Indien plant Gesetz zur Ernährungssicherheit

Reis (Bildquelle: AP)

Indien plant Gesetz zur Ernährungssicherheit

Per Verordnung gegen den Hunger

Indien sieht sich selber auf dem Weg zur asiatischen Supermacht. Doch nach wie vor ist es das Land mit den meisten hungernden Kindern. Die Regierung plant ein milliardenschweres Wohlfahrtsprogramm - und erntet dafür viel Kritik.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Es geht um rund 18 Milliarden Euro. So viel will die indische Regierung in Zukunft pro Jahr ausgeben, um die Hungrigen mit Nahrung zu versorgen. Fast 800 Millionen Menschen sollen Hilfe erhalten - unter anderem fünf Kilogramm Reis und Getreide pro Monat zu stark verbilligten Preisen.

Rahul Gandhi, der Hoffnungsträger der regierenden Kongresspartei, hält das nationale Ernährungsgesetz für einen Meilenstein im Kampf gegen den Hunger: "Wir müssen an einem Indien arbeiten, dass keinen Mann und keine Frau ausschließt. Wenn wir die Armen nicht in unsere Arme schließen, werden wir alle leiden. In einer Demokratie haben die Armen und Schwachen ein Vetorecht. Wir haben die Pflicht, sie zu tragen."

Kinder in Indien (Bildquelle: AP)
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Fast jedes zweite Kleinkind in Indien gilt als chronisch unterernährt.

Eine hungernde Republik

Indien ist trotz seiner rasanten wirtschaftlichen Entwicklung eine hungernde Republik geblieben. Fast die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren gilt als chronisch unterernährt. Die Regierung hat das neue Ernährungsgesetz als Rechtsverordnung auf den Weg gebracht, denn im Parlament findet schon seit Monaten keine ernsthafte politische Diskussion mehr statt. Statt dessen gibt es Blockaden, Stillstand, Gezeter und abgebrochene Sitzungen.

Die größte Oppositionspartei, die hindu-nationalistische BJP, kommentiert die Rechtsverordnung mit Häme. Ihr starker Mann Narendra Modi ist sogar der Meinung, dass das Gesetz "Salz in die Wunden der Hungernden" streut: "Nationales Ernährungsgesetz, wenn ich das schon höre. Die Regierung tischt nur Gesetzestexte auf, aber keine Nahrung. Ich will dieser Regierung eine Frage stellen: Ihr seid seit 2004 an der Macht. Bald schreiben wir das Jahr 2014, in dem wieder gewählt wird. Wenn Ihr den Hungrigen so dringend helfen wollt, warum dann erst jetzt so kurz vor der Wahl? Waren die Menschen vor zehn Jahren nicht hungrig?"

Indien und der Kampf um das Gesetz für Ernährungssicherheit
S. Petersmann, ARD Neu Delhi
06.07.2013 12:34 Uhr

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Das Parlament wird sich dennoch mit der Rechtsverordnung auseinandersetzen müssen, um sie als nationales Gesetz endgültig in Kraft zu setzen. Wird die Opposition im Angesicht der bevorstehenden Wahl eine Ablehnung riskieren? Das geplante Gesetz für ein Recht auf Nahrung hat viele prominente Befürworter - wie den Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Armatya Sen. Er hält das nationale Ernährungsgesetz für einen sehr wichtigen Entwicklungsschritt.

Eine Einladung zur Korruption?

Auch Wirtschaftsexperte Surjit Bhalla glaubt, dass sich Indien auf Dauer nur nachhaltig entwickeln kann, wenn es seinen Hunger stillt. Doch Bhalla erinnert an die schon bestehenden staatlichen Hilfsprogramme. "Das System lädt zur Korruption ein. Es gibt Menschen, die massiv von der staatlichen Lebensmittelverteilung an Bedürftige profitieren - darunter politische Parteien, Mittelsmänner und einzelne Politiker. So funktioniert das aktuelle System, und so wird auch das neue Programm laufen."

Ware verschwindet - oder verrottet

Getreidesäcke stehen schutzlos unter freiem Himmel.
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Millionen Tonnen Getreide verrotten in Indien unter freiem Himmel.

Mehrere Studien belegen, dass in den staatlichen Lebensmittelläden, die schon heute stark subventionierte Grundnahrungsmittel abgeben, zwischen 30 und 60 Prozent der Ware verschwinden. Jetzt sollen die gleichen Läden noch mehr Lebensmittel an noch mehr Menschen verteilen. Das neue Gesetz lässt offen, nach welchen Kriterien die Bedürftigen ausgewählt werden sollen.

Es geht auch nicht darauf ein, wo das Getreide und der Reis für das größte nationale Ernährungsprogramm in der Geschichte des Landes gelagert werden sollen. In Indien verrotten jedes Jahr viele Millionen Tonnen Nahrungsmittel, weil es keine geeigneten Lagerstätten gibt.

Dieser Beitrag lief am 06. Juli 2013 um 12:21 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Stand: 06.07.2013 12:47 Uhr

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