Proteste nach Gruppenvergewaltigung in Indien Der Schrei der Frauen nach Gerechtigkeit

Stand: 22.12.2012 13:51 Uhr

Eine Woche nach der Gruppenvergewaltigung einer 23-Jährigen sind Tausende Neu Delhi auf die Straße gegangen. Sie fordern die Todesstrafe für die Täter und mehr Schutz für Frauen. In Indien gibt es bei den meisten Vergewaltigungen kein Urteil. Oft werden Frauen mitverantwortlich gemacht.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Studenten, männliche und weibliche, haben sich mit Trommeln und Kerzen am India Gate, das Wahrzeichen der indischen Hauptstadt, versammelt. Ein paar junge Frauen tragen Handschellen und rufen: "Wo geht das Geld der Steuerzahler hin? Was macht ihr damit? Wen schützt ihr damit?" Eine junge Studentin hält ein Plakat hoch. Darauf steht: "Sag mir nicht, was ich anziehen soll. Sag ihnen, dass sie mich nicht vergewaltigen dürfen!" Eine andere Demonstrantin empört sich: "Frauen hören immer wieder, dass sie ihre Vergewaltigung herausgefordert haben - weil sie mit einem Jungen ausgegangen sind. Weil sie sich hübsch angezogen haben."

Das Opfer der Vergewaltigung im Bus kämpft auf der Intensivstation um sein Leben, nachdem sechs Männer wie Bestien über die Studentin und ihren Freund hergefallen sind. "Jedes Mal, wenn ein Fall bekannt wird, regen wir uns auf und hören Versprechungen und nie passiert was. Die Täter nehmen uns Frauen als Selbstverständlichkeit hin", beschwert sich eine weitere Demonstrantin.

Proteste Vergewaltigung Indien (Bildquelle: AFP)
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Neuer Höhepunkt der Proteste in Neu Delhi...

Demonstration Neu Delhi (Bildquelle: dapd)
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...die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein.

Männlicher Volkssport: "Eve teasing"

Die Metropole Delhi hat mindestens 15 Millionen Einwohner. Im vergangenen Jahr gab es nach offiziellen Angaben knapp 600 Vergewaltigungen. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann man nur ahnen. Die meisten Opfer schweigen. Die Gruppenvergewaltigung im fahrenden Bus sorgt nun landesweit für eine anhaltende gesellschaftliche Debatte, die ansonsten oft schon im Keim erstickt wird: über die Wahrnehmung der Frau als bloßes Objekt, über den männlichen Volkssport "eve teasing" - "Eva ärgern", der nichts anderes ist als sexuelle Belästigung.

Und diskutiert wird über ein angemessenes Strafmaß für einen Vergewaltiger. Viele Demonstranten fordern die Todesstrafe. Sozialwissenschaftlerin Ranjana Kumari hingegen wünscht sich, dass Polizei und Justiz nach den existierenden Gesetzen handeln. "96 Prozent aller Fälle sind nur eine Akte. Und in den Fällen, die tatsächlich verhandelt werden, gibt es keine Verurteilung. Drei von vier Tätern bleiben straffrei."

Studie: Bis zu zwölf Millionen Mädchen in 30 Jahren abgetrieben

Würden schnelle Gerichtsurteile, harte Strafen und mehr wachsame Polizisten auf den Straßen Männer davon abhalten, Frauen zu vergewaltigen? Ja, sagen viele, die sich an der aktuellen Diskussion beteiligen. "Nein, das reicht nicht", entgegnet die linke Politikerin Brinda Karat, denn viele indische Mädchen kämpfen schon im Bauch ihrer Mutter um ihr Leben.  

Mehrere internationale Studien legen nahe, dass in Indien in den letzten drei Jahrzehnten bis zu zwölf Millionen Mädchen abgetrieben worden sind. Nach Angaben des renommierten Medizin-Journals "The Lancet" gibt es heute in der Altersgruppe bis sechs Jahre in Indien rund sieben Millionen weniger Mädchen als Jungen. Das bevorzugte Geschlecht und auch die Mädchen werden entsprechend erzogen - mit ernsten Konsequenzen für beide Seiten und für die indische Gesellschaft.   

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Dezember 2012 um 20:00 Uhr.

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