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Frauenfeindliche Vorschriften in indischem Dorf
"Liebesheiraten sind ein Übel"
Talibanistan in Indien? Der Dorfrat des Örtchens Asara hat jetzt entschieden, dass Frauen unter 40 ab sofort nicht mehr alleine einkaufen oder Handies besitzen dürfen. Auch Liebesheiraten sind strikt untersagt. Das alles angeblich zum Schutz der Frauen. Menschenrechtler und Politiker sind entsetzt.
Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Südasien, Neu-Delhi
Die indischen Medien reden Klartext: von einem Schock sprechen Fernsehsender, die seriöse Tageszeitung "The Hindu" wählt die Bezeichnung "Diktat im Stile der Taliban". Und beschreibt damit das, was der Dorfrat in dem Örtchen Asara ersonnen hat. Von nun an soll es dort unter anderem strikt verboten sein, dass Menschen sich ihre Ehepartner selbst aussuchen.
Mohkam Khan ist Mitglied des Dorfrats, und er begründet das kuriose Dekret so: "Liebesheiraten sind ein Übel. Jeder weiß, dass, wenn so ein Paar in einem Dorf lebt, es dann Konflikte und Kämpfe hervorbringt."
Talibanistan in Indien? - Dorf verhängt Vorschriften gegen Frauen
K. Küstner, ARD Neu-Delhi
14.07.2012 12:27 Uhr
Nun ist es im manchmal fast noch mittelalterlich anmutenden ländlichen Indien ohnehin Gang und Gäbe, dass Eltern ihre Kinder verheiraten, aber das von oben herab anzuordnen, ist schon etwas anderes.
Und man hat sich in Asara noch andere Maßnahmen ausgedacht, die nicht aus dem 21. Jahrhundert zu stammen scheinen: "Frauen ist es nicht mehr erlaubt, ohne Kopfbedeckung das Haus zu verlassen. Und keine Frau unter 40 darf unseren Sonntagsmarkt zum Einkaufen besuchen", erklärt Dorfrat Khan.
Schockierte Eliten
Auch die Benutzung von Mobiltelefonen ist jungen Frauen - laut Weisung des Dorfrats - nun verboten. Das alles angeblich zum Schutz der weiblichen Bevölkerung vor Belästigung durch Männer. Frauenrechtlerinnen fragen sich nun laut, warum man sich eigentlich nicht die männlichen Übeltäter zur Brust nehmen will, sondern statt dessen deren potentielle Opfer mit Zwangsmaßnahmen belegt.
Und auch Indiens politische Elite ist schockiert. Innenminister Palaniappan Chidambaram drückt sich unmissverständlich aus: "Man sollte gegen die Person vorgehen, die versucht, diese illegalen Verhaltensregeln durchzusetzen."
Auch Geistliche widersprechen der Regelung
Von einer Fatwa, einer Weisung im Sinn des Islam, sprechen einige indische Medien. Nun ist das Dorf Asara zwar mehrheitlich muslimisch. Aber im Rat sind durchaus auch Hindus vertreten. Und gleich mehrere indische muslimische Geistliche meldeten sich zu Wort, um die aus ihrer Sicht skandalösen Verordnungen zu verurteilen, so wie Maulana Khalid Rashid: "Seit ein paar Jahren haben Dorfräte gegen Frauen gerichtete Diktate verhängt, die gesetzeswidrig sind. Die Zentralregierung sollte das im Auge behalten. Wenn so etwas passiert, sollte man gegen diese Dorfräte rechtlich vorgehen."
Die ganze Region, im Westen des riesigen Bundesstaats Uttar Pradesh gelegen, liegt zwar nur 50 Kilometer von der Hauptstadt Neu-Delhi, gilt aber ansonsten als weit entfernt von allem, was eine moderne Gesellschaft auszeichnet. Hindus und Muslime eint hier, so scheint es, ihr konservatives Weltbild. Es ist erst rund zehn Jahre Jahre her, dass in der selben Region ein Ehepaar öffentlich gehenkt wurde, weil es aus Liebe und gegen den Willen seiner Familien geheiratet hatte.
Stand: 14.07.2012 13:17 Uhr
