Frauen protestieren gegen Gewalt gegen Frauen in Indien

Indien: Gericht sieht öffentliche Ordnung bedroht Doku über Vergewaltigung verboten

Stand: 04.03.2015 13:30 Uhr

Ein Dokumentarfilm über eine tödliche Gruppenvergewaltigung in Neu Delhi darf ausgerechnet in Indien nicht gezeigt werden. Stein des Anstoßes ist ein Interview mit einem der Vergewaltiger. Die Filmemacherin prangert die Zensur an.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Südasien

Leslee Udwin
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Die Filmemacherin Leslee Udwin will, dass ihre Dokumentation auch in Indien gezeigt wird.

Die britische Dokumentarfilmerin Leslee Udwin spricht aus persönlicher Erfahrung. Udwin hat eine Vergewaltigung überlebt. Sie kann nicht nachvollziehen, dass ihre Dokumentation über die tödliche Gruppenvergewaltigung einer jungen Studentin in einem fahrenden Bus in Neu Delhi vor Gericht gelandet ist. Udwin hat zwei Jahre an ihrem Film gearbeitet, der am 8. März Premiere hat - also am Weltfrauentag. "Ich bin für diesen Film nach Indien gekommen, weil ich die Menschen respektiere und bewundere, die damals massenhaft auf der Straße gegen die Vergewaltigung demonstriert haben. Diese Demonstranten waren ein Vorbild für die ganze Welt", erzählt Udwin.

Die indischen Behörden erwirkten die einstweilige Verfügung gegen den Film mit der Begründung, dass die in der Dokumentation gezeigten Interviews mit verurteilten Vergewaltigern für gesellschaftlichen Aufruhr und für Spannungen sorgen könnten. Innenministerium und Polizei sind nach eigenen Angaben um die öffentliche Ordnung besorgt.

Udwin hält dagegen. Es gehe um Aufklärung. Sie habe die Täter-Interviews im Gefängnis vorschriftsmäßig beantragt und bewilligt bekommen. "Meine Filmarbeit war eine Entdeckungsreise", sagt sie. "Mein Fazit ist, dass nicht die Vergewaltiger die Kranken sind, sondern die Gesellschaft ist die Krankheit. Wir sind als Gesellschaft verantwortlich, weil wir Männer ermutigen, Frauen als wertlos anzusehen."

Ein unbehagliches Interview

Für besonderes Unbehagen in Indien sorgt Udwins Interview mit Mukesh Singh. Der bald 30-Jährige war einer der sechs Männer, die im Dezember 2012 ein junges Paar an Bord eines gestohlenen Busses gelockt hatten. Die Gruppe schlug den Mann zusammen und vergewaltigte die Frau mit äußerster Brutalität. Die 23-jährige Physiotherapiestudentin erlag knapp zwei Wochen nach der Tat ihren schweren inneren Verletzungen.

Der zum Tode verurteilte Singh sagt im Filminterview, dass das Opfer noch leben könnte, wenn es sich damals nicht gewehrt hätte. Frauen sollten sich nicht gegen Vergewaltigungen wehren und seien ohnehin mehr für eine Vergewaltigung verantwortlich als Männer. Ein anständiges Mädchen wäre zum Tatzeitpunkt zu Hause und nicht am späten Abend in anzüglicher Kleidung auf der Straße gewesen. Udwin sprach mehrmals mit Singh - insgesamt 16 Stunden lang. Er zeigte laut ihren Angaben keine Reue für seine Tat, sondern Verachtung für selbstbewusste Frauen.

Udwin sprach auch mit anderen Vergewaltigern. Sie begründet: "Warum ich Vergewaltiger interviewt habe? Weil ich ohne diese Interviews keine zufriedenstellende Antwort auf meine Kernfrage bekommen hätte: 'Warum vergewaltigen Männer?' Für die Antwort braucht man die Quelle. Ich musste es von ihnen selber hören. Ich musste sie fragen, welche Frauen in ihrem Leben wichtig sind. Was sie über Frauen denken. Wann eine Frau eine schlechte Frau ist. Wie sich eine gute Frau verhalten sollte. Ich wollte die Mentalität verstehen, die hinter ihrem Gedankengut steht. Ohne diese Interviews wäre meine Dokumentation nur oberflächlich."

Demonstranten vor dem Präsidentenpalast in Neu-Delhi im Dezember 2012
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Menschen demonstrieren vor dem Präsidentenpalast in Neu-Delhi im Dezember 2012 für einen besseren Schutz von Frauen.

Eltern der Ermordeten unterstützen den Film

Indiens Innenminister Rajnath Singh lässt prüfen, warum die Interviews mit den verurteilten Vergewaltigern erlaubt wurden. Auch die Medien und die sozialen Netzwerke diskutieren die Frage, ob es richtig ist, Vergewaltigern eine derartige Bühne zu geben.

Die Eltern der ermordeten jungen Frau unterstützen die Dokumentation. Sie wollen, dass ihre Tochter nicht vergessen wird und dass sie nicht umsonst gestorben ist. Mukesh Singhs kaum erträgliche Aussagen sind kein Einzelfall. Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen sind in Indien weit verbreitet. Die breite Gesellschaft hat gerade erst damit begonnen, die Gleichberechtigung der Frau offener zu diskutieren.   

Dieser Beitrag lief am 4. März 2015 um 12:11 Uhr auf Inforadio.

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