Polizeiabsperrung in Teheran | Bildquelle: picture alliance / abaca

Nach Anschlägen in Teheran Bricht eine alte Feindschaft wieder auf?

Stand: 07.06.2017 18:37 Uhr

Nach den Anschlägen von Teheran und den Spannungen um Katar befürchtet ARD-Korrespondent Baumgarten eine Eskalation am Golf. Denn nun bräche die alte Feindschaft zwischen dem Iran und Saudi-Arabien wieder auf, sagte er im Gespräch mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Wieso greift der IS anscheinend nun auch den Iran an?

Reinhard Baumgarten: Der Iran ist massiv involviert in den Kampf gegen den IS. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Terrormiliz nun auch im Iran Anschläge verübt. Der Iran ist im Irak eine der treibenden Kräfte gegen den IS. Die von ihnen unterstützten Kräfte waren beteiligt an der Rückeroberung von Falludscha und von Ramada. Auch in Mossul spielen sie derzeit eine große Rolle. Es gibt deswegen schon seit geraumer Zeit massive Drohungen gegen den Iran.

alt Reinhard Baumgarten, SWR

Zur Person

Reinhard Baumgarten leitet das ARD-Hörfunkstudio in Istanbul. Zu seinem Berichtsgebiet gehört auch der Iran, den er seit 2011 regelmäßig bereist.

"Der IS lehnt Demokratien als unislamisch ab."

tagesschau.de: Gibt es bei den heutigen Anschlägen eine Symbolik? Warum heute, warum diese Anschlagsorte?

Baumgarten: Die Symbolik ist klar: Khomeini ist der Begründer der islamischen Republik Iran. Für den IS ist die Verehrung von Toten Ketzerei. Deswegen auch immer wieder Anschläge auf die Pilgerzentren der Schiiten, Nadschaf und Kerbala im Irak. Das Parlament ist sicherlich ausgesucht worden, weil der Iran, mit vielen Einschränkungen, eine der ganz wenigen "Demokratien" im Nahen Osten ist. Ein solches Haus anzugreifen ergibt meiner Meinung nach sehr viel Sinn, weil der IS parlamentarische Demokratien als unislamisch ablehnt.

tagesschau.de: Der IS ist sunnitisch geprägt, und auch im Iran gibt es eine sunnitische Minderheit. Wie groß ist ihre Unzufriedenheit?

Baumgarten: Zum Teil sehr groß. Das sieht man insbesondere in der Region Belutschistan an der Grenze zu Pakistan. An der Grenze zu Afghanistan gibt es die Dschundollah, das bedeutet "Soldat Gottes". Das sind sunnitische Extremisten, die auch im Iran immer wieder Anschläge verüben. Sie sagen, dass sie als Sunniten benachteiligt seien. Auch bei den mehrheitlich sunnitischen Kurden gibt es immer wieder Unzufriedenheit. Allerdings ist diese Unzufriedenheit weniger konfessionell begründet. Man nimmt eher politische und soziale Benachteiligungen wahr. Genauso wie das auch die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien wahrnimmt.

Volker Perthes, SWuP-Direktor, zur Lage in der Golf-Region
tagesthemen 22:15 Uhr, 07.06.2017

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"Donald Trump hat Öl ins Feuer gegossen."

tagesschau.de: Die Lage am Golf ist auch angespannt, weil es einen lang schwelenden Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran gibt. Sehen Sie auch hier einen Zusammenhang zu den heutigen Anschlägen?

Baumgarten: In der Region gibt es eine extreme Polarisierungswelle, angefacht durch US-Präsident Donald Trump. Er gießt mit seiner Unterstützung für Saudi-Arabien Öl ins Feuer. Saudi-Arabien fühlt sich ermutigt, anders als das noch unter Barack Obama der Fall war, als "Ordnungsmacht" am Golf aufzutreten. Wer sich mit der Region beschäftigt weiß aber, dass das was Saudi-Arabien in der Welt treibt, nicht nur im Nahen Osten, extrem dubios und gefährlich ist. Ich rede hier ganz konkret vom Wahabismus, der Ideologie Saudi-Arabiens, die sehr viele Ähnlichkeiten mit der Ideologie des so genannten Islamischen Staates aufweist.

Riad und Teheran bezichtigen sich gegenseitig der Terrorunterstützung. Riad wird dabei von US-Präsident Trump unterstützt. Aus Teheran höre ich wiederum seit etlichen Jahren Vorwürfe die Saudis würden Terrorgruppen wie den IS, al-Kaida und andere extremistische Gruppen unterstützen. Diese Vorwürfe sind vor allem nach dem massiven Auftreten des IS seit 2014 sehr laut geworden. Seit dieser Zeit gibt es aus Teheran ganz klar den Verdacht, dass die Amerikaner und die Saudis dahinter stecken.

tagesschau.de: Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

Es gibt Gerüchte darüber, dass die iranische Eliteeinheit Tip-e-Fatemiyun nach Katar verlegt worden ist, eine Unterabteilung der Revolutionswächter. Das könnte erklären, warum die Reaktionen seitens Saudi-Arabien in Richtung Katar so extrem sind. Wenn sich diese Gerüchte bewahrheiten, wäre das eine drastische Eskalation. Hinzu kommt noch, dass sich nun auch die Türken mit einmischen. Ankara unterhält in Katar einen Luftwaffenstützpunkt mit derzeit rund 150 Mann. Die Zahl der dort stationierten Soldaten und „Berater“ soll in beiderseitigem Einvernehmen mit dem katarischen Herrscherhaus schon bald deutlich aufgestockt werden.

"An einen offenen Krieg glaube ich nicht"

tagesschau.de: Halten Sie einen Krieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran für möglich?

Baumgarten: Das halte ich für nicht so weit hergeholt. Sie werden nicht direkt aufeinander losgehen. Aber wenn die Lage weiter eskaliert, könnte sich ein neues Schlachtfeld in Katar auftun. Weder Saudi-Arabien noch der Iran haben das Potenzial, den jeweils anderen direkt mit dem Ziel anzugreifen, das Land zu erobern und das Regime zu stürzen. Man könnte aber die Stellvertreterkriege ausweiten. Wir haben den Jemen, Syrien, den Irak, wo sich Teheran und Riad schon heftig befehden, und im schlimmsten Fall kommt nun Katar hinzu. Auch in Bahrain mit einer schiitischen Bevölkerungsmehrheit, steht man sich gegenüber. An einen offenen Krieg glaube ich nicht, denn davon hätte keiner was. Die Öl- und Gasförderanlagen würden zerstört werden. Sie würden sich um 30 Jahre zurückschießen.

Das Interview führte Danny Marques Marcalo für tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die Tagesschau am 07. Juni 2017 um 17:00 Uhr.

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