Iran

Ein Jahr Iran-Atomabkommen Enttäuschte Erwartungen

Stand: 14.07.2016 08:42 Uhr

Vor einem Jahr hat der Iran das Atomabkommen mit der sogenannten 5+1-Gruppe unterzeichnet. Der wirtschaftliche Aufschwung, den sich viele Iraner davon erhofft hatten, ist aber ausgeblieben. Das liegt auch an den nach wie vor mächtigen Hardlinern im Land.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Teheran

An Warnungen hat es nicht gefehlt: Der Iran komme durch das Abkommen viel schneller zur Atombombe, der Iran werde zum Hegemon im Nahen Osten, der Iran erhalte massig Geld zur Terrorfinanzierung. Die düsteren Voraussagen haben sich ebenso wenig erfüllt wie die hohen Erwartungen und Hoffnungen. 

Amir hat einen Bachelor in Chemie und einen Master in Management. Mit Taxifahren hält er sich mühsam über Wasser. "Wenn mein Vater gute Beziehungen hätte, dann hätte ich mit meinen Abschlüssen sicher einen Job gefunden", sagt Amir. "Wer gute Beziehungen hat, kriegt einen Job - auch wenn er nichts taugt."

"Milliarden sind nach Syrien geflossen"

Amir ist 31. Aufmerksam verfolgt er die politische Entwicklung in seinem Land. "Mit der Atomvereinbarung hat das nichts zu tun. Schuld daran sind die politischen Entscheidungen hier", sagt er. "Sie unterstützen bestimmte Länder in der Region. Außenminister Zarif hat kürzlich gesagt, es seien etliche Milliarden nach Syrien geflossen."

Der versprochene Wirtschaftsaufschwung lasse weiter auf sich warten, erklärt Sadegh Zibakalam von der Universität Teheran. Bislang seien viel zu wenige Reformen auf den Weg gebracht worden. Hardliner und Nutznießer der Krise verhinderten, dass grundsätzliche Probleme angegangen würden. "Alle großen Industrieunternehmen und die großen Handelsfirmen gehören dem Staat oder halbstaatlichen Institutionen, wie den Revolutionswächtern, der Bassidji genannten Volksmiliz und vielen ähnlichen Organen", sagt Zibakalam.

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Von dem erhofften Wirtschaftsaufschwung ist bei der einfachen Bevölkerung nichts angekommen.

"Ich habe einen Job, kriege aber seit Monaten kein Gehalt"

Die Buchhalterin Masumeh aus dem Norden Teherans klagt, dass die Lage schlechter geworden sei, der Druck auf die Menschen zunehme und die Arbeitslosigkeit weiter steige. "Ich habe einen Job. Aber seit vier Monaten hab ich kein Gehalt mehr bekommen", sagt Masumeh.

Um nicht erkannt zu werden, hängt sich die 73-jährige Rentnerin Narges ein weißes Tuch vors Gesicht. Dann zieht sie vom Leder. "Wir sitzen auf einem Meer von Öl, und es gibt große Reichtümer. Unsere jungen Leute sind gut ausgebildet, aber sie haben keine Arbeit", klagt Narges. "Sie sollen das Geld nicht verschwenden. Sie sollen Fabriken errichten, Krankenhäuser bauen und Stellen schaffen."

"Bankenproblematik ist weiterhin akut"

Der Staat ist klamm. Durch den Ölpreisverfall verdient er spürbar weniger Geld. Hinzu kommt: Ausländische Investoren sind extrem zurückhaltend. Klaus Friedrich vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer kennt einen Hauptgrund. "Die Bankenproblematik ist weiterhin akut. Wir haben zu wenig Engagement der Banken beim Irangeschäft", klagt Friedrich. "Solange die Finanzwirtschaft ihre Dienstleistungen nicht in ausreichendem Maße anbietet, können wir nichts verkaufen."

Der Finanzbedarf Irans ist riesig. 50 Milliarden Dollar sollten im laufenden Jahr an Auslandskrediten aufgenommen werden. Das Land hoffte auf Auslandsinvestitionen in dreistelliger Milliardenhöhe. Vieles stehe wegen politischer Unsicherheiten in den Sternen, resümiert der Wirtschaftsexperte Saeed Leylaz. "Die Wirtschaft zeigt erste positive Zeichen. Aber der angerichtete Schaden ist verheerend", sagt Leylaz. "Es wird lange dauern, bis diese Schäden behoben sind."

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Viele Menschen sind unzufrieden, weil es an Jobs mangelt und politische Reformen nicht angegangen werden.

"Vielleicht haben die Reichen profitiert"

Die Aufhebung einiger Sanktionen habe wirtschaftlich schwachen Menschen nichts gebracht, stellt die Buchhalterin Masumeh anklagend fest. "Durch steigende Transportkosten, hohe Mieten und allgemeine Teuerung hat sich die Situation der Kleinverdiener überhaupt nicht verbessert", sagt Masumeh. "Vielleicht haben Reiche etwas davon profitiert, die Armen haben davon nichts gemerkt."

Der Wirtschaftsaufschwung ist bislang ebenso ausgeblieben wie innenpolitische Erleichterungen. Allen Bemühungen der reformorientierten Regierung Rohani zum Trotz halten Irans Hardliner die Zügel der Macht nach wie vor fest in ihren Händen.

Ein Jahr Atomabkommen - Die Lage im Iran
Reinhard Baumgarten, ARD Istanbul
13.07.2016 22:19 Uhr

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