Peschmerga-Kämpfer nahe Mossul | Bildquelle: dpa

Kampf um Mossul Eine unberechenbare Schlacht

Stand: 29.10.2016 10:43 Uhr

30.000 Angreifer gegen rund 4000 IS-Terroristen - den Zahlen nach müsste der Kampf um Mossul schnell entschieden sein. Doch die verschiedenen Truppen und Milizen, die Mossul angreifen, stoßen auf erbitterten Widerstand - und unberechenbare Gegner.

Von Esther Saoub, SWR

"Plötzlich schlugen Mörsergranaten ein - dabei war der Konvoi schon fast wieder zurück in der Basis". Amir Musawy berichtet am Telefon von der Militärbasis Qayyarah aus, rund 60 Kilometer südlich von Mossul. Musawy begleitet im Auftrag der ARD und des irakischen Fernsehens Einheiten der Armee, die von Qayyarah aus gegen den sogenannten "Islamischen Staat" vorgehen. Der Mörsergranatenangriff vor wenigen Tagen verletzte mehrere irakische Soldaten, einige schwer.

Einen Tag später raste ein Auto voller Sprengstoff direkt auf die Truppen zu, konnte im letzten Moment gestoppt werden. "Es ist ein zäher Kampf", zitiert Musawy die Generäle, mit denen er gesprochen hat, schwer auch deshalb, weil er so unberechenbar sei. In Dörfern, aus denen sich der IS zurückgezogen hat, tauchen plötzlich Scharfschützen auf. Ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben beschießen sie die Soldaten der Armee, haben Felder vermint und Dörfer mit Sprengfallen versehen.

Auch in befreiten Dörfern lauert Gefahr

"Befreit heißt nicht sicher", sagt auch ARD-Korrespondent Alexander Stenzel. Er beobachtet den Angriff kurdischer und irakischer Einheiten von Osten her. Stenzel war unterwegs mit der sogenannten "goldenen Division", einer irakischen Anti-Terroreinheit, die von der US-Armee ausgebildet worden ist. Auch zurzeit sind US-Berater und Spezialkräften östlich von Mossul im Einsatz. Die von dort aus kämpfenden Einheiten sind schon deutlich näher auf Mossul vorgerückt, als die Angreifer aus südlicher Richtung.

Aber auch im Osten haben die Truppen mit Widerstand zu kämpfen. Stenzel hat Flüchtlinge begleitet, die sich kurzzeitig in ihre befreiten Dörfer zurückwagten - oder in das, was davon übrig ist. Die größten Gefahren dort sind Sprengfallen oder Kämpfer, die plötzlich als Selbstmordattentäter wieder auftauchen. Stenzel und das ARD-Team waren in Bartalla - einem ehemals überwiegend von Christen bewohnten Dorf - kurz nach dem Ende der Kämpfe dort: Die Infrastruktur und viele Häuser sind zerstört, es gibt weder Strom noch fließend Wasser, berichtet Stenzel. Das hängt auch mit den Luftangriffen der internationalen Koalition zusammen, die mit ihrem Kampf gegen den IS auch die zivilen Strukturen der Region massiv beschädigt haben. "Erst wenn Mossul befreit ist und der IS weit weg, gehen wir zurück", sagten die christlichen Flüchtlinge aus der Region gegenüber der ARD.

Der Häuserkampf in Mossul wird lange dauern

Wie es den mehr als eine Million Zivilisten geht, die in Mossul selbst leben, kann man nur vermuten. Die Tatsache, dass die allermeisten Flüchtlinge aus den umgebenden Dörfern stammen, aber kaum einer aus Mossul selbst, weist darauf hin, dass der IS die Zivilisten festhält, um sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. "Der Widerstand formiert sich, aber er ist noch schwach", sagt ein irakischer Student der ARD, der regelmäßig Nachrichten aus Mossul auf einer Facebookseite veröffentlicht.

Ungefähr 4000 Kämpfer des IS sind noch in der ehemals zweitgrößten Stadt des Irak. Der Häuserkampf dort wird lange dauern, sagen irakische und kurdische Militärs der ARD. Ein Vergleich mit dem zuletzt eingenommenen Falludscha erklärt warum: Die irakische Armee hat im Mai 2016 eine Offensive gegen den IS in Falludscha gestartet, es dauerte gut fünf Wochen, bis alle Kämpfer vertrieben waren. Mossul hat ungefähr siebenmal so viele Einwohner wie Falludscha und eine große, verwinkelte Altstadt, in der sich Heckenschützen und Selbstmordattentäter lange verschanzen können.

Kampf gegen Terroristen - Schutz für Zivilisten

Die irakische Luftwaffe fliegt regelmäßig Angriffe auf Mossul. Die Kämpfer des IS seien auch aus der Luft leicht zu identifizieren, sagte ein Befehlshaber gegenüber ARD-Reporter Musawy. "Wir erkennen sogar, ob sie pakistanische Kleidung tragen. Aber wir können sie nicht beschießen, wenn Zivilisten in der Nähe sind". Die Piloten griffen daher eher nachts an, sagt Musawy, wenn wenig Zivilisten auf der Straße seien. Nach erfolgreichen Angriffen dokumentieren die Iraker die Identität der getöteten IS-Kämpfer. Viele seien offensichtlich Ausländer, sagt Musawy, Pakistanis oder auch Uiguren, also Angehörige einer verfolgten, muslimischen Minderheit aus China. Für diese Männer gibt es kein Zurück: Entweder sie leben im "Kalifat" oder sie sterben dafür - und nehmen möglichst viele Zivilisten oder gegnerische Soldaten mit in den Tod.

Kampf um Mossul
B. Blaschke, ARD Kairo
29.10.2016 13:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete der Deutschlandfunk am 26. Oktober 2016 um 06:16 Uhr

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