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Seit 62 Jahren ist Indien eine Republik, die Regierung feiert das mit einer gigantischen Militärparade. Dabei ist Indien ein Land der Gegensätze. Das glitzernde Bollywood strahlt in die Welt, zugleich hungern anderswo in Indien die Kinder. Was hält diese uneinige Nation zusammen?
Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi
[Bildunterschrift: Traditionelle Militärparade zum Republiktag in Neu-Delhi ]
Am 26. Januar 1950 verabschiedete die junge, unabhängige Nation Indien ihre Verfassung und verwandelte sich offiziell in eine Republik. Seither ist dieser Tag ein indischer Feiertag, der in der Hauptstadt Neu Delhi mit einer gigantischen Militärparade gefeiert wird. Aber diese Demonstration der nationalen Stärke kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Indien eine Republik mit vielen Ungleichheiten, Unterschieden, Mauern und Rissen ist. Was hält das Milliardenvolk als Nation zusammen?
Aruna Roy, eine Ikone unter Indiens sozialen Aktivisten, bringt es ein wenig sarkastisch und mit wenigen Sätzen auf den Punkt: "Indien ist ein Land der Unterschiede. Es ist sehr demokratisch und sehr undemokratisch. Indien war schon immer sehr komplex und widersprüchlich, und wir gehen diesen Weg fröhlich weiter."
Indien ist ein Land der Ungleichzeitigkeit, in dem Zukunft und Vergangenheit aufeinander prallen. Das Riesenreich ist ein aufstrebender Wirtschaftsgigant und ein Armenhaus. Die Atommacht Indien beansprucht selbstbewusst einen Sitz im Weltsicherheitsrat und leistet sich ein eigenes Raumfahrtprogramm, doch in keinem anderen Land der Welt leiden mehr Kinder unter Hunger. Indien ist die Glitzerwelt von Bollywood, die Software-Schmiede von Bangalore – und gleichzeitig ein Dorf mit Lehmhütten und Strohdächern, ohne Strom und fließendes Wasser, mit Holzpflügen und Ochsengespannen.
Politikwissenschaftler Sunil Khilnani hat einen Bestseller über die große Idee hinter dem Land der Widersprüche geschrieben. Indien sei eine unnatürliche Nation. Es gebe keinen offensichtlichen Grund, der die Nation zusammenhalte, erklärt Khilnani. "Es ist nicht die gemeinsame Kultur oder Sprache, es ist nicht die Volkszugehörigkeit. Keiner der vermeintlichen Identitäts-Pfeiler, der europäische Nationalstaaten stützt, gilt für Indien."
Das Riesenreich ist multiethnisch, multireligiös und multikulturell. Extreme Klassen- und Kastenschranken prägen die Gesellschaft. Bama Faustina ist eine tamilische Dalit – für viele Inder ist die Schriftstellerin damit bis heute eine Unberührbare. "Als einfache, tamil-sprechende Frau aus der Kaste der Dalits bin ich in Indien ein Nichts. Aber als tamil-sprechende Dalit-Schriftstellerin bin ich immerhin etwas", meint Faustina. Die indische Verfassung sage zwar, "dass alle Inder gleich sind und dass Indien säkular und demokratisch ist." Aber in der Realität existiere das Kastensystem weiter, weil die Menschen glaubten, dass es durch göttliche Gewalt erschaffen worden sei.
Die große Mehrheit der Dalits lebt trotz staatlicher Förderprogramme noch immer ganz unten - am äußersten Rand der Gesellschaft. "Und trotzdem sind wir stolz darauf, Inder zu sein. Das ist wohl eine indische Spezialität", sagt die Schriftstellerin. "Unsere Dalit-Kultur unterscheidet sich von der hinduistischen Kultur, es gibt viele hundert verschiedene Kulturen und Traditionen, Sprachen und Religionen. Aber wir gehören alle zu Indien, und das macht uns stark. Denn wenn du kein Heimatland hast, dann hast du gar nichts. Und das wäre die schlimmste Folter."
[Bildunterschrift: Ein Obdachloser wärmt sich in Allahabad. ]
Politikwissenschaftler Khilnani kommt zu einem ähnlichen Schluss. Was Indien zusammenhalte sei der Glaube an das gemeinsame Projekt, eine offene Gesellschaft aufbauen zu können. "Diesen Weg haben wir mit unserer Verfassung von 1950 beschritten. Wir haben dieses Ziel noch lange nicht erreicht. Aber es gibt immer noch genug Menschen, die an das politische Bekenntnis glauben, dass in einer offenen Gesellschaft ganz unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind. Und das verbindet uns als Nation."
Die entscheidende Frage dürfte sein, ob es der mit 62 Jahren immer noch jungen Republik gelingt, die wachsende Kluft zwischen arm und reich zu überbrücken. Keine andere Kluft sorgt im modernen Indien für mehr Gewalt. Rund 400 Millionen Menschen des Milliardenvolkes leben derzeit unterhalb der Armutsgrenze.
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