Lohberger Gruppe in Syrien

Rückkehrer berichtet aus Syrien Der brutale Alltag beim IS

Stand: 20.10.2015 18:00 Uhr

Es ist ein Bericht aus dem Inneren der Terrororganisation IS: Schläge, Folter, sogar eine Kreuzigung habe er in Syrien miterlebt, schildert Nils D. Der deutsche Islamist war Teil des "IS-Geheimdienstes". NDR, WDR und "SZ" geben Einblick in den brutalen Alltag.

Von Georg Heil, Lena Kampf und Britta von der Heide

Während die "anderen Deutschen" Verdächtige aus ihren Wohnungen in der nordsyrischen Kleinstadt Manbij abgeholt hätten, sei er im Auto geblieben, bewaffnet mit Kalaschnikow und seiner vergoldeten Browning-Pistole, sagt Nils D.

Er habe auf die Zeugen aufgepasst, die bei den Festnahmen stets dabei waren, Informanten aus der Bevölkerung oder Häftlinge, die unter Folter andere beschuldigt hatten. Zehn bis 15 Mal sei er bei diesen "Abholungen" dabei gewesen. Zuerst habe man geklopft. Auf die Frage wer da sei, habe man geantwortet: "Dawla Islamiyya", der "Islamische Staat".

Ermittler nennen seine Einheit "Gestapo des IS"

Die Menschen seien meist freiwillig mitgekommen, nur selten habe man Türen eintreten oder schießen müssen. Nils D., 25 Jahre alt, Islamist aus Dinslaken, hat nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" der Bundesanwaltschaft in Dutzenden Vernehmungen über seine Zeit in Syrien berichtet. Erstmals gesteht damit ein Rückkehrer seine Beteiligung an einer Spezialeinheit des IS, zuständig für die Verhaftung von Dissidenten und Deserteuren, dem "Geheimdienst des IS".

Im Oktober 2013 war D. ausgereist. Er wurde nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Januar 2015 festgenommen, nachdem Ermittler ein Gespräch abgehört hatten, in dem er behauptete "direkt für den Emir" gearbeitet zu haben. Er ist einer der wenigen Syrien-Rückkehrer, die überhaupt aussagen. Acht seiner 13 Monate in Syrien hat D. nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft bei der "Abteilung Innere Sicherheit" verbracht. Ein an den Ermittlungen beteiligter Fahnder nennt die Gruppe inoffiziell die "Gestapo des IS".

Kampf gegen die eigenen Leute

D.s Aussagen erzählen viel über das Mitwirken von Deutschen am Terror des IS, über deren zentrale Rolle im Repressionssystem der Organisation, das sich nicht nur gegen die Zivilbevölkerung richtet, sondern zunehmend auch gegen eigene Kämpfer.

In Manbij, einer Kleinstadt etwa 40 Kilometer von Aleppo entfernt, die seit Januar 2014 unter der Kontrolle des IS ist und wo sich Nils D. hauptsächlich aufhielt, sei der "Sturmtrupp" im ehemaligen Einwohnermeldeamt untergebracht worden. Die Männer hätten das Haus nur vermummt verlassen. Die Schreie der 300 Insassen im Keller des Geheimgefängnisses habe man bis auf die andere Straßenseite gehört, berichtet Nils D. Es habe "richtige Folterkammern" gegeben, in kleinen Kästen stehend hätten die Insassen ausharren müssen.

Nils D. will Koch und Putztrupp-Aufseher gewesen sein

Einmal habe er 20 Gefangene mit den Armen auf dem Rücken gedreht an einer Stange hängen sehen, der Emir sei davor herumgelaufen. Aber nicht nur der habe gefoltert, auch die anderen hätten Gefangene verhört und dabei geschlagen. Obwohl es ein Foto von ihm gibt, auf dem er einem Gefangenen eine Waffe an den Kopf hält, gibt sich D. geläutert und bestreitet, je selbst an Folter oder Exekutionen beteiligt gewesen zu sein.

Ein Mann wird am Bundesgerichtshof durch den Eingang geführt | Bildquelle: dpa
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Festgenommener Islamist am Bundesgerichtshof. Bei dem Mann soll es sich um Nils D. handeln.

Lediglich als Koch habe er gearbeitet, sei fürs Einkaufen zuständig gewesen und habe einen Gefangenen-Putztrupp überwacht, sagt Nils D. über seine Arbeit für die Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien: "Einmal in der Woche war ich dran und musste den Gefangenen unten was zu essen bringen."

Er habe außerdem als Dolmetscher ausgeholfen, als ein deutscher Islamist aus Mönchengladbach beschuldigt wurde, ein Spion zu sein und vor einen Richter treten musste. Oft habe ihn der Emir auch für besondere Aufgaben herangezogen, wohl immer dann, wenn keine Fragen gestellt werden sollten: So habe er einen zu Tode gefolterten Häftling aus dem Krankenhaus holen und verscharren müssen, erzählt er. "Der Emir schien mir zu vertrauen", brüstet sich D.

Bericht von "Hinrichtungsmarktplatz"

Mit seinem Geständnis zeichnet Nils D. ein Schreckensbild, das sich mit Berichten anderer IS-Kämpfer, syrischen Menschenrechtsorganisationen und ehemaligen Geiseln des IS deckt, für das es aber keine unabhängige Bestätigung gibt: Erschießungen und Enthauptungen habe es fast täglich gegeben, D. spricht von einem "Hinrichtungsmarktplatz". Er sei Zeuge einer Exekution eines IS-Kommandanten durch eigene Milizen geworden, D. wertet diese als "Exempel" für alle, die ihm dienten. Die Leiche habe man danach in einen Brunnen geworfen.

Dissidenten und Deserteure seien schwer bestraft worden. Sie könnten beim IS "alles bekommen, Knast, aber auch Tod", so D. "Die foltern so lange, bis derjenige gesteht, was die hören wollen. Dann wird er hingerichtet." Einmal habe er sogar eine Kreuzigung beobachtet: Ein ehemaliger IS-Soldat soll an einem Checkpoint Menschen beraubt haben, drei Tage lang habe man ihn zur Abschreckung aufgehangen.

Wer kämpft gegen wen?
tagesschau24 18:15 Uhr, Sonja Wielow, ARD-Aktuell

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Im Januar beginnt sein Prozess

Die drakonischen Strafen habe D. damals für gerecht gehalten. "Nach einer Zeit prallt das an einem ab." Zum Geheimdienst des IS sei er gemeinsam mit seinem Freund Mustafa Kalayci auf Empfehlung seines Cousins Philip Bergner gekommen, einem der bekanntesten deutschen Islamisten aus dem Dinslakener Stadtteil Lohberg.

Bergner, der auch Teil des Geheimdienstes gewesen sein muss, ist ebenso wie Kalayci mittlerweile tot. Nach einer Verletzung soll Bergner einen Selbstmordanschlag begangen haben, Kalayci, der durch ein Foto bekannt wurde, auf dem er mit abgeschlagenen Köpfen posierte, soll bei Kampfhandlungen gestorben sein.

Der Prozess gegen Nils D. wird voraussichtlich im Januar 2016 vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf eröffnet. Vorher wird er als Zeuge in anderen Verfahren aussagen müssen, etwa vor dem Oberlandesgericht in Celle, wo derzeit zwei Wolfsburger Syrien-Rückkehrern der Prozess gemacht wird.

Recherchekooperation

Die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" kooperieren unter Leitung von Georg Mascolo themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

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