Angriff auf Mossul | Bildquelle: AFP

Lage in Mossul "Kinder als menschliche Schutzschilde benutzt"

Stand: 22.04.2017 18:28 Uhr

ARD-Korrespondent Volker Schwenck war in Mossul, um sich einen Überblick über die Kämpfe gegen den IS im Westen der nordirakischen Stadt zu verschaffen. Anschließend beantwortete er in einem Facebook-Live-Chat aus seinem Hotelzimmer heraus die Fragen von Usern.

"Das etwas psychedelische Umfeld hier, das ist das Hotelzimmer", erklärt ARD-Korrespondent Volker Schwenck und blickt in einen bunten Raum. Er ist von der irakischen Stadt Mossul nach Erbil zurückgekehrt, dem Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak. "Und jetzt sehe ich, dass sich etliche Zuschauer schon zuschalten."

"Wir sind am Dienstag in Mossul angekommen", erzählt er nach einer Begrüßung in die Runde."Und hatten schon mal gleich das erste Problem. Sämtliche Brücken, die über den Tigris von Ost-Mossul nach West-Mossul führen, sind beschädigt worden. Es gibt nur eine einzige Brücke und die ist provisorisch, darüber läuft der ganze Verkehr. Und diese einzige Brücke war wegen des Hochwassers beschädigt und musste repariert werden - und natürlich ausgerechnet, als wir hinüberfahren wollten."

Volker Schwenck
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ARD-Korrespondent Volker Schwenck stellte sich im Facebook-Livechat den Fragen zur derzeitigen Lage in Mosssul.

Schwenck und sein Kamerateam konnten erst am Mittwoch die Brücke überqueren, um in den Westteil der Stadt zu gelangen, dort, wo derzeit die Kämpfe gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) stattfinden. "Man hat nur ein gewisses Zeitfenster für einen Aufenthalt in West-Mossul“, schildert er seine Fahrt in den frühen Morgenstunden. "Denn man kann als Journalist nicht einfach so herumfahren. Man trifft sich dort mit Sicherheitskräften, der Polizei oder den Sonderkräften der irakischen Armee. Gegen ein oder zwei Uhr am Nachmittag muss man dann wieder zurück.“

"Der IS muss zunächst vertrieben werden"

Hunderte von Kommentaren, Fragen und Emojis beginnen nach dieser Einleitung über den Monitor zu schwirren. "Kann man die Stadt wieder aufbauen?", greift Schwenck die erste Frage eines Zuschauers auf. "Es ist erst einmal so, dass der IS aus West-Mossul vertrieben werden muss. Mossul ist eine Großstadt im Nordirak, vor dem Krieg zwei Millionen Einwohner groß. Der Ostteil der Stadt ist seit Ende Januar vom IS befreit, um den Westteil wird im Moment noch heftig gekämpft. Es ist nicht so ganz klar, wie viel dieses Westteils die irakischen Sicherheitskräfte schon kontrollieren, da gehen die Zahlen auseinander, die Iraker sagen 75 Prozent, wir gehen eher von 60 Prozent aus."

Irakische Spezialkräft in Mossul (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Der Ostteil der Stadt ist seit Ende Januar vom IS befreit, um den Westteil wird im Moment noch heftig gekämpft.

"Inwiefern unterscheidet sich der Kampf um Aleppo von dem Kampf um Mossul?“, liest Schwenck eine weitere Frage ab. "Eine interessante Frage. Die Lesart in Aleppo war ja, dass da ein legitimes Regime, nämlich das syrische, gegen böse Terroristen kämpft. Diese Lesart war teilweise richtig, aber eben nicht ganz, weil es auf Seiten der Aufständischen auch Dschihadisten gab, die ideologisch dem IS nahe standen. In Mossul gibt es nur eine einzige Gruppe, und das ist der IS, der die Stadt 2014 im Handstreich übernommen hat.  Und gegen diesen IS kämpft ein großes Bündnis aus irakischen Sicherheitskräften und Milizen mit staatlicher Unterstützung. Das ist der wichtigste Unterschied."

"Auch Schüsse auf uns"

"Wie gefährlich ist es für uns Journalisten?", lautet die nächste Frage. "Also, ich verstehe mich nicht als Kriegsberichterstatter, ich bin nicht dort, wo die Kugeln ganz dicht fliegen. Ich stehe eher in der zweiten Reihe. Vielleicht hat jemand das Mittagsmagazin gesehen, da haben wir gezeigt, wie Flüchtlinge aus den vom IS besetzten Gebieten Mossuls kommen. Die haben sich durch zerstörte Häuser, durch Hinterhöfe geschlichen, wo sie dann zu den irakischen Sicherheitskräften wechseln konnten. Da haben wir gestern gedreht, da war sehr viel Kampflärm zu hören, der Kampf war sehr nah, etwa 20 Meter, aber näher sind wir dann auch nicht herangegangen. Man kann da auch nicht sehr gut filmen, man muss den Kopf senken, und als wir zurückgekommen sind, sind wir an eine Stelle gelangt, die sehr exponiert war. Da stand ein IS-Sniper, der auf uns geschossen hat. Er hat uns aber zum Glück nicht getroffen.“

Kämpfe um Mossul
Mittagsmagazin 13:15 Uhr (21.04.2017), 22.04.2017, Volker Schwenck, ARD Kairo, zzt. Mossul

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"IS-Kämpfer hatten zwei Kinder auf dem Arm"

Innerhalb der nächsten vier Wochen werde der IS aus West-Mossul weitestgehend vertrieben sein, beantwortet Schwenck die Frage nach der Dauer der Kriegshandlungen. "Aber das größte Problem sind die Zivilisten. Der IS nutzt Menschen als menschliche Schutzschilde, und zwar ganz wortwörtlich. Uns hat ein Polizist erzählt, der an der Front war, er hätte zwei IS-Kämpfer gesehen, etwa 20 Meter von ihm entfernt und sie hätten nicht auf sie schießen können, weil diese IS-Kämpfer zwei Kinder auf dem Arm hatten, eins rechts, eins links. Die haben diese Kinder als menschliche Schutzschilde benutzt, und so mussten sie die Kämpfer ziehen lassen."

Die Nase voll vom Krieg

"Es gibt tiefe politische Spaltungen im Irak", erklärt er. "Schiiten sind in Schiitengebiete gegangen, Sunniten in Sunnitengebiete, und deshalb hört man immer häufiger im Irak: Ja, lasst uns das Land doch aufteilen. Die Kurden wollen ja sowieso ihr eigenes Gebiet. Aber die Sunnitengebiete haben kein Öl, so dass das wirtschaftlich gesehen ungerecht wäre, und ich glaube, niemand auf der Welt hat ein Interesse an einem geteilten Irak. Aber eines scheint mir sicher: die allermeisten Menschen wollen keinen IS. Die Leute haben am eigenen Leib erlebt, was es heißt, unter dem IS zu leben. Die Leute haben die Nase voll vom Krieg und vom Unterdrücktwerden."

Bewohner der Stadt Mossul (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Zivilsten in Mossul: "Die Leute haben die Nase voll vom Krieg."

"Hier liegen Dinge herum, mit denen kann man Panzer zerstören!"

"Kommt der IS noch an Waffen?",lautet eine weitere Frage. "Also zumindest in Mossul scheint mir das sehr unwahrscheinlich. Der IS ist abgeschnitten von Waffenlieferungen. Darauf hatte der IS sich auch eingerichtet mit Werkstätten, die eigene Granaten gebaut haben. Wir selbst haben so eine Werkstatt besucht, und die Fachleute haben uns nur gesagt: Fasst bloß nichts an! Hier liegen Dinge herum, mit denen kann man Panzer zerstören!"

"Gibt es Kriegsverbrechen? Klar. Kinder als Schutzschilde - das ist ein Kriegsverbrechen. Außerdem soll der IS in Mossul Giftgas eingesetzt haben. Das hat mir ein Soldat erzählt. Zwei seiner Kameraden sind daran gestorben."

Am Ende bedankt sich Volker Schwenck bei den Zuschauern und wünscht allen einen schönen und vor allem friedlichen Abend. "Das lernt man wirklich zu schätzen, wenn man in solchen Regionen unterwegs ist."

Als Antwort fliegen Hunderte von gereckten Daumen über den Schirm.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. April 2017 um 15:00 Uhr.

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