Indien: Debatte über Gewalt gegen Frauen

Nach dem Tod des Vergewaltigungsopfers

Trauer, Wut und Angst in Indien

"Braveheart" nennen die indischen Medien das verstorbene Opfer der Gruppenvergewaltigung. Den echten Namen der Studentin halten sie zurück - ein Zeichen von Respekt. Das Land hat mit einer schmerzhaften Debatte über Gewalt gegen Frauen begonnen. Doch der Weg ist noch weit.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi

"Wir werden für Gerechtigkeit sorgen, damit ihr Kampf nicht umsonst war", verspricht Indiens mächtigste Frau Sonia Gandhi, die Vorsitzende der regierenden Kongresspartei. Ein Nachrichtensender hat aus dem Versprechen einen Spot gebastelt, der in der Endlosschleife läuft. Sonia Gandhis Schwur wirkt hilfslos im Angesicht anhaltender Mahnwachen und Demonstrationen.

Der Protest ist friedlich. Wie lange er noch anhält, ist schwer zu sagen. Auch in der vergangenen Nacht haben in der Hauptstadt Neu Delhi und in anderen Landesteilen wieder viele Kerzen gebrannt. Eine Mutter ist mit ihren beiden Töchtern gekommen: "Diese Tragödie macht mich hilflos", sagt sie. "Ich schäme mich, dass so etwas in unserem Land und in unserer Hauptstadt passiert. Und wir können nichts tun. Ich bin hier, weil ich unendlich traurig bin."

Proteste in Indien (Bildquelle: AFP)
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Mit Mahnwachen erinnern die Menschen weiter an die junge Frau.

Proteste in Indien (Bildquelle: dapd)
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Auf ein "sicheres" Jahr 2013 hoffen diese indischen Frauen.

"Jetzt weiß ich, wie hilflos ich bin"

Eine Studentin, die noch nicht so lange in Delhi wohnt, spricht von Angst und Ohnmacht: "Am Anfang dachte ich, dass ich es mit dieser Stadt aufnehmen könnte. Aber jetzt weiß ich, wie hilflos ich bin. Ich vertraue der Gemeinschaft nicht, in der ich lebe. Der soziale Zusammenhalt ist irreparabel zerrissen. Niemand würde anhalten, wenn ich um Hilfe schreie."

Das zu Tode malträtierte Vergewaltigungsopfer, dessen Schicksal die nationale Protestwelle ausgelöst hat, ist eingeäschert. Ihr Name ist auch nach zwei Wochen weiter geheim. Die ansonsten wenig zimperlichen indischen Medien halten ihn zurück. Die meisten nennen die verstorbene 23-jährige "Braveheart" - "Löwenherz".

Indien nach "Braveheart" - Trauer, Wut und Angst
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
31.12.2012 09:51 Uhr

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Über ihr viel zu kurzes Leben dringen immer mehr Einzelheiten an die Öffentlichkeit: "Braveheart" stammt aus einer einfachen Familie, ihr Vater verlädt Gepäck am Flughafen. Sie hat zwei jüngere Brüder. Die Familie teilt sich eine Einzimmerwohnung im Süden Delhis. Die Eltern verkauften Besitz, um der einzigen Tochter das Medizin-Studium am College zu finanzieren. Nach Angaben von Nachbarn war Braveheart eine leidenschaftliche Studentin.

Eine Freundin erzählt, dass die Verstorbene bald heiraten wollte - ihren Freund, der die Gruppenvergewaltigung am 16. Dezember im fahrenden Bus mit ansehen musste. Auch auf ihn haben die sechs Männer mit Eisenstangen eingeschlagen. Auch er wurde aus dem fahrenden Bus geworfen.

Proteste in Indien (Bildquelle: AFP)
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"Hang Rapists" steht auf diesem Transparent. Viele Inder fordern nun die Todesstrafe für Vergewaltiger.

"Sind wir bereit zu sagen: Frauen sind keine Objekte?"

Die indischen Medien berichten in einer noch nie dagewesenen Offenheit über immer neue Vergewaltigungen. Es ist wie ein Rütteln am Tabu. Das riesige Schwellenland hat mit einer schmerzhaften Debatte begonnen, doch der Weg ist noch weit, betont eine Aktivistin: "Sie reden über mehr Polizei auf den Straßen, über schärfere Gesetze und härtere Strafen. Zur Abschreckung. Aber das ändert nichts am Grundproblem: Sind wir bereit, unsere Geisteshaltung zu ändern? Sind wir bereit zu sagen: Frauen sind keine Objekte?"

Gewalt gegen Frauen ist tief in der indischen Gesellschaft verwurzelt, quer durch alle Klassen und Kasten und Religionsgemeinschaften. Viele Männer glauben, das Recht zu haben, über die weibliche Sexualität zu bestimmen. Viele Frauen glauben, dass sie nicht das Recht haben, sich zu wehren. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich zum Schicksal der vergewaltigten und ermordeten Studentin geäußert und Indien dazu aufgerufen, mehr für den Schutz seiner Frauen zu tun. Gewalt gegen Frauen sei unentschuldbar, so Ban. Jede Frau habe das Recht auf Respekt und Würde.  

Dieser Beitrag lief am 31. Dezember 2012 um 06:33 Uhr bei Deutschlandradio Kultur.

Stand: 31.12.2012 10:36 Uhr

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