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22.03.2010

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Märtyrertum im Iran: Gründungsmythos Opfertod
Märtyrertum im Iran

Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse

Wer sich durch Teheran bewegt, tritt immer wieder in Kontakt mit sogenannten Märtyrern. Zahlreiche Häuserfronten zieren die Konterfeis von sterbenden Männern, die für die Islamische Republik ihr Leben ließen, zahlreiche Autobahnen sind nach ihnen benannt.

Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Schiiten geißeln sich im irakischen Kerbala anlässlich des Aschura-Festes. (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Schiiten geißeln sich im irakischen Kerbala anlässlich des Aschura-Festes. ]
Ganz im Süden Teherans, in Sichtweite der Goldenen Kuppeln des Mausoleums von Ajatollah Khomeini, befindet sich ein fünf Quadratkilometer großer Friedhof. Sein Name lautet Behesht-e Zahra - das Paradies der Sarah - und ist der Tochter des Propheten Mohammed gewidmet. Ein eigens markierten Feld dieses riesigen Geländes gilt den sogenannten Märtyrern.

Mit dem Plastikschlüssel ins Paradies

Gemeint sind die Kämpfer der Islamischen Revolution sowie die Toten im Krieg gegen den Irak in den Achtzigerjahren. 30.000 von ihnen haben hier ihre letzte Ruhe gefunden, und jeder hat auf dem Grab einen eigenen kleinen Schaukasten, in dem ein mittlerweile verblasstes Foto zu sehen ist. Viele von ihnen waren Jugendliche, die sich mit einer Granate in der Hand und einem Plastikschlüssel um den Hals als Zeichen für das wartende Paradies vor die feindlichen Panzer warfen.

In einer Moschee in Yazd, 700 Kilometer südlich von Teheran, schlagen sich Gläubige selbst, um an den Märtyrertod Husseins zu erinnern. (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: In einer Moschee in Yazd, 700 Kilometer südlich von Teheran, schlagen sich Gläubige selbst, um an den Märtyrertod Husseins zu erinnern. ]
So ging auch der damals 14-jährige Mehrdad Azizollahi aus Isfahan an die Front und erklärte zuvor seinen Freunden, dass dies für ihn eine Art religiöser Akt sei: "Es waren die brüderlichen Kämpfer, die mir von der Front erzählten und mich überzeugten. Sie erzählten mir von der menschlichen Umwandlung in jeder Hinsicht und dass die Menschen von ihren Unreinheiten befreit würden. Dort im Paradies würden keine Sünden mehr begangen. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Gottes Willen zu erfüllen und mich zu befreien von meinen Sünden."

Im Zentrum steht die Schlacht von Kerbala

Dass Ajatollah Khomeini einst seine Mobilmachung so erfolgreich theologisch untermauern konnte, liegt an der zentralen Bedeutung des Märtyrertums für den Schiismus. Denn der Gründungsmythos dieser im Iran mehrheitlich praktizierten Form des Islams liegt letztlich in einem Opfertod. Die Passion des Prophetenenkels Hussein nämlich hat sich ins kulturelle Gedächtnis der Schiiten eingegraben wie kein zweites Ereignis in der Geschichte ihrer Religion.

Im Zentrum steht dabei die Schlacht von Kerbala im Jahr 680, die die endgültige Trennung zwischen Sunniten und Schiiten besiegelte. Damals scheiterte die schiitische Hoffnung, ihren dritten Imam, Hussein, zum Kalifen zu machen - also zum Oberhaupt der gesamten islamischen Gemeinde. Denn Hussein, der von großer Opferbereitschaft gekennzeichnet war, trat zusammen mit nur 71 Getreuen gegen das 10.000 Kämpfer zählende Heer der Ommayaden an und ging unter.

Hunderttausende Schiiten erinnern in Kerbala an den Tod Husseins. (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Hunderttausende Schiiten erinnern in Kerbala an den Tod Husseins. ]
Die Schlacht von Kerbala steht seitdem nach schiitischer Lesart symbolisch für den Kampf zwischen "Gut und Böse". Und jedes Jahr am Aschura-Fest, dem 10. Tag des islamischen Trauermonats Moharram, wird der Ereignisse von einst gedacht. Wie bei den christlichen Prozessionsspielen führen Laienschauspieler die Ereignisse mit großer Anteilnahme auf, und unter dem rhythmischen Gesang wortgewaltiger Vorsänger geißeln sich gestandene und tiefgläubige Männer mit Ketten und Peitschen, um die Niederlage Husseins zu beklagen und symbolisch für sie zu büßen.

Kraft aus Zeremonien

Aus diesen Zeremonien - so heißt es - beziehen die Schiiten ihre Glaubensstärke und ihre Widerstandskraft. Denn nicht nur der Opfertod Husseins ist ein für die Mehrheit der Iraner prägendes Ereignis. Letztlich werden alle elf Nachfolger des Propheten, die die Schiiten Imame nennen und eines unnatürlichen Todes gestorben sind, von ihnen als Märtyrer verehrt. Im Volksglauben werden sie immer wieder angerufen und prägen zudem den Alltag.

Deshalb sagte der ehemalige Parlamentssprecher Gholam-Ali Haddad-Adel mit Blick auf die oft skeptischen Blicke aus dem Westen: "Sie verstehen nicht, dass eine Bewegung in der islamischen Welt begonnen hat, die sie nicht mehr stoppen können. Unser verstorbener Führer Khomeini hat sie ausgelöst, und diese Fahne wird heute von unserem Führer von diesem Volk und den Märtyrern hochgehalten."

"Wir wollen uns nicht opfern"

Auch in Teheran geißeln sich Schiiten anlässlich des Aschura-Festes. (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Auch in Teheran geißeln sich Schiiten anlässlich des Aschura-Festes. ]
Wer sich durch Teheran bewegt, tritt immer wieder in Kontakt mit sogenannten Märtyrern. Denn zahlreiche große Häuserfronten zieren die Konterfeis von sterbenden Männern, die für die Islamische Republik ihr Leben ließen. Zudem tragen fast alle großen Autobahnen in der iranischen Hauptstadt die Namen von Menschen, die als Märtyrer verehrt werden. Darüber hinaus gibt es eine eigene Internetseite, auf der die iranischen Märtyrer aufgelistet werden. Im Laufe der Jahre sind es über 200.000 geworden, so dass wegen des häufigen Gebrauchs dieses Titels mittlerweile sogar Kritik von Theologen aufkommt. Dieser inflationäre Gebrauch schwäche den Glauben.

Dass diese Kritik berechtigt ist, zeigt vor allem die städtische Jugend im Iran. Bei ihr scheint die islamische Staatsdoktrin immer weniger zu fruchten. Denn die Jüngeren nehmen eine tiefe Diskrepanz wahr zwischen den hohen Worten der Politik und der vielfach bescheidenen Realität. Und so nimmt es nicht wunder, dass diese junge Frau aus Teheran frank und frei bekennt: "Der Märtyrertod hat für mich und meine Freunde keinen besonderen Stellenwert. Wir gehen zur Schule, um zu lernen und ein besseres Leben zu haben - und nicht um zu sterben. Wir haben auch keine besondere Idee oder Glaube, wofür wir uns opfern müssen."

Stand: 27.12.2009 13:38 Uhr
 

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