Interview

Trump-Anhänger halten Schilder in die Luft | Bildquelle: AFP

Politikwissenschaftler zu Trump-Ergebnis "Trumps Ergebnis stellt Gesetze der Politik auf den Kopf"

Stand: 09.11.2016 07:55 Uhr

Die Umfragen lagen daneben, weil das Verhalten ungebildeter Wähler falsch eingeschätzt worden sei, sagt der US-Politologe Andrew Denison im Interview mit tagesschau.de. Trump habe Wähler mobilisiert, von denen es keiner erwartet hätte. Das Land bleibe nach diesem Ergebnis gespalten. .

tagesschau.de: Sind sie zufrieden mit dem Ergebnis oder haben Sie große Bauchmerzen?

Andrew B. Denison: Ich habe Bauchschmerzen, ich bin schockiert von dem unerwarteten Ergebnis. Es stellt die Gesetze der Politik auf den Kopf. Auf der einen Seite hat es Hillary Clinton nicht geschafft, die Wahlbeteiligung zu bekommen, die sie brauchte, um zu gewinnen. Auf der anderen Seite die forsche Art von Donald Trump, fast seine Arroganz - die war nicht seine Schwäche, sondern eine Stärke. Er hat Wähler mobilisiert, die keiner erwartet hätte.

tagesschau.de: Was hat die Menschen motiviert, Trump zu wählen?

Denison: Wir haben erwartet, dass Donald Trump zwar bei seinen Anhängern punktet, aber dass er andere Wählerschaften vertreiben würde, zum Beispiel Frauen und Menschen mit Universitätsabschluss. Aber das ist nicht passiert. Allerdings war schon lange klar, dass die amerikanischen Wähler einen Wandel haben wollten, und jemanden, der nicht aus Washington kommt, hat da einen Vorteil. Das hat sich in den erstaunlichen Ergebnissen für Trump gezeigt.

alt Andrew Denison | Bildquelle: imago/Müller-Stauffenberg

Zur Person

Andrew B. Denison (54), US-Amerikaner, geboren in Colorado, lebt inzwischen in Deutschland. Denison hat in Deutschland und den USA studiert und ist promovierter Politikwissenschaftler. Er ist Direktor von Transatlantic Networks, einem Forschungsverbund mit Sitz in Königswinter. Denison beschäftigt sich insbesondere mit transatlantischen Beziehungen.

tagesschau.de: Die Umfragen hatten Clinton vorne gesehen. Warum lagen die Umfragen so daneben?

Denison: Die Umfragen lagen daneben, weil sie die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung bei ungebildeten Wählern, die vorher nie gewählt haben, nicht richtig einschätzen konnten. Wir sehen hier auch eine Welle des Populismus, die in Meinungsumfragen schwierig zu erfassen ist.

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"Das Schlimmste verhindern"

tagesschau.de: Das Land ist gespalten. Was bedeutet das Wahlergebnis für das Land?

Denison: Das Land bleibt gespalten. Die Demokraten werden versuchen, Schaden zu begrenzen und das Schlimmste zu verhindern. Sie werden versuchen, Kompromisse mit Trump zu schaffen. Aber er wird sagen, er habe ein Mandat zu handeln. Gleichzeitig wird Trump auch Einigungen mit seiner eigenen Partei suchen müssen, mit der er zwischenzeitlich zutiefst zerstritten war.

tagesschau.de: Führende Republikaner haben Trump die Gefolgschaft verweigert. Nun haben die Republikaner vermutlich im Kongress und im Senat die Mehrheit und stellen auch den Präsidenten. Bei welchen Themen muss Trump trotzdem mit Widerstand aus den eigenen Reihen rechnen?

Denison: Trump wird wahrscheinlich mit Widerstand von einigen Republikanern rechnen müssen, wenn es um Kürzungen von Staatsausgaben für Rentenversicherungen geht. Lange Zeit haben US-Republikaner gesagt, wir müssen bei der Rentenversicherung kürzen, das ist nicht bezahlbar. Trump sagt das Gegenteil, das, was Republikaner noch nie gesagt haben: Staatliche Rentenversicherung muss bleiben. Hinzu kommt der wirtschaftliche Bereich. Wo Republikaner Wirtschaftsinteressen vertreten, wird es schwierig werden. Denn sowohl offene Märkte als auch Einwanderung sind wichtig für amerikanische Firmen. Doch viele amerikanische Wähler sind der Meinung, dass dies für Amerika schlecht ist. Auch da wird es einen Konflikt zwischen Trump und seiner Partei geben. Auch in der Frage der Einwanderung und vor allem der Festnahme und Deportation der illegalen Einwanderer wird Trump es nicht einfach haben, sofort handeln zu können. Widerstand wird er gerade von den Republikanern erleben, deren Firmen von diesen Einwanderern abhängig sind.

Gemeinsamkeiten zwischen Republikanern und Demokraten?

tagesschau.de: Welche Themen wird Trump schnell angehen und wo kann er mit Unterstützung rechnen?

Denison: Wo er vielleicht Unterstützung bekommen könnte, ist sein Wunsch, den Clinton teilt und den die Demokraten insgesamt teilen: Investitionen in amerikanische Infrastruktur: in Straßen, Brücken, Häfen und Tunnel. Hier haben die Amerikaner viele Jahre nicht investiert. Hier gibt es Nachholbedarf. Da haben Demokraten und Republikaner im Wahlkampf Ähnliches gesagt.

tagesschau.de: Sind die USA für Europa und Deutschland noch ein verlässlicher Partner?

Denison: Wir müssen hoffen, dass Amerika weiter verlässlich bleibt. Aber es wird schwieriger. Amerika wird mehr von Europa verlangen, zum Beispiel, dass Europa mehr für die eigene Sicherheit tut.

tagesschau.de: Fürchten Sie sich vor Trump als Präsident?

Denison: Was ich am schlimmsten finde, ist seine Unberechenbarkeit: Wie schnell er beleidigend wird, wie oft er andere Leute unterbricht, wie schwierig es für ihn ist zuzuhören. In der Politik muss man mit anderen zusammenarbeiten. Ich fürchte, das wird für ihn sehr schwer sein.

Das Interview führte Barbara Schmickler, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. November 2016 in der Sondersendung ab 09:00 Uhr.

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