Gasförderanlage in der Nähe von Asalouyeh (Iran) | Bildquelle: picture alliance / landov

Mögliche Lockerung der Sanktionen "Iran hat enormen Aufholbedarf"

Stand: 30.03.2015 17:50 Uhr

Nicht nur Politiker hoffen auf eine Einigung im Atomstreit mit dem Iran. Auch die Wirtschaft wartet auf ein Ende der Sanktionen - und damit auf Milliardenaufträge. Denn der Iran hat enormen Nachholbedarf und deutsche Firmen stehen bereits in den Startlöchern.

Von Alexander Steininger, tagesschau.de

Der Iran ist mit 75 Millionen Einwohnern nicht nur eines der größten Länder der Region, sondern auch einer der 20 bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Sollten die Sanktionen im Zuge einer möglichen Einigung im Atomstreit teilweise gelockert oder gar ganz aufgehoben werden, wittern vor allem deutsche Unternehmen gute Geschäfte - denn die iranische Wirtschaft hat nach Jahren der Isolation enormen Nachholbedarf.

"Die iranischen Industrieanlagen sind in Teilen stark veraltet", sagt Michael Tockuss, Vorstandsmitglied der deutsch-iranischen Handelskammer. Nach seinen Schätzungen könnten die deutschen Ausfuhren in den Iran nach einem Ende der Sanktionen eine Höhe von bis zu sieben Milliarden Euro erreichen. Derzeit liegen sie bei gut drei Milliarden. In den vergangenen Jahren wuchs die iranische Wirtschaft jährlich um rund fünf Prozent. Auch dieser Wert könnte sich dann weiter erhöhen.

Handelsvolumen von sieben Mrd. Euro?

Tockuss hofft zudem, dass sich der Handel zwischen den Ländern sich von einer reinen Lieferbeziehung zu einer enger verzahnten Wirtschaft entwickelt. "Wir hoffen auf mehr Joint Ventures, damit die Beziehungen auf eine breitere Basis gestellt werden." Denn anders als viele Länder der arabischen Welt - die eher auf den Handel fixiert sind - hat der Iran eine industriell geprägte Wirtschaftsstruktur. Von möglichen Aufträgen aus dem Land dürften aber nicht nur große DAX-Konzerne profitieren - der Hauptanteil an den Handelsbeziehungen ginge zugunsten der mittelständischen Unternehmen. Um die 6000 Mittelständler sind im Iran aktiv, schätzt die Handelskammer.

Gasförderanlage in der Nähe von Asalouyeh (Iran) | Bildquelle: picture alliance / landov
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Insbesondere der Energiesektor im Iran ist nicht mehr den Anforderungen einer modernen Industrie gewachsen.

Stahlwerk in Isfahan | Bildquelle: picture alliance / Photoshot
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Nachholbedarf gibt es aber auch in der Öl- und Gasproduktion, beim Elektrizitätsnetz. im Bergbausektor und in der Chemie und Petrochemie.

"Deutsche Firmen stehen bereits in den Startlöchern", sagt auch Matthias Küntzel. Im möglichen Bieterwettbewerb um Aufträge aus dem Iran stünden diese Unternehmen gut da, glaubt der Politikwissenschaftler. Denn vor allem der Energiesektor hat Bedarf an deutscher Hochtechnologie wie Großpressen oder Turbinen. Auch Raffinerien und Pipelines müssten erneuert oder sogar ganz neu gebaut werden. Und solche Technik stammt im Iran häufig aus Deutschland. Aber auch Bereiche wie die zivile Luftfahrt werden absehbar Produkte aus Deutschland nachfragen. Jahrelang mussten iranische Airlines ihre veralteten Flugzeuge mit gebrauchten Ersatzteilen zusammenflicken.

Gespräche zum iranischen Atomprogramm gehen in die Verlängerung
tagesschau 12:00 Uhr, 01.04.2015, Daniel Hechler, ARD Genf, zzt. Lausanne

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Gutes Ansehen und historische Beziehungen

Eine Verkaufsfiliale von Merced Benz in Teheran | Bildquelle: picture-alliance / picture-allia
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Deutsche Produkte - vor allem Autos - genießen einen "sagenhaften" Ruf im Iran.

Dazu kommt der gute Ruf der deutschen Produkte: "Das Ansehen deutscher Waren ist sagenhaft, gerade im Vergleich zu Produkten aus anderen Ländern", sagt Küntzel. Zu Zeiten der westlichen Wirtschaftssanktionen haben vor allem China, Russland und die Türkei Geschäfte mit Teheran gemacht. Doch von diesen Erzeugnissen seien die Iraner meist enttäuscht, "man traut Chinesen einfach nicht zu, qualitativ hochwertige Waren zu produzieren", so Küntzel.

Das hat auch historische Gründe: Die Bundesrepublik war lange einer der wichtigsten Handelspartner und High-Tech-Lieferanten des Iran. Das einzige iranische Atomkraftwerk beispielsweise - das AKW Buschehr im Süden des Landes - wurde nach Plänen von Siemens und AEG-Telefunken gebaut. Auch andere wichtige Industrieanlagen wurden von deutschen Konzernen aufgebaut, oft noch vor der iranischen Revolution 1979. Diese Firmen könnten bei einer Modernisierung erneut zum Zuge kommen.

Enorme Rohstoffreserven

Darüber hinaus ist der Iran auch aus geostrategischer Sicht ein interessanter Partner. Denn das Land verfügt über enorme Rohstoffvorkommen: Bis zu elf Prozent der weltweiten Erdölreserven liegen unter iranischem Territorium. Dazu kommen beträchtliche Mengen an Erdgas. Außerdem werden im Iran wichtige Metalle geschürft, die weltweit als Industrievorprodukte nachgefragt werden.

Atomanlage Buschehr | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Die Atomanlage Buschehr wurde zu Teilen von Siemens geplant.

"Wandel durch Handel"?

Der Handel mit dem Mullah-Regime ist jedoch politisch umstritten. Nicht nur wegen der nach wie vor schrillen Polemik gegenüber Israel. Die Regierung in Tel Aviv hatte zuletzt die Zunahme des deutschen Handelsvolumens um 30 Prozent 2014 scharf kritisiert. Auch die Unterstützung der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz im Libanon sowie des syrische Regimes von Machthaber Bashar al-Assad durch Teheran stößt auf Misstrauen in der westlichen Welt.

Viele Beobachter erhoffen sich von den engeren Handelsbeziehungen zudem bessere Möglichkeiten seitens der Bundesregierung, politischen Einfluss auf das Regime in Teheran auszuüben. Politologe Küntzel hält einen Mentalitätswandel der Mullahs, beispielsweise in der Haltung gegenüber Israel, jedoch für eine Illusion. "Man beißt sich ins eigene Fleisch, wenn man einen erklärten Gegner des Westens wirtschaftlich aufbaut - das wird ein Eigentor. Die zusätzlichen Einnahmen des Staates durch einen verbesserten Handel werden direkt in den Kampf gegen Israel fließen."

Hassan Rohani | Bildquelle: picture alliance / abaca
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Mit dem neuen Präsidenten Rohani verknüpfen viele die Hoffnung auf eine Einigung im Atomstreit und damit das Ende der Sanktionen.

Michael Tockuss hält dagegen, durch den guten Ruf und die fehlende koloniale Vergangenheit Deutschlands könne Berlin durchaus Einfluss nehmen auf die Entscheider in Teheran - etwa in Fragen der nach wie vor problematischen Menschenrechtslage in dem Land. "Ich möchte nichts verteidigen, was nicht zu verteidigen ist - der Iran ist in vielem zu kritisieren. Aber dann sollten wir generelle Kriterien aufstellen, die ein Land erfüllen muss, bevor wir Geschäfte mit ihm machen. Und ob beispielsweise Saudi-Arabien eine solche Prüfung bestehen würde, ist zumindest fragwürdig. Dennoch hat die Bundesregierung Panzer an das Land verkauft."

Der größte Profiteur: die iranische Bevölkerung

Einig sind sich alle Experten aber, dass von einer Öffnung der iranischen Wirtschaft vor allem die Bevölkerung profitieren würde. Denn die einfachen Menschen leiden derzeit wohl am meisten unter der Mangelwirtschaft. Große Teile der Bevölkerung seien von Verelendung bedroht, sagt Politologe Küntzel. Die deutsch-iranische Handelskammer berichtet, dass jede Handelsdelegation auch immer Kisten von Medikamenten mit in den Iran nimmt, weil dort viele Arzneimittel schlicht nicht verfügbar sind.

Der erwartete Aufschwung würde allen Iranern nutzen und vor allem wichtige Produkte wieder zugänglich machen - etwa Ersatzteile für Motoren, Agrar- oder eben lebenswichtige Pharmaprodukte. Zudem könnten die engeren Beziehungen eine teilweise Öffnung der Gesellschaft zur Folge haben, glaubt der deutsch-iranische Sozialwissenschaftler Behrooz Abdolvand: "In Folge dessen wird sich die Gesellschaft öffnen. Das heißt der Handel wird den politischen und sozialen Wandel beschleunigen."

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