ISIS-Kämpfer rücken im Irak vor "Unser Ziel ist Bagdad!"
Stand: 12.06.2014 15:18 Uhr
Die islamistischen Kämpfer der Gruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) haben ihren Vormarsch fortgesetzt und weitere Gebiet im Norden und der Mitte des Irak erobert. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen kontrollierten die sunnitischen Kämpfer Teile der Kleinstadt Udhaim. Die Regierungstruppen hätten ihre Stellungen aufgegeben und sich Richtung Chalis zurückgezogen.
"Unser Ziel ist Bagdad. Dort wird es die Entscheidungsschlacht geben", zitierte ein Stammesführer aus der von den Islamisten eingenommen Stadt Alam die Anweisung des ISIS-Kommandeurs. Rund 60 Kilometer nördlich von Bagdad wurden bei Gefechten zwischen Islamisten und der irakischen Armee Dutzende Menschen getötet. Die Nachrichtenseite "Al-Sumaria News" berichtete, bei dem Zusammenstoß in Bakuba seien etwa 50 Menschen getötet worden.
Bagdad macht mobil gegen islamistische Rebellen
tagesschau 17:00 Uhr, 12.06.2014, Thomas Aders, ARD Kairo
In der Hauptstadt Bagdad bereiten sich die Sicherheitskräfte indes auf einen möglichen Angriff der "Gotteskrieger" vor. Hunderte junge Männer versammelten sich vor einem Rekrutierungsbüro der Armee. Sie wollten sich freiwillig für den Kampf gegen die Extremisten melden.
Bereits zu Jahresbeginn hatte ISIS die Kontrolle über Falludscha und Teile der Provinz Anbar westlich von Bagdad errungen. Bei einem Angriff auf die Hauptstadt dürften es die Islamisten aber deutlich schwerer haben als bei den jüngsten Eroberungen, da die Regierung ihr Machtzentrum gut abgesichert hat und zudem schiitische Milizen sich ihnen in den Weg stellen dürften.
Kurden kontrollieren Kirkuk
Nach Kurden-Angaben gab die irakische Armee auch die Öl-Stadt Kirkuk im Norden des Landes auf. Kurdische Sicherheitskräfte hätten die Stadt aber unter ihre Kontrolle gebracht. Die irakische Regierung hatte angekündigt, gemeinsam mit der Regionalregierung in Kurdistan die Rebellen zu bekämpfen.
Die Kurden verwalten im Norden des Landes ein autonomes Gebiet, das von den Wirren und der Gewalt im Irak nach dem US-Einmarsch 2003 verschont geblieben ist. Ein Grund dafür sind ihre gut organisierten Peschmerga-Milizen. Ein Sprecher der Einheit sagte am Donnerstag, man habe nach dem Rückzug der irakischen Armee aus Kirkuk dort die Kontrolle übernommen. Die Stadt wird von den Kurden als ihre historische Hauptstadt gesehen und sitzt auf großen Öl-Reserven.
Tikrit zurückerobert?
Das staatliche irakische Fernsehen meldete unterdessen, die Armee habe wieder die volle Kontrolle über die zentralirakische Stadt Tikrit. Auch "Al-Sumaria News" meldete unter Berufung auf die Polizei, die gesamte Stadt sei "nach gewalttätigen Auseinandersetzungen" wieder unter Kontrolle der Armee. Am Vortag war die ISIS bis nach Tikrit vorgestoßen. Die Heimatstadt des ehemaligen Diktators Saddam Hussein liegt rund 150 Kilometer nördlich von Bagdad.
Außerdem hatten die islamistischen Kämpfer Mossul eingenommen. Mehrere Hunderttausend Menschen sollen sich auf der Flucht vor den militanten Islamisten befinden. In Mossul stürmten diese ein türkisches Konsulat; den Generalkonsul und Dutzende seiner Mitarbeiter und Sicherheitsleute nahmen sie als Geiseln gefangen.
Gottesstaat vom Mittelmeer bis zum Irak
Der Name der Organisation, die die Kämpfer offenbar anführt, ist Programm: Auf Arabisch lautet er Daash, auf Deutsch ISIS. So oder so eine Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und in (Groß) Syrien". Damit sind neben Syrien auch Teile Jordaniens, Palästinas und des Libanons gemeint.
Das heißt: Die Organisation ISIS, die ein Ableger von Al Kaida ist, strebt einen Staat an, der vom Mittelmeer bis in den Irak reichen soll - und in dem ausschließlich islamische Gesetze herrschen. Diese sollen in ihrer konservativsten Auslegung angewandt werden - in etwa so, wie es die Taliban in Afghanistan vorgemacht haben.
Regierungschef Nuri al Maliki, der gleichzeitig auch das Amt des Verteidigungs- und des Innenministers bekleidet, erklärte, dass die irakischen Sicherheitskräfte Opfer einer Verschwörung geworden seien: "Ich sage Verschwörung, weil die kleine Zahl von Al-Kaida- und ISIS-Leuten nicht allein gegen die Armee und die Polizei vorgehen konnten."
Die radikalen ISIS-Rebellen
tagesschau 14:00 Uhr, 12.06.2014, Daniel Satra, NDR
Vorerst kein Notstand
Heute sollte das irakische Parlament zusammentreten, um über die Forderung zu beraten, den Notstand zu verhängen. Damit hätte der Regierungschef mehr Befugnisse; er könnte beispielsweise Ausgangssperren verhängen. Im Parlament erschienen aber zu wenige Abgeordnete, um die beantragte Abstimmung abhalten zu können. Vor allem Parlamentarier der sunnitischen und kurdischen Fraktionen, die gegen eine Ausweitung der Machtbefugnisse des schiitischen Ministerpräsidenten sind, boykottierten die Sitzung.
Angesichts der Zuspitzung erwägt die US-Regierung zusätzliche Unterstützung für den Irak. Das Weiße Haus erklärte, die US-Regierung werde zusammen mit dem Kongress daran arbeiten, dem Irak weitere Ressourcen für den Kampf gegen die Aufständischen zur Verfügung zu stellen. In Regierungskreisen war von Drohnen-Einsätzen die Rede.
Der benachbarte, schiitisch dominierte Iran stärkte der irakischen Führung den Rücken und bot ebenfalls Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus an.
