Interview

Interview mit Tepco-Sprecher "Stoppen, kühlen und einsperren"

Stand: 02.04.2011 17:43 Uhr

Schlechtes Krisenmanagement, schleppende Informationspolitik - der Betreiber des japanischen Katastrophenmeilers, Tepco, kommt nach dem GAU in Japan nicht aus den Schlagzeilen. Im Interview mit ARD-Korrespondent Mario Schmidt gibt sich Pressesprecher Hitosugi reumütig - und präsentiert Tepco als krisensicher.

Mario Schmidt: Wie sieht die Lage in Fukushima Daiichi derzeit aus?

Tepco-Pressesprecher Yoshimi Hitosugi
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Gibt Auskunft über die Lage in Fukushima: Tepco-Pressesprecher Hitosugi

Yoshimi Hitosugi: Zuerst möchten wir uns dafür entschuldigen, dass der AKW-Unfall den Bewohnern um das AKW, beim japanischen Volk sowie der Bevölkerung der ganzen Welt Sorgen bereitet.

Nach dem Erdbeben am 11. März wurde das AKW automatisch gestoppt, aber durch den darauf folgenden Tsunami wurden die Pumpen zerstört, so dass das Innere des AKW nicht mehr gekühlt werden konnte. Das führte dann zu den Unfällen der Reaktoren 1 bis 3. Reaktor 4 wurde zum Unglückszeitpunkt gewartet, die Brennelemente waren daher nicht aktiv. Die Reaktoren 5 und 6 sind derzeit stabil gekühlt. Die Reaktoren 1 bis 3 und deren Lager für abgebrannte Brennelemente werden nach wie vor mit Wasser gekühlt und sind im Moment stabil. Da es aber nicht sicher ist, ob sie in der nächsten Zeit auch stabil bleiben, arbeiten wir weiter daran.

Schmidt: Unter welchen Bedingungen arbeiten ihre Mitarbeiter an den Reaktoren?

Hitosugi: Zur Zeit sind etwa 400 Leute im Einsatz, 80 bis 90 Prozent von ihnen sind Tepco-Angestellte. Die anderen arbeiten bei Tepco-Partnern, der Feuerwehr, der Selbstverteidigungstruppe und Reaktor-Herstellerfirmen. Die Arbeiter tragen Dosimeter und sind Radioaktivitätswerten ausgesetzt, die unter den festgelegten Werten liegen. Sie werden im Schichtsystem eingesetzt. Wenn es nötig ist, übernachten sie in einem Gebäude auf dem AKW-Gelände. Ernähren müssen sie sich leider mit Notfall-Rationen.

Schmidt: Tepco steht unter anderem in der Kritik, weil nicht früher um Hilfe gebeten wurde. Warum wird Hilfe von anderen Ländern erst jetzt entgegengenommen?

Hitosugi: Was den Zeitpunkt betrifft, kann ich leider keine konkrete Erklärung geben. Derzeit bekommen wir Schutzkleidungen und -masken aus dem Ausland zugeschickt für die Arbeiten an den Reaktoren. Wir fordern auch Hilfe an für die Maßnahmen gegen radioaktiv verseuchtes Wasser in den Turbinen- bzw. den Reaktorgebäuden.

Schmidt: Könnte sich die Lage nicht schneller beruhigen, wenn mehr Hilfe von Außen geholt würde? Es scheint so, als wolle Tepco zeigen, dass die Lage allein gemeistert werden könne.

Tepco: Machenschaften eines Katastrophenkonzerns
Weltspiegel, 03.04.2011, Mario Schmidt, ARD Tokio

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Hitosugi: Bis jetzt ist mir keine Meldung bekannt, dass die Arbeiten an den Reaktoren aufgrund mangelnder Hilfe behindert wurden. Natürlich haben wir uns auf verschiedene, zum Teil auch harte Bedingungen wie jetzt vorbereitet und Maßnahmen dafür getroffen: Gestörte oder unterbrochene Stromverbindungen oder Tsunami-Schäden wurden als mögliche Ereignisse diskutiert. Dafür haben wir trainiert.

"Wir geben mehrmals am Tag Pressekonferenzen"

Arbeiter am AKW Fukushima
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Ein neuer Versuch: Testweise sprühen die Arbeiter Kunstharz über den verstrahlten Boden rund um das AKW.

Schmidt: Im Ausland spricht man davon, dass ausschließlich Tepco an den Unfällen schuldig ist ...

Hitosugi: Jetzt arbeiten wir in erster Linie daran, die Lage der Reaktoren zu stabilisieren und sie in einen sicheren Zustand zu bringen. Es ist noch nicht an der Zeit, über Schuldige zu sprechen. Auch über die Kosten können wir noch nicht sprechen.

Schmidt: Stimmen Medienberichte, dass Tepco mit der Meerwasser-Kühlung möglichst lange gewartet hat, um die Reaktoren nicht zu zerstören, was aber letztlich die Lage verschlimmert hat?

Hitosugi: Ich denke, dass das Meerwasser zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt wurde, um die Reaktoren zu kühlen.

Schmidt: Warum informiert Tepco immer so schleppend?

Hitosugi: Wir geben mehrmals am Tag Pressekonferenzen. Die Daten der Boden- und Meerwasserverseuchung werden nach der Untersuchung und der Bewertung sofort veröffentlicht.

Schmidt: Aber es gab auch den Fall, dass Plutonium im Boden gefunden wurde, und die Veröffentlichung folgte erst Tage später. Woran liegt diese Verzögerung?

Hitosugi: Das Plutonium wurde zuerst in ein auswärtiges Institut zur Untersuchung gebracht, was natürlich Zeit kostete, und danach haben wir die Daten selber ausgewertet. Wir haben aber darüber nach der Datenbewertung sofort informiert.

Schmidt: Gibt es eine Erklärung, warum sich der Geschäftsführer von Tepco krank meldete und sich nicht in der Öffentlichkeit zeigt?

Hitosugi: Er ist sehr strapaziert und hat Bluthochdruck und Schwindelgefühle, aber wenn es ihm wieder besser geht, wird er wieder zurückkommen.

Schmidt: Ist die schwierigste Phase am AKW schon überstanden?

Hitosugi: Bei einem Reaktorunfall sind drei Prozesse wichtig, nämlich stoppen, kühlen und einsperren. Aber da die Reaktoren zwar gestoppt, aber noch nicht gekühlt sind, sehe ich die Lage noch nicht als entschärft an.

Mario Schmidt führte das Interview für den Weltspiegel.

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Beben, Tsunami, Super-GAU: Chronologie der Katastrophen (11.03.-15.04.2011)

Chronologie der Katastrophen in Japan (11. März bis 15. April 2011)

Tsunami

11. März: Das stärkste jemals gemessene Erdbeben in Japan mit einer Stärke von 9,0 erschüttert die Nordostküste des Landes. Kurz nach dem Beben erreicht eine bis zu zehn Meter hohe Tsunami-Welle die Küste. Das Bild ist bei Minamisoma in der Präfektur Fukushima aufgenommen worden.

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