Interview

Sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie "Gezieltes Instrument zur Demütigung"

Stand: 29.05.2014 11:37 Uhr

Nigeria, Bosnien, Kongo, Ruanda: Sexualisierte Gewalt gegen Frauen wird oft in militärischen Konflikten als Strategie eingesetzt. Die Hilfsorganisation Medica Mondiale arbeitet mit Betroffenen. tagesschau.de hat mit der Gründerin Monika Hauser gesprochen.

tagesschau.de: In Nigeria sind fast 300 Schülerinnen entführt worden, immer noch sind mehr als 200 von ihnen in der Gewalt der Terrorgruppe Boko Haram. Diese droht, sie zu verkaufen oder zu verheiraten. Dass die Bedrohung von Frauen oder Mädchen in militärischen Konflikten zur Kriegswaffe wird, ist das eine Ausnahme?

Monika Hauser: Nein, das ist leider keine Ausnahme. In kriegerischen Konflikten wird sexualisierte Gewalt immer wieder benutzt. Und in Afghanistan beispielsweise werden täglich Mädchen entführt und vergewaltigt, ohne dass die Weltöffentlichkeit noch hinsieht.

alt Monika Hauser

Zur Person

Monika Hauser ging 1992 als Gynäkologin in den Krieg nach Bosnien, um dort vergewaltigten Frauen und Mädchen zu helfen. Im Folgejahr gründete sie die Hilfsorganisation medica mondiale, die bis heute mit Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten arbeitet, insbesondere mit Opfern sexualisierter Gewalt. Die 55-Jährige wurde für ihr Engagement vielfach ausgezeichnet, unter anderem im Jahr 2008 mit dem Alternativen Nobelpreis. Das Bundesverdienstkreuz lehnte Hauser im Jahr 1996 ab. Sie protestierte unter anderem damit gegen den aus ihrer Sicht verfrühten Beginn der Rückführung bosnischer Kriegsflüchtlinge.

Grundsätzlich kommt sexualisierte Gewalt global vor, weil wir überall Strukturen haben, die auf Geschlechterungerechtigkeit basieren. In Ländern, in denen Strukturen wie Justiz oder Polizei aufgrund von militärischen Konflikten nicht mehr greifen, passiert viel mehr sexualisierte Gewalt, auch, weil es dort zu einer kompletten Straflosigkeit kommt.

tagesschau.de: In vielen Kriegen gleicht die sexualisierte Gewalt in ihrer Systematik einer Strategie. Was steckt dahinter?

Hauser: Das erleben wir immer wieder in Kriegen, in denen es auch um ethnische Vertreibung oder Genozid geht. Die Liste der Länder, in denen wir das gesehen haben, ist endlos: Bosnien, Ruanda und Bangladesch sind da nur drei Beispiele. Allerdings ist da oft eine strategische Instrumentalisierung nicht nachweisbar: Es gibt meistens keine Befehlskette, nach der Oberbefehlshaber den Offizieren befahlen, die Soldaten anzuweisen, gezielt zu vergewaltigen. Aber die Soldaten oder Rebellen benutzen die chaotische Kriegssituation, um auch ohne expliziten Befehl zu vergewaltigen.

Monika Hauser 1993 in Bosnien
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Monika Hauser (links) im Gespräch mit einem bosnischen Kommandanten 1993. Im gleichen Jahr gründete sie ihre Hilfsorganisation.

Natürlich wird sexualisierte Gewalt aber auch zur ethnischen Vertreibung genutzt. Die Männer des siegenden Lagers nutzen das als Instrument, um eine Botschaft an die Männer des unterlegenen Lagers zu senden, nämlich: Ihr könnt nicht mal eure Frauen schützen. Das ist eine ganz klare Botschaft der Demütigung. Doch am stärksten wird natürlich die Frau selbst gedemütigt. Sie wird mit Füßen getreten und erfährt eine schwere Traumatisierung.

"Nach dem Trauma kommt die Stigmatisierung"

tagesschau.de: Welche Auswirkungen hat das?

Hauser: Wenn Frauen in diesem hohen und brutalen Ausmaß vergewaltigt werden, schlägt das ganze Bevölkerungsgruppen in die Flucht. Es bedeutet aber auch eine Zerstörung des sozialen Zusammenhalts. Die Männer in der Verlierergruppe denken in der gleichen patriarchalen Weise wie die Männer der Gewinnergruppe, nämlich: Wenn der Körper einer Frau so verletzt wurde, dann ist die Ehre der Frau zerstört - und damit die Ehre der ganzen Familie. Das führt dazu, dass vergewaltigte Frauen nicht allein mit dem Vergewaltigungstrauma belastet sind, sondern stigmatisiert werden und von ihrer eigenen Familie, ihrem eigenen Umfeld ausgegrenzt werden.

Das Werk der Täter findet damit also seine Fortsetzung in der sozialen Isolation der Opfer. Wenn dieses System durchbrochen würde, und männliche genauso wie weibliche, nicht-vergewaltigte Angehörige des Opfers sich empathisch und solidarisch verhalten und alles dafür tun würden, damit die Frauen in der Mitte der Gesellschaft blieben, dann wäre den Vergewaltigungsopfern schon sehr geholfen.

Nigeria | Bildquelle: REUTERS
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Angehörige eines Mädchens in Nigeria, das von Boko Haram verschleppt wurde.

tagesschau.de: Wie sieht Ihre Arbeit mit den betroffenen Frauen genau aus?

Hauser: Wir geben den Frauen soziale, medizinische und psychologische Unterstützung und juristische Begleitung. Sehr wichtig ist aber auch, dass wir den Frauen die Perspektive auf ein eigenes Einkommen schaffen, damit sie für sich und ihre Kinder sorgen können und nicht unmittelbar in neue Abhängigkeiten geraten, vor allem nicht in sexuelle Ausbeutungs-Abhängigkeiten.

Wir betreiben aber auch Aufklärung, damit eben genau die eben beschriebene Stigmatisierung von Frauen weniger stattfindet. Dafür müssen Gesellschaften lernen, dass sexualisierte Gewalt ein Verbrechen an der Frau ist.

"Viele Frauen schrecken vor der Befragung zurück"

tagesschau.de: Wird denn bei der Strafverfolgung von Kriegsverbrechern sexualisierte Gewalt angemessen berücksichtigt?

Hauser: Nein. Es wird aber auch falsch ermittelt. Den Haag hat bis heute kein Konzept, betroffene Frauen zu befragen, ohne, dass ihnen eine Retraumatisierung droht.

Sie müssen sich das so vorstellen: Da kommt dann der große UN-Wagen in ein Dorf und hält vor der Hütte einer Frau um ihre Aussage aufzunehmen. Das ganze Dorf weiß dann, weshalb dieses UN-Auto da ist, wenn es nicht ohnehin schon vorher bekannt war. Welche sozialen Konsequenzen das für die Frauen hat, habe ich ja bereits beschrieben. 

Auch in Deutschland, mit unserem funktionierenden Rechtsstaat, schrecken viele Frauen vor der Befragung zurück. Die größte Anzahl sexualisierter Gewalttaten wird nicht zur Anzeige gebracht. Das ist in Ländern mit militärischen Konflikten noch schwerer für die oft minderjährigen Frauen, diese traumatischen Erlebnisse gegenüber weißen Männern zu schildern. Denn diese Befragungen werden meistens von weißen Männern geführt.

tagesschau.de: Wie kann man das ändern?

Hauser: Wir fordern dringend, die Frauen stärker bei ihrer Aussage zu unterstützen. Ihnen psychologische und juristische Hilfe an die Seite zu stellen, denn das haben sie bisher nicht. Sie außerdem finanziell zu unterstützen, damit sie ihre Aussage außerhalb ihres Dorfes machen können.

Denn es ist ja so: Frauen wollen, dass die Täter überführt werden, auch, weil es das Gerechtigskeitsgefüge wiederherstellt. Das ist gerade für traumatisierte Gewaltopfer sehr wichtig.

"Schwerste Übergriffe durch internationale Soldaten"

tagesschau.de: Gibt es auch Kenntnisse über westliche Soldaten, die während militärischer Interventionen vergewaltigt haben?

Hauser: Wir wissen, dass in mehreren afrikanischen Ländern, darunter beispielsweise im Kongo oder in Sierra Leone schwerste Übergriffe durch internationale Soldaten, also auch NATO- und UN-Soldaten stattgefunden haben. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan hat deshalb in seiner Amtszeit eine "Zero Tolerance"-Politik gegenüber sexualisierter Gewalt ausgerufen und dazu klare Leitlinien erstellt. Diese Leitlinien an sich sind sehr gut, aber sie werden kaum durchgesetzt.

Es fehlen dafür auch Anlaufstellen. Im Kongo ist zudem die Alphabetisierungsrate sehr niedrig. Wo sollen denn die minderjährigen Mädchen hingehen, zumal wenn sie nicht lesen oder schreiben können, und über sexualisierte Gewalt durch internationale Streitkräfte berichten?

tagesschau.de: Gibt es weitere Vorwürfe gegen westliche Soldaten in Kriegs- oder Krisengebieten?

Hauser: Eine Fortführung von sexualisierter Gewalt im Krieg ist oft, dass Frauen im Nachkrieg sexuell ausgebeutet werden - durch Mafiastrukturen, die Zwangsbordelle aufbauen. Oft leben dort minderjährige Mädchen unter schlimmsten Bedingungen, die unter falschen Versprechungen, aber auch unter Drogen oder Gewaltandrohung dorthin verschleppt wurden.

Diese Zwangsbordelle werden sehr oft besucht von westlichen Soldaten, aber auch von den zivilen Helfern, die nach dem Krieg kommen, auch von Hilfsorganisationen. In den Neunzigerjahren und Anfang der Zweitausenderjahre auf dem Balkan ist das immer wieder vorgekommen.

"Keine Verantwortungsübernahme"

tagesschau.de: Ist das in den Armeen oder bei den Organisationen bekannt?

Hauser: Wir prangern das schon lange an. Da gibt es aber sowohl von Führungskräften in den Armeen als auch in den Geschäftsführungen von Hilfsorganisationen keine echte Einsicht, dass man die eigenen Männer für die Situation in den Ländern sensibilisieren muss. Es gibt da keine Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme.

Das ist ja ein massives Machtgefälle: Da kommt, zugespitzt formuliert, der weiße Mann und kann sich für ein paar Dollar eine 15-Jährige kaufen - mit der er dann letztendlich machen kann, was er will, weil es keine Kontrolle gibt. Das ist eine Menschenrechtsverletzung - und die westlichen Armeen, auch die Bundeswehr, haben hier große Versäumnisse zu verantworten.

Das Gespräch führte Anna-Mareike Krause, tagesschau.de

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