Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.

09.02.2010

ARD-Logo

Suche in tagesschau.de

Hauptnavigation
Multimedia
  • VideoLivestream.nachtmagazin 00:00 Uhr
  • Videotagesschau24.
  • VideoLetzte Sendung.tagesthemen 21:20 Uhr
Inhalt
Ausland
Irak
Immer mehr Selbstmord-Attentäterinnen im Irak
Selbstmord-Attentäterinnen im Irak

Der Tod unter der Abaja

Ein spektakulärer Fall beschäftigt den Irak: Eine 15-jährige verhinderte Selbstmordattentäterin wurde in Bakuba festgenommen. Den Sprengstoffgürtel hatten ihr offenbar Verwandte aufgezwungen. Doch ob freiwilig oder nicht: Immer mehr Anschläge im Irak werden von Frauen verübt.

Von Ulrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman

Die landesweit im irakischen Fernsehen übertragene Szene hatte etwas Makabres: Ein 15-jähriges Mädchen wird vor den Kameras präsentiert wie eine wertvolle Beute. Aus Sicht irakischer Sicherheitskräfte und der US-Armee ist Rania Ibrahim tatsächlich ein bedeutender Fang. Ein Mädchen ist eine verhinderte Selbstmord-Attentäterin, dazu abgerichtet und ferngesteuert von Al Kaida. Mit Sprengstoff unter ihrer Abaja, dem langen, schwarzen Gewand vieler irakischer Frauen, war sie in Bakuba bei Bagdad abgefangen worden. Einer Bürgerwehr kam Rania verdächtig vor.

War es eine Festnahme oder eine freiwillige Abkehr ? Die Darstellungen dazu wechseln. Unbestritten bleibt: Rania ist ein ideales Propaganda-Objekt. Ihr Vater und ihr Bruder seien 2006 verschwunden, erzählt sie vor laufender Kamera. Den einen fand die Mutter im Leichenschauhaus, der andere wurde tot aus dem Tigris gefischt.  

Trauerfeier für einen bei einem Anschlag getöteten Iman. (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Trauerfeier für einen bei einem Anschlag getöteten Iman. Die Attentäterinnen waren drei Frauen. ]

Sprengstoffgürtel unter der Abaja

Märtyrerin habe sie nie werden wollen, beteuert Rania. Ihr Mann habe sie zu Verwandten mitgenommen, erzählt das Mädchen. Die hätten ihr Saft gegeben, der sie benommen und schwindlig gemacht habe. Nach dem Essen am nächsten Morgen habe eine ältere Frau ihr die Sprengstoffweste angezogen. Rania beteuert, sie habe protestiert. Die Verwandten aber hätten sie beruhigt, sie solle sich keine Sorgen machen. Sie müsse bloß zu einem nahen Markt gehen, dort werde sie ihre Verwandten wieder treffen.

Komisch sei ihr das Ganze schon vorgekommen, erzählt Rania im Fernseh-Interview. Aber die anderen seien alle älter gewesen und sehr überzeugend. Und schließlich hätten sie ihr das Paradies versprochen mit vielen Blumen und Flüssen aus Honig. 

Ferngesteuerte Bombe?

Rania erreichte weder das Paradies noch den Markt. Wäre es ihr gelungen, die 20 Kilo Sprengstoff an ihrem Körper in der Menschenmenge dort zu zünden – wohl niemand im Umkreis von 50 Metern hätte die Explosion überlebt. Den Behörden sagt das Mädchen nach ihrer Festnahme, eigentlich habe sie sich stellen wollen, dann aber Angst gehabt. Auch habe sie sich nicht in die Luft sprengen wollen – es habe ihr niemand gezeigt, wie das geht. Sollte sie also als ferngesteuerte Bombe dienen oder nicht?

Unklar auch, ob die Geschichte, die sie erzählt, ihre ist oder dem Drehbuch der Behörden entstammt. Denn die behielten sie tagelang unter Kontrolle, ehe sie Journalisten zum überwachten Interview luden.

Das junge Mädchen, wohl bereits mit elf aus der Schule, mit 14 verheiratet von seiner mittellosen Mutter, wirkt wie das willenlose Opfer in der Hand Al Kaidas – oder sie soll so wirken. Ihr Mann, der seit ihrer Festnahme nicht mehr aufgetaucht ist, ist nach Darstellung irakischer Behörden für 40 Morde verantwortlich. Rania eignet sich da bestens, um als abschreckendes Beispiel vorgeführt werden.

30 Anschläge durch Frauen

Frau bangt in einer Bagdader Klinik um Angehörige (Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Frau bangt in einer Bagdader Klinik um Angehörige. ]
Wie echt diese öffentlich präsentierte Tragödie einer 15-Jährigen auch immer sein mag: Ein bisschen weiß man inzwischen schon über Frauen, die allein dieses Jahr über 30 Selbstmord-Attentate im Irak begingen. Alyaa Esmaeel ist Vorsitzende der humanitären Organisation Nedaa Almustakbal, "Ruf der Zukunft", in Bagdad. Sie hat sich mit den Motiven von Frauen beschäftigt, die ihr Leben für den Tod anderer opfern.

"Es gibt eine wachsende Zahl von Witwen und Geschiedenen bei uns – die Ursache liegt in den schwierigen Verhältnissen, in denen wir im Irak nun mal leben müssen", erzählt Esmaeel. "Diese Frauen sind schutzlos, sie haben keine Arbeit, niemand hilft ihnen." Trotzdem, so Esmaeel, sei dies für sie absolut kein Grund, dass die Frauen automatisch zu Selbstmord-Attentäterinnen würden.  

Anschläge für Männer zunehmend schwieriger

Aus Sicht von Terroristen sind Frauen jedoch ideal für das tödliche Geschäft. Wegen schärferer Kontrollen an den Grenzen und Razzien in der Hauptstadt fällt es Männern immer schwerer, Selbstmordanschläge auszuführen. Frauen galten lange als unverdächtig. Die irakische Männergesellschaft kann sie relativ leicht einschüchtern und manipulieren. Männliche Kontrollposten scheuen sich aus religiösen und kulturellen Gründen, Frauen körperlich zu untersuchen. Unter ihren langen Abajas können sie den Sprengstoff mühelos verstecken. Die von den Amerikanern bezahlten Bürgerwehren setzen deshalb neuerdings mehr Frauen zur Kontrolle ein, die so genannten Töchter Iraks.

Teilnehmerin einer Anti-USA-Demo in Bagdad (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Teilnehmerin einer Anti-USA-Demo in Bagdad ]
Ahmed Adel, Offizier im irakischen Innenministerium, glaubt in der Rekrutierung von Frauen für Attentate allerdings bereits die Folgen des erfolgreichen Anti-Terror-Kampfs und das Scheitern der Strategie Al Kaidas zu erkennen. "Das zeigt ihre verzweifelte Lage. Sie können nicht mehr genug Männer für ihre Taten finden. Deshalb weichen sie auf Frauen aus und missbrauchen sie im Namen der Religion. Das muss man ihnen richtig klarmachen, wir haben ja viele Analphabetinnen und Frauen ohne Ausbildung." Auch geistig Behinderte würden von den Terroristen zu Attentaten gezwungen, verbreiten die Sicherheitskräfte, ohne dass es dafür zwingende Beweise gäbe.

Die 15-jährige Rania als eine der wenigen, deren Sprengstoff nicht zündete und die man fangen konnte, wird jetzt zur Propaganda-Waffe umfunktioniert. Der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen bleibt fragwürdig. Offensichtlich will man aber der irakischen Öffentlichkeit, besonders Frauen, demonstrieren, dass Umdenken möglich ist.

Hintermänner lösen Explosion aus

Attentate von Frauen sind spektakulär, in diesem Jahr gab es schon mehr Anschläge als in allen drei Jahren zuvor. Im Februar sprengten sich zwei Frauen kurz hintereinander auf einem belebten Markt in Bagdad in die Luft – oder Hintermänner lösten die Explosionen per Fernzündung aus. Die blutige Bilanz des Anschlags: 100 Menschen starben.

Irakische Frau passiert einen US-Panzer in Bagdad (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: US-Soldaten fürchten Frauen in Abajas mehr und mehr. ]
Vor zwei Monaten mischten sich drei Frauen mit Sprengstoffwesten unter Pilger in Bagdad, eine andere schlug auf einer Demonstration in Kurdistan zu – insgesamt 60 Menschen kamen dabei ums Leben. Zuletzt tötete eine Attentäterin Mitte September 20 Polizei-Offiziere bei einem Essen in der Unruhe-Provinz Diyala. Solche Anschläge lassen sich bislang kaum verhindern. Und es wird neue Attentäterinnen geben. Denn nicht alle sind verführt oder ferngesteuert, meint jedenfalls Sozialwissenschaftlerin Enas Kamel in Bagdad: "Es ist oft so, dass die Ehemänner oder Angehörige dieser Frauen ermordet wurden und sie sich rächen wollen. Sie halten ihr Leben für beendet und sehen für sich keine Zukunft – deshalb werden sie zu Attentäterinnen." 

Unter US-Soldaten zeigen die zunehmenden Anschläge von Frauen bereits Folgen: Ihre Patrouillen machen im Zweifel einen großen Bogen, wenn die gefährlichen schwarzen Abajas auftauchen. 

Stand: 04.10.2008 12:01 Uhr
 

© tagesschau.de

tagesschau.de ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW