Fotos, auf denen Leichen und Schwerverletzte zu sehen waren. Zudem stellten sie die Aufnahmen ins Internet. Zahlreiche Augenzeugen berichten, dass am späten Vormittag eine große Rauchwolke über dem Zentrum von Teheran gestanden habe. Entlang der gesamten 15 Kilometer langen Hauptverkehrsachse "Enqelab" - vom Imam-Hossein-Platz im Osten bis zum Freiheitsplatz im Westen - soll es immer wieder zu Protestaktionen gekommen sein. Die Polizei soll massiv Tränengas und Pfefferspray eingesetzt haben. Immer wieder waren Slogans wie "Tod dem Diktator" zu vernehmen.
[Hinweis: Sie benötigen das Flash-Plugin und aktiviertes Javascript um das Video zu sehen.]
[Bildunterschrift: Ein Demonstrant in Teheran steht vor einer Straßensperre der Polizei. ]
Zur Stunde ist es schwierig, sich ein vollständiges Bild über die Lage im Iran zu machen. Denn Zusammenstöße werden nicht nur aus der Hauptstadt gemeldet, sondern auch aus Isfahan, Täbriz und Najafabad, der Heimatstadt des am vergangenen Sonntag verstorbenen oppositionellen Großajatollahs Hussein Ali Montaseri. Allem Anschein nach haben Wut und Gewalt - auch unter den Demonstranten - zugenommen. Mehrere Polizisten wurden von ihnen überwältigt. Sie bekamen von den Demonstranten nicht nur ihre Schlagstöcke und Sicherheitswesten abgenommen, sondern sogar ihre Schuhe. Zudem wurden Autos, Motorräder der Polizei sowie Abfalleimer angezündet.
Viele der Jugendlichen riefen Parolen, die denen der Revolutionäre vor 30 Jahren ausgesprochen ähnlich waren. Sie seien bereit, im Kampf gegen das islamistische System zu sterben. Gleichzeitig riefen sie: "Nieder mit dem Betrügerstaat. Unser Sieg steht kurz bevor." Die Proteste gegen die Regierung Ahmadinedschad, die laut Demonstranten bis in die Nacht hinein weitergehen sollen, halten seit vergangenem Sonntag an, als Großajatollah Montaseri starb. Er galt als der angesehenste Theologe des Landes und massivste Kritiker des Systems.
Am heutigen Sonntag feiern die schiitischen Iraner das Aschura-Fest. Es erinnert an die Schlacht von Kerbela im Jahr 680, die die Trennung zwischen den muslimischen Gruppen der Sunniten und Schiiten manifestierte. Aschura ist für Schiiten der Höhepunkt des wichtigen und hochemotionalen Trauermonats Moharram.
[Bildunterschrift: Polizisten in Teheran verfolgen demonstrierende Regimegegner. ]
Bereits zur Zeit des Schahs kam es an diesem Festtag wiederholt zu Auseinandersetzungen. Denn die Revolutionsbewegung um Ajatollah Ruhollah Khomeini interpretierte die Erinnerungsfeiern an die Schlacht von Kerbala als Vorbild für den politischen Widerstand. Heute hat sich die Stoßrichtung des Protestes geändert. Zwar gilt sie - wie schon unter dem Schah - dem politischen Establishment, dieses wird aber durch die Nachfolger Khomeinis gebildet.
Im Iran demonstriert die Opposition mittlerweile seit einem halben Jahr. Anlass war die Präsidentenwahl am 12. Juni, deren Ergebnis ihrer Meinung nach manipuliert war.
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW