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Sie werden gezwungen, rächen den Tod männlicher Familienmitglieder oder sind einfach nur verzweifelt: Immer öfter verüben Frauen im Irak Selbstmord-Anschläge. Da sich viele Männer vor ihrer Durchsuchung scheuen, sieht Al Kaida in ihnen die ideale Waffe.
Von Ulrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman
[Bildunterschrift: Schiitische Frauen passieren eine Sicherheitskontrolle im Norden von Bagdad. ]
Gestern haben irakische Sicherheitskräfte womöglich Schlimmeres verhindert: Nordöstlich von Bagdad verhafteten sie drei Frauen, die Selbstmordanschläge geplant haben sollen. Schon am Wochenende war dort eine Frau festgenommen worden. Der Vorwurf: Rekrutierung von Attentäterinnen für Al Kaida. Zwar werden US-Militär und irakische Behörden nicht müde, die verbesserte Sicherheit zu loben, gleichzeitig steigt aber die Zahl der Gewaltopfer durch Frauen dramatisch.
So starben im Februar bei einem der blutigsten Anschläge 100 Menschen auf einem Markt in Bagdad – zwei Frauen hatten sich kurz hintereinander in die Luft gesprengt. Ende Juli waren es in der Hauptstadt und im Nordirak insgesamt 60 Tote: In Bagdad zündeten drei Frauen in kurzer Folge ihre Sprengstoffgürtel in der Menge – in Kirkuk passierte es bei einer Demonstration.
[Bildunterschrift: Irakerin bei einer Inspektion: Frauen galten lange als unverdächtig. ]
Mehr als 20 Mal in den letzten Monaten verübten Frauen Anschläge im Irak. Jene, die solche Attentate planen, erproben mit den Frauen eine neue, erfolgreiche Taktik. Denn Schwerpunkt-Razzien und mehr Kontrollen an den Grenzen und in der irakischen Hauptstadt machen es Männern schwerer, unkontrolliert ihren tödlichen Plan auszuführen. Frauen galten lange als unverdächtig. Männer scheuen sich, sie zu durchsuchen. Unter der Abaja, dem bodenlangen schwarzen Übergewand irakischer Frauen, lässt sich problemlos ein Sprengstoffgürtel verbergen. Aus Angst machen US-Soldaten deshalb oft einen Bogen um traditionell gekleidete Frauen.
Die Führung der US-Armee glaubt, Al Kaida beute als letzte Waffe Frauen mit geringer Bildung oder gar Behinderte aus. Belege dafür fehlen. Die irakische Armee hält die Täterinnen hingegen für Frauen, die Soldaten oder Polizisten für den Tod von Angehörigen verantwortlich machen.
Die irakische Journalistin Inas Saffa warnte allerdings im Gespräch mit dem ARD-Radio in Bagdad vor einfachen Erklärungsmustern: "Es gibt viele Gründe, warum Frauen Selbstmord-Attentate verüben. Da ist die Gewalt, die sie selbst erlitten haben – durch Väter, Ehemänner oder Brüder. Dann gibt es Frauen, die werden von ihren Männern zu Selbstmord-Anschlägen gezwungen. Schließlich wird häufig auch der gewaltsame Tod des eigenen Mannes oder anderer Familienmitglieder zum Auslöser."
[Bildunterschrift: Die "Töchter des Irak" beim Sicherheitstraining. ]
Motivforschung, warum Frauen zunehmend Selbstmord-Attentate im Irak verüben, ist wenig ausgeprägt. Weil zu den 21.000 Gefangenen der US-Armee auch 15 anschlagsverdächtige Frauen zählen, werden jetzt Gegenstrategien entwickelt. "Töchter des Irak" heißt eine neue Truppe des Innenministeriums, bezahlt durch die Amerikaner.
Die ersten 70 untersuchen nach einer Kurz-Einweisung an Kontrollstellen und öffentlichen Gebäuden Frauen und sollen Informationen über mögliche Attentäterinnen sammeln. Solange Hoffnungslosigkeit, Armut und der Wunsch nach Vergeltung Irakerinnen in die Arme männlicher Anschlags-Planer treiben, werden die Töchter des Irak gut zu tun haben – aber auch selbst Ziel potenzieller Attentäterinnen werden.
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