Türkische Soldaten kehren von einem Einsatz in Syrien zurück. | Bildquelle: dpa

Konflikte in Syrien und im Irak Warum Ankara mitmischen will

Stand: 25.10.2016 20:25 Uhr

Der Irak und Syrien erheben denselben Vorwurf gegen die Türkei: Sie mische sich in den Konflikt in beiden Ländern ein - ungefragt und ungewollt. Nur was treibt Ankara an, militärisch auf fremdem Boden präsent zu sein?

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Istanbul

Von Mossul bis zur türkischen Südgrenze sind es knapp 100 Kilometer. Sollte die Rückeroberung der einst zweitgrößten Stadt im Irak eine neue Flüchtlingswelle auslösen, muss mit bis zu 100.000 Menschen gerechnet werden, die in die Türkei fliehen. Regierungschef Binali Yildirim stimmt die Öffentlichkeit auf ein verstärktes militärisches Engagement im Irak ein.

"Angesichts der Terrorgefahr aus dem Irak, möglicher Flüchtlingswellen, Konfessionskriege und neuer Massaker wird die Türkei nicht tatenlos zusehen. Sie wird sich nicht scheuen, gegebenenfalls einzugreifen", betonte Yildirim.

Die Gegner: IS und PKK

Außenminister Mevlüt Cavusoglu bringt auch Bodentruppen im Irak ins Gespräch. Man werde eine Bedrohung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und durch die verbotene Arbeiterpartei PKK im Irak nicht dulden. Von jetzt an, so gelobt Cavusoglu, werde die Türkei effektiver gegen die Präsenz der PKK im Irak vorgehen. "Außerdem werden wir durch zusätzliche Maßnahmen für eine verbesserte Grenzsicherheit sorgen, auch durch Sicherheitszonen", fügt der Außenminister hinzu.

Ankara hat eine solche Sicherheitszone de facto im Norden Syriens zwischen den Städten Jarablus und al-Rai geschaffen. Flüchtlinge gelangen nicht mehr über die Grenze in die Türkei, sondern werden in Lagern auf syrischem Boden versorgt. Ähnliches könnte nun im Nordirak geschehen.

"Wir haben nicht die Absicht, die nationale Integrität des Iraks oder Syriens anzutasten", erklärt Regierungschef Yildirim. Und er versichert: "Wir wollen sie schützen und wir wollen weiteres Blutvergießen in diesen Ländern möglichst verhindern."

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim | Bildquelle: AFP
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Der türkischeMinisterpräsident Binali Yildirim: "Wir wollen ein Blutvergießen verhindern."

"Wir dürfen nicht tatenlos zusehen"

Dieses Argument verwenden alle in die Konflikte in Syrien und im Irak verwickelten ausländischen Mächte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan tritt weniger unverblümt auf, wenn er konstatiert: "Die Türkei muss am Tisch dabei sein. Wir haben eine 900 Kilometer lange Grenze zu Syrien und 350 Kilometer zum Irak. Andere in Mossul beteiligte Staaten haben das nicht. Aber sie wollen dort entscheiden und bestimmen. Da dürfen und werden wir nicht tatenlos zusehen."

Drei Hauptsorgen treiben die türkische Führung um: Mit einer neuer Flüchtlingswelle könnten IS-Terroristen in die Türkei kommen. Kämpfer der Terrormiliz könnten sich nach hartem Kampf um Mossul über die Grenze nach Syrien zurückziehen und die türkischen Pläne im Norden Syriens durchkreuzen. Und zudem könnte die PKK ihre Positionen im Norden des Iraks ausbauen.

Regierungschef Yildirim fordert an die Adresse Bagdads: "Die PKK findet im Irak Unterschlupf. Der Irak sollte sich erst einmal darum kümmern, die PKK bei sich nicht mehr zuzulassen, statt uns zu kritisieren."

"Wir steuern in eine Katastrophe"

Die türkische Opposition mahnt, ist aber in Zeiten des in der Türkei geltenden Ausnahmezustands quasi machtlos. Kemal Kilicdaroglu, Chef der Republikanischen Volkspartei, warnt vor den Unwägbarkeiten in Syrien und im Irak. Erdogans Außenpolitik steuere die Türkei in eine Katastrophe.

Die türkische Führung sieht das anders. Das Land müsse mit allen Mitteln vor Feinden und Terroristen geschützt werden, heißt es in Ankara.

Was treibt Ankara im Irak?
R. Baumgarten, ARD Istanbul
25.10.2016 18:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Oktober 2016 um 18:31 Uhr

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