Indien zwischen boomender Wirtschaft und großen Problemen

Indien feiert Unabhängigkeitstag

Schattenseiten des indischen Booms

Am Unabhängigkeitstag feiert Indien sich selbst - stolz blickt das Land auf die wachsende Wirtschaft und boomende Städte. Gleichzeitig kämpft das Land mit Problemen wie Korruption und Separatismus. Droht das Land an sich selbst zu scheitern?

Von Anwar Ashraf, Deutsche Welle

Der Anschlag im vergangenen Mai traf Indien bis ins Mark: Etliche hochrangige Regionalpolitiker der regierenden Kongresspartei waren im Bundesstaat Chhattisgarh auf dem Heimweg von einer Wahlkampfveranstaltung, als sie von maoistischen Rebellen angegriffen wurden. Obwohl ihr Konvoi unter Polizeischutz stand, starben 27 Politiker im Kugelhagel. Viele wurden schwer verletzt. Die Tat erinnerte an das Massaker von 2010 im selben Bundesstaat, als Maoisten mehr als 70 Polizisten in einer akribisch geplanten Kommandoaktion getötet hatten.

Angeblich 20.000 bewaffnete Kämpfer

Sicherheitskräfte untersuchen den Tatort eines Anschlages auf eine Eisenbahnstrecke im Bundesstaat Bihar. (Bildquelle: AFP)
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Auch in Bihar werden Maoisten für Anschläge verantwortlich gemacht - wie für diesen auf eine Eisenbahnstrecke. (Archiv)

Der indische Premierminister Manmohan Singh sieht in den maoistischen Rebellen die größte Gefahr für die innere Sicherheit seines Landes. In neun Bundesstaaten kämpfen sie - besonders die östlichen Bundesstaaten Jharkhand und West Bengalen, sowie in Chhattisgarh in Zentralindien, aber auch in Andhra Pradesh weiter südlich. Nach Angaben der Regierung zählen die Maoisten 20.000 bewaffnete Kämpfer und etwa 50.000 gewaltbereite Kader. Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen gehen davon aus, dass durch maoistische Terroranschläge bereits 10.000 Menschen getötet wurden.

Die Rebellen behaupten, seit 40 Jahren für mehr Gerechtigkeit für Arme und Entrechtete zu kämpfen, vor allem für die im indischen Kastensystem ganz unten stehenden sogenannten Unberührbaren und für die Ureinwohner Indiens. Besonders aktiv sind die Maoisten in den wenig entwickelten Regionen, die bisher kaum vom Wirtschaftsboom profitierten. Dort genießen sie in der Bevölkerung große Sympathien.

Frust über entfremdete Politik

Doch nicht nur in den ländlichen Regionen kämpft das Land mit großen Problemen. Teile der Bevölkerung fühlen sich vom politischen System abgekoppelt, die Politikverdrossenheit wächst. "Viele Entscheidungen, die auf höchster Ebene getroffen werden, machen für die Menschen keinen Sinn", sagte der renommierte Soziologe Yogendra Yadav aus Neu Delhi der Deutschen Welle. Die Menschen hätten das Gefühl, dass die Entscheidungen, die irgendwo in einer Großstadt getroffen werden, mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts zu tun hätten. "Sie denken, dass niemand ihr tatsächliches Leid versteht." Die funkelnden Megastädte Indiens lenken davon ab, dass zwei Drittel der insgesamt 1,2 Milliarden Inder auf dem Land leben.

Indische Schulkinder schwenken anlässlich des Unabhängigkeitstages Fahnen bei einer Feier in Bangalore. (Bildquelle: dpa)
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Am Unabhängigkeitstag werden Probleme durch die Feiern überdeckt - Schulkinder bei einer Feier in Bangalore.

Minister in Korruption verwickelt

Korruption und Bürokratie gelten als weitere Übel, die den Glauben der Menschen an die Demokratie in Indien erschüttern. Schon in den 1980er-Jahren hatte der damalige Premierminister Rajiv Gandhi gesagt, dass von einer Rupie, die die Regierung für die Entwicklung ausgibt, auf dem Land tatsächlich nur zehn Prozent ankommen. In die letzten großen Korruptionsskandale rund um die Commonwealth Games 2010, um die Vergabe von Mobilfunklizenzen oder Kohleminen waren sogar Minister verwickelt.

"Das Problem ist, dass die Korruption fest in den Köpfen der Menschen verankert ist. Sie glauben, dass sich ohne Geld zu bezahlen, nichts bewegt, dass sie nichts erreichen können", sagte der ehemalige Staatssekretär im Innenministerium, Madhukar Gupta, der Deutschen Welle. Weil die Korruption so allgegenwärtig ist, unterstützten die Menschen auch so zahlreich den Bürgerrechtler Anna Hazare. Er hatte 2011 mit Massendemonstrationen von der Regierung mehr Transparenz gefordert.

Das System muss sich verändern

Indische Grenztruppen während einer Zeremonie in Srinagar (Bildquelle: AFP)
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Wie soll Indien reformiert werden? Welche Rolle soll die Armee dann spielen?

Doch der Weg zu mehr Transparenz ist nach Ansicht des Soziologen Yadav noch weit. Er will eine Reform, die aus dem politischen System selbst kommt. "Um eine alternative Politik einzuführen, um die Regeln des politischen Prozesses zu ändern, muss man dieses Spiel zunächst mitspielen und Wahlen gewinnen", betont Yadav.

Der ehemalige Politiker Gupta schlägt einen anderen Weg vor: Er will die Lebenssituationen verbessern und so das politische System von unten her stärken. Wichtig sei vor allem, dass immer mehr Menschen Bildung erhielten und der technische Fortschritt auch in den entlegensten Dörfern einziehe, dort, wo es teilweise noch immer keinen Strom oder fließendes Wasser gibt. "Dieser Wandel wird zu mehr Transparenz führen, zu einer schnelleren Reaktion des Systems."

Stand: 15.08.2013 11:48 Uhr

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