IS Videoaufnahme, die die fürchterlichen Folgen des Luftangriffs zeigen soll | Bildquelle: AP

Luftangriffe im Irak Imageschaden im Kampf gegen den IS

Stand: 08.12.2016 14:53 Uhr

Regelmäßig bombardieren Kampfflugzeuge Regionen im Irak unter IS-Kontrolle. So auch gestern in Al-Qaim, wo die Bomben mindestens 55 Zivilisten töteten. Doch wer warf die Bomben? Beschuldigt wird auch die irakische Regierung selbst.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Auch am Tag nach dem Vorfall ist noch immer nicht klar, wie viele Menschen bei dem Angriff auf Al-Qaim ums Leben kamen. Parlamentspräsident Salim al-Jabouri sagte, Dutzende seien getötet oder verletzt worden, Abgeordnete gaben die Zahl der Toten mit mindestens 55 an, ein Krankenhausarzt sprach gar von 66 Toten. Drei Mal sollen Kampfflugzeuge Bomben über der Stadt abgeworfen haben, im Visier: belebte Märkte.

Al-Qaim liegt im Westen des Irak, in der Provinz Anbar. In Anbar, wo vor allem Sunniten wohnen, war die sunnitische Terrororganisation IS einst sehr stark. Jetzt ist Al-Qaim die letzte größere Stadt in der Provinz, die noch in der Hand des IS ist - sowohl für die irakische Armee, als auch für die von den USA geführte internationale Anti-IS-Koalition ein natürliches Ziel. Doch dieser Angriff - vermutlich irrtümlich ausgeführt - dürfte alle Akteure, die am Kampf gegen die Fanatiker beteiligt sind, schwer kosten.

"Feige Tat", "Kriegsverbrechen"

Im Fernsehsender "Al Dschasira" reagierte Yehia al-Sumboul, ein Stammesführer aus Al-Qaim: "Das ist eine feige Tat und ein klares Kriegsverbrechen gegen Zivilisten auf offener Straße. Dort gibt es keine Quartiere von Bewaffneten oder vom IS." Das zeige, wie entschlossen die Täter waren, Rache und Vergeltung zu üben. "Bei diesem Angriff ging es nicht darum, irakische Bürger zu befreien, sondern zu töten und zu zerstören."

Sumboul sagte nicht, wen er verantwortlich macht - die internationale Allianz oder die irakische Armee. Der Sprecher der Militärkoalition, ein US-Offizier, sagte, zum Zeitpunkt des Vorfalls habe man dort keine Luftangriffe geflogen. Regierung und Armee des Irak hatten ihrerseits zuvor von keinen Einsätzen in der Region berichtet. Später meldete "Al Dschasira", das irakische Militär habe den Angriff eingeräumt.

Wer ist verantwortlich?

Parlamentspräsident Jabouri hat keine Zweifel: Er beschuldigte die Führung in Bagdad und verlangte eine Untersuchung. Die Verantwortlichen für dieses "Verbrechen" müssten bestraft werden.

Die Beziehungen zwischen der sunnitischen Minderheit im Irak und der schiitisch dominierten Regierung sind seit langem denkbar schlecht. Die Sunniten fühlen sich an den Rand gedrängt und beschweren sich seit Jahren, sie würden diskriminiert. Die sunnitischen Stämme in Anbar sehen sich häufig dem pauschalen Verdacht ausgesetzt, gemeinsame Sache mit Terroristen zu machen. Ihre Unterstützung zu gewinnen, gilt als Schlüssel beim Bemühen, den IS im Irak zu zerstören.

Die Extremisten nutzten Al-Qaim bereits für ihre Propaganda: Über sein Sprachrohr Amaq veröffentlichte der IS Videoaufnahmen, die die fürchterlichen Folgen des Luftangriffs zeigen sollen.

Großer Imageschaden für den Kampf gegen den IS im Irak
C. Kühntopp, ARD Kairo
08.12.2016 13:45 Uhr

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Über dieses Thema berichteten WDR5 am 08. Dezember 2016 um 13:38 Uhr im Mittagsecho und NDR Info um 15:08 Uhr.

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