Peschmerga-Kämpfer in der Gegend von Mosul | Bildquelle: dpa

Marsch der Anti-IS-Koalition nach Mossul Zwischen Optimismus und Angst

Stand: 20.10.2016 09:57 Uhr

Kurdische Peschmerga, irakische Armee, Sunniten, Schiiten - sie alle kämpfen Seite an Seite gegen den "Islamischen Staat" im Irak. Und geben sich siegessicher, Mossul bald vom IS befreien zu können. Björn Blaschke hat eine Gruppe von Kämpfern begleitet.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, zzt. nahe Mossul

Tel Aswad, auf Deutsch "Schwarzer Hügel": Gerade erst hat hier - in der kargen Ebene vor Mossul - eine Einheit irakischer Spezialkräfte IS-Kämpfer aus einem Rohbau vertrieben. Kurzzeitig dienen der schwarze Hügel und das Gebäude darauf als improvisierte Garnison, in der eine recht entspannte Atmosphäre herrscht.

Wenige Soldaten tragen Uniformjacken. Der Goldene Greifvogel, der sonst auf ihren Schultern zeigt, dass sie zu den Spezialkräften gehören, ist ausgeflogen. Die Soldaten tragen Freizeitleidung ganz nach eigenem Geschmack. Sie haben einen Stopp beim Sturm auf Mossul eingelegt. Es ist ja Mittagspause, wie ein Offizier sagt. Wenn die Soldaten ins Gefecht ziehen, sind sie ordentlich gekleidet - jetzt aber waschen sie ihre staubigen Uniformen und genießen die Gulaschkanone.

Alle eint ein Ziel

Tatsächlich ist die Allianz, die den Ring um Mossul täglich enger zieht, keine uniforme Kraft: Zusammengetan haben sich die kurdische Peschmerga, sunnitische Stammesverbände, schiitische Milizionäre, die der Iran unterstützt, und die irakische Armee. Dazu kommen amerikanische Spezialeinheiten, die beratend mitmachen, und die internationale Anti-IS-Koalition, die unter US-Führung Kampfjets bombardieren lässt. Sie alle eint ein Ziel: Mossul vom IS zu befreien.

Nach und nach packen die Soldaten in Tel Aswad ihre Sachen, ziehen ihre Uniformen an, wickeln Decken zusammen. Immer mehr Militärfahrzeuge sammeln sich: Panzer, gepanzerte Gelände- oder Mannschaftswagen. Sie bilden einen langen Konvoi, der am Straßenrand auf den Marschbefehl wartet. Wohin? Keiner will es sagen, aber die Mission ist klar: weiter vorrücken, Geländegewinne machen.

"Die Kampfmoral ist stark"

Vor einem Panzer zeigt sich die Besatzung des tonnenschweren Ungetüms siegesgewiss. "Gott sei Dank", sagen sie. "Wir gewinnen diesen Krieg. Und jetzt ziehen wir als nächstes nach Hamdaniyya und dann nach al-Khudr. Wir sind gut, die Kampfmoral der Offiziere und der Soldaten ist stark!" Eine Stimmung, die die meisten hier in Tel Aswad teilen. Manche meinen jedoch, dass es vor der Einnahme von Mossul zum Schlimmsten kommt: Ein Soldat der irakischen Spezialkräfte trägt griffbereit am Gürtel eine Gasmaske. Und er erklärt: "Ja, sie benutzen Senfgas - zumindest erwarten wir das." Schon einmal soll der IS im Irak Senfgas verschossen haben.

Weitverzweigtes Tunnelsystem

Und auch sonst ist die Terrororganisation für Überraschungen gut. Zum Beispiel unweit von Tel Aswad, nahe der Ortschaft Khazir, in einem Weiler: Das kleine Dorf haben gerade erst kurdische Peschmerga-Kämpfer erobert. Sie fanden Trümmer von Häusern vor, die Kampfjets zerstört hatten, um den Kurden den Weg zu bereiten. Und sie entdeckten noch etwas: In einer Moschee zeigt ein Peschmerga-Kommandeur einen fünf Meter tiefen Schacht. Der Kurde erklärt, dass das der Zugang zu einem Tunnel ist. Unter dem Dorf erstrecke sich ein ganzes Tunnelsystem. Weitverzweigt, über mehrere Hundert Meter, mit Ein- und Ausgängen in allen Häusern. Unterirdische Luftschutzstellungen - und Wohnungen für IS-Terroristen, ausgestattet mit Kühlschränken und Kochern. Und überdies Verbindungen zwischen den Häusern.

Was erwartet sie in Mossul?

Überwachungsflugzeuge konnten nicht ausmachen, wer in welchem Haus Stellung bezogen hatte. Dass das System überhaupt existierte, war aus der Luft nicht zu erkennen: Die Säcke mit dem Aushub, Erde und Gestein blieben in den Gebäuden. In der Moschee des Weilers sind sie fein säuberlich an den Innenwänden aufgeschichtet. Ein derart durchdachtes Konzept in einem kleinen Dorf, das Mossul recht weit vorgelagert ist. Was mag sich der IS erst in der einstigen Millionenstadt ausgedacht haben? Der Kurden-Kommandeur erwartet zumindest Straßenkämpfe. Und in einer großen Stadt wie Mossul sei das eine schwere Aufgabe.

Gerade entdeckte Tunnelsysteme, die Aussicht auf Straßenkämpfe, möglicherweise Senfgas - Zaudern ist trotzdem nicht auszumachen bei denen, die gegen den IS kämpfen. Weder unter den kurdischen Peschmerga nahe der Ortschaft Khazir noch unter den arabischen Verbände in Tel Aswad. Bevor von Tel Aswad die schwarz uniformierten Spezialkräfte in ihrem Konvoi aufbrechen, um weiter vorzurücken, lassen sie eine kurdische Einheit passieren. Sie kehrt von der Front zurück mit der Nachricht, dass die Peschmerga gerade ein weiteres Dorf eingenommen haben: Hamadaniyya.

Gulaschkanonen und Tunnelsysteme? - Die Anti-IS-Koalition marschiert Richtung Mossul
B. Blaschke, ARD Kairo
20.10.2016 08:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Oktober 2016 um 7:14 Uhr.

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