Ein Mann schläft auf einer Marktstraße in Delhi | Bildquelle: REUTERS

Die Suche nach der Zeit in Indien Keine Hektik auf dem Uhren-Basar

Stand: 26.03.2016 18:44 Uhr


Während in Deutschland immer große Aufregung um die Zeitumstellung herrscht, ticken die Uhren in Indien anders: Zeit ist relativ, wer sich für eine Uhrzeit verabredet, meint es nicht wirklich so. Warum ist das so?
Eine Recherche auf dem Uhren-Basar von Delhi .

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu-Delhi

Zwei Kühe schieben sich gemächlich wiederkäuend durch die engen Gassen, alle anderen machen Platz. Selbst die Rikscha-Fahrer, die sonst heftig in die Pedale treten, weichen wie selbstverständlich aus. Die Zeit verstreicht. Es ist halb zwölf an einem ganz normalen Vormittag. Eigentlich sollten die Geschäfte auf dem Uhren-Basar in Old Delhi, dem alten Kern der indischen Hauptstadt, schon längst geöffnet sein.

"Wir haben einen sehr toleranten Zeitbegriff", sagt Schmuckverkäuferin Lakshmi Rastogi lakonisch. Heißt im Klartext: Ärgern lohnt sich nicht. Wenn alle immer zu spät kommen, macht es kaum Sinn, selber pünktlich zu sein. Aber ist Zeit nicht auch in Indien Geld?

Uhrenverkäufer Rajinder (Foto: Sandra Petersmann)
galerie

Uhrenmacher Rajinder Kumar: "Inder glauben nicht an das Konzept der Pünktlichkeit"

"Alle vier bis fünf Jahre gibt es einen großen Einschnitt"

Uhrenmacher Rajinder Kumar hat gerade erst das Rollgitter zu seinem kleinen Laden hochgeschoben. Sein Geschäft heißt "Rajinder Times", Rajinders Zeiten. Es liegt in einer der ältesten Uhrenmachergassen von Old Delhi. "Inder glauben nicht an das Konzept der Pünktlichkeit, also sind wir auch nicht pünktlich", erklärt Rajinder lachend. "Höchstwahrscheinlich unpünktlich!"

Und je länger er spricht, desto philosophischer wird er: "Die Zeit ändert sich für jeden Menschen, etwa alle vier bis fünf Jahre gibt es einen großen Einschnitt. Es heiratet jemand in der Familie, ein Kind wird geboren, es stirbt jemand“, sagt der grauhaarige Uhrenverkäufer mit Halbglatze, der längst auch chinesische Massenware im Angebot hat. "Die Zeit ist auch in Indien wichtig, auch hier kann man nicht nur faul sein", fügt er an. "Aber die Menschen hier sagen sich, dass sie ihre Aufgaben erledigen, wenn die Zeit reif dafür ist."

"Die Zeit ist nicht wichtiger als das Leben selber"

Rajinder Kumar begreift die Zeit wie viele Inder in einem größeren Rahmen. Es geht nicht um Sekunden, Minuten oder Stunden, sondern eher um den Fluss des Lebens. Die meisten Inder sind Hindus - und Hindus glauben an die Wiedergeburt. Das Leben ist also nicht endlich, sondern ein Kreislauf.

Uhrenverkäufer Niranjan (Foto: Sandra Petersmann)
galerie

Uhrenverkäufer Niranjan Shah: "Wir Inder denken eben, dass alles zu seiner eigenen Zeit passiert"

Relativiert das den Zeitbegriff? "Vielleicht", sagt Niranjan Shah und wackelt mit dem Kopf, wie es viele Inder tun, wenn sie diskutieren. Der große, schlanke Niranjan hat sich darauf spezialisiert, die Zeiger und Zifferblätter alter Uhren auszuwechseln. "Warum das mit der Zeit bei uns so ist, kann ich auch nicht abschließend erklären. Aber wir Inder denken eben, dass alles zu seiner eigenen Zeit passiert. Das ist tief in uns verankert und so denken wir von Kindheit an. Unsere Eltern erziehen uns nicht zur Pünktlichkeit - schon die Erziehung spiegelt unser Zeitgefühl wider."

In einem berühmten Bollywood-Song aus den 70er-Jahren singt der verliebte Hauptdarsteller: "Die Uhr tickt und tickt und tickt, die Momente bilden eine Kette aus gestern, heute und morgen. Immer weiter, und immer weiter." Niranjan, der weise Mann vom Uhrenbasar in Old Delhi, übersetzt das für sich so: "Die Zeit ist nicht wichtiger als das Leben selber."

Kuh in Indien (Foto: Sandra Petersmann)
galerie

Die Kühe liegen im Weg und kosten Zeit - aber das stört keinen

"Ihr Deutschen müsst lernen, loszulassen"

Er hat gehört, dass gerade die Deutschen durchs Leben rennen und besessen sind von Zeit und Pünktlichkeit. "Hier in Indien gehen die Menschen so mit der Zeit um, dass das Leben nicht in Stress ausartet. Stress macht dich krank. Ihr Deutschen müsst lernen, loszulassen. Vielleicht nicht ganz, aber ein bisschen loslassen."

Die Zeit loslassen. Vielleicht ist das tatsächlich ein guter Weg, um den wahren Wert der Zeit zu spüren. So wie die Kühe, die sich mitten im chaotischen Altstadtgewusel von Old Delhi für ein Mittagsschläfchen hingelegt haben. Sie liegen im Weg rum und kosten Zeit, aber keiner stört sich daran.

Indien und die Suche nach der Zeit
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
26.03.2016 17:38 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: