Islamistischer Terror Irak - ein Land zerfällt
Stand: 12.06.2014 21:19 Uhr
Unter dem Druck der islamistischen ISIS-Kämpfer droht der Irak in seine Einzelteile zu zerfallen. Die Regierung von Ministerpräsident Nuri al Maliki bekam im Parlament keine Unterstützung für Notstandsmaßnahmen und im Norden übernahmen Kurdenkämpfer regional die Kontrolle.
Offiziere machen Maliki für die Schwäche des Widerstands gegen die Extremisten verantwortlich. Ein Armeekommandant nannte "das Fehlen eines moralischen Führers" als einen der Gründe, weshalb viele irakische Soldaten vor den ISIS-Kämpfern geflohen seien.
Auch im irakischen Parlament schwindet der Rückhalt von Premierminister Maliki. Zu einer Dringlichkeitssitzung, bei der Maliki den Notstand ausrufen lassen wollte, erschienen lediglich 128 von 325 Abgeordneten. Damit wurde das nötige Quorum verfehlt und die Sitzung abgebrochen. Im Irak herrscht seit langem Streit zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden. Dem schiitischen Premier Maliki werfen seine Gegner vor, nur die Interessen der Schiiten zu vertreten.
Vormarsch vorerst gestoppt
Unterdessen wurden die Islamisten auf ihrem Weg nach Bagdad vorerst gestoppt. Derzeit stehen ISIS-Kämpfer etwa 60 Kilometer nördlich vor der Hauptstadt Bagdad. Dort kam ihr Vormarsch zum Halt, nachdem bei Gefechten mit der irakischen Armee und Polizeikräften etwa 50 ihrer Kämpfer getötet wurden.
Auch in Kirkuk wurden die Kämpfer nach kurzen Gefechten zurückgedrängt. Kurdische Medien meldeten, die ölreiche Stadt im Norden des Iraks sei nun in der Hand der unabhängigen Peschmerga, der Streitkräfte der kurdischen Autonomieregion. Deren Offiziere sagten, sie wollten Kirkuk nicht mehr an irakische Regierungstruppen zurückgeben. Seit der US-Invasion 2003 war die nordirakische Stadt ein ständiger Streitpunkt zwischen irakischen und kurdischen Kräften.
Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen sind mittlerweile rund eine Million Iraker auf der Flucht. Viele von ihnen versuchen das als stabil geltende kurdische Autonomiegebiet im Nordirak zu erreichen. Allein in Mossul waren binnen weniger Stunden 500.000 Menschen vor den Extremisten geflohen.
Kämpfe im Irak
tagesschau 20:00 Uhr, 12.06.2014, Thomas Aders, ARD Kario
Maliki hofft auf Hilfe der USA
In Mossul, der Stadt, die sich in den Händen der ISIS befindet, haben die Islamisten inzwischen ein Kommandozentrum eingerichtet und neue Gesetzen erlassen. Der Konsum von Drogen, Alkohol und Zigaretten wurde unter Strafe gestellt, ebenso das sichtbare Tragen von Waffen. Auch Versammlungen sind verboten. Dieben soll die Hand abgehackt werden. Polizisten und Soldaten wurden aufgefordert, sich zu ergeben. Stammesführer wurden davor gewarnt, die irakische Regierung zu unterstützen.
Nun hofft Maliki auf Hilfe aus den USA. Laut einem US-Beamte habe er darum gebeten, den Kampf gegen die Islamisten mit Drohnen zu unterstützen. Laut der "New York Times" will die US-Regierung jedoch keine Drohnen in den Irak schicken.
Auswärtiges Amt warnt vor Reisen
Angesichts des Vormarschs hat das Auswärtige Amt seine Reisehinweise für das Land verschärft. Das Ministerium rief zur sofortigen Ausreise aus den Provinzen Ninive, Anbar und Salaheddin auf. Auch für den Großraum der Hauptstadt Bagdad empfahl das Ministerium "dringend" die Ausreise. Das Auswärtige Amt begründete seinen Aufruf mit der Gefahr von bewaffneten Auseinandersetzungen und Terroranschlägen in den Regionen. Das Außenamt warnte zudem weiterhin generell vor Reisen in das Land.
