Interview

Alternativer Nobelpreis für Sima Samar "Die Frauen und Kinder werden nicht aufgeben"

Stand: 07.12.2012 02:05 Uhr

Die afghanische Ärztin Sima Samar engagiert sich in ihrem Land für die Frauen- und Menschenrechte. Deshalb wurde sie jetzt mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt. Für die Zukunft setze sie auf die junge Generation und die Frauen im Land, sagte Samar im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Sima Samar, Sie haben Medizin studiert. Was sagen Sie als Ärztin über den Patienten Afghanistan?

Sima Samar: Ich denke, dass dieses Land, das viele Kriege und viel Gewalt gesehen hat, und die Bevölkerung wirklich traumatisiert sind. Und es braucht eine Menge Hilfe und Unterstützung, um dieses Land wieder auf die Beine zu bringen.

alt Sima Samar | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Zur Person

Die afghanische Ärztin Sima Samar startete 1989 die Hilfsorganisation "Shuhada", die u.a. Schulen betreibt. 2001 wurde sie Ministerin für Frauenangelegenheiten und eine der fünf Stellvertreter von Präsident Karsai. Seit 2002 leitete sie die von ihr gegründete afghanische Menschenrechtskommission in Kabul. Sie ist unter anderem Trägerin des Alternativen Nobelpreises.

Keine Alternativen in Afghanistan?

tagesschau.de: Viele Leute, zum Beispiel bei uns in Deutschland, denken, es macht keinen Sinn mehr, in Afghanistan zu bleiben. Das werde nicht mehr besser, sagen sie. Was antworten Sie denen?

Samar: Aus ihrer Sicht mögen sie recht haben. Aber nur weil sie die Fakten nicht kennen. Sie können die Errungenschaften, die wir jetzt haben, nicht mit der Situation vor elf Jahren vergleichen. Im Dezember 2001 bin ich nach Afghanistan zurückgekehrt. Ich, als Afghanin, war schockiert über die Armut, darüber wie wenige Menschen in Kabul lebten. Und wie wenige Autos in den Straßen zu sehen waren. Manchmal vergingen zehn Minuten, bis wieder ein Auto kam. Schrecklich! Und dann die Verbesserungen die man heute sehen kann! Wieviele Kinder heute eine Schule besuchen. Eine andere Sache aber ist die: Es gab keinen Langfristplan für unser Land. Der 11. September passierte ohne Vorwarnung. Und innerhalb von zwei Monaten entschied die internationale Gemeinschaft, nach Afghanistan zu kommen.

Afghanische Ärtzin und Politikerin erhält Alternativen Nobelpreis
nachtmagazin 00:06 Uhr, 07.12.2012, Gabor Halasz, ARD Neu-Delhi

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

tagesschau.de: 2015 gehen die internationalen Truppen wieder. Was denken Sie, was passiert dann?  

Samar: Ich hoffe, nichts Schlimmes. Vielleicht wird sich der Krieg, wie er heute ist, noch etwas fortsetzen. Vielleicht sogar etwas zunehmen, einige Gebiete werden verloren gehen und einige Regierungsbeamte getötet werden. Aber ich glaube nicht, dass die Taliban zurückkommen werden. Aber vielleicht wird es einige oder auch  vermehrt konservative Meinungen und Ideen im Land geben. Und diese werden mehr Macht innerhalb der Regierung und ihren Institutionen haben. Aber das hängt alles davon ab, wie wir 2014 in die Wahlen gehen.  

Die Frauen werden aktiv

tagesschau.de: Ich habe viele Frauen in diesem Land gesehen. Und sie waren starke Persönlichkeiten. In den Familien, in der Politik. Ist denn der Eindruck richtig, dass es vor allem Frauen sind, die etwas tun gegen die Situation?  

Sima Samar | Bildquelle: dpa
galerie

Sima Samar bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in Genf.

Samar: Ja, daran besteht kein Zweifel. In Afghanistan sind die Frauen ziemlich stark. Stellen Sie sich vor, sie haben 35 Jahre Krieg überlebt - aber sie sind immer noch da! Ihre Häuser wurden zerstört, ihre Kinder, Ehemänner, Brüder ermordet- aber sie haben überlebt! Aber immer noch würde ich sagen, ist die Mehrheit der afghanischen Frauen nicht in einer Position, Entscheidungen für die Familie zu treffen. Es ist immer noch eine sehr patriarchale Gesellschaft. Es sind die Männer in den Familien, die Entscheidungen treffen.

Positiv in die Zukunft blicken

tagesschau.de: Sind Sie manchmal optimistisch, dass Ihre positive Vision für Afghanistan wahr wird?

Samar: Ich denke ja, weil wir eine junge Generation haben, die zur Schule geht und Bildung erfährt. Wir haben freie Medien - vielleicht nicht zu 100% - aber zumindest 90%. Wir haben immer noch die Selbstzensur - mich eingeschlossen. Ich will mir nicht noch ein zusätzliches Problem aufhalsen, nur weil ich etwas sehr Riskantes sage. Die gebildeten Kinder in der jungen Generation, und die Frauen, die zumindest eine beschränkte Freiheit in diesem Land erreicht haben, die werden nicht aufgeben.

tagesschau.de: Nun bekommen Sie den Alternativen Nobelpreis. Was bedeutet das für Sie?  

Samar: Es ist eine große Ehre und eine Anerkennung meiner Arbeit. Es zeigt, dass die Arbeit, die ich tue, die richtige ist. Und das ist das Wichtigste, es ist gut für die Frauen dieses Landes. Sie können daran sehen, dass wir wahrgenommen werden, und es auch für uns möglich ist, in diesem Land gute Arbeit zu leisten - auch in diesem sehr sehr schwierigen Umfeld. Obwohl: Unser Präsident hat mir noch nicht gratuliert.

Das Interview führte Gábor Halász, ARD-Studio Neu Delhi.

Darstellung: