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Flucht vor 70 Jahren "Sie haben ihnen die Kehlen aufgeschlitzt"

Stand: 15.08.2017 17:22 Uhr

Für Millionen Menschen begann vor genau 70 Jahren eine gefährliche Flucht: Als die Kolonie Britisch-Indien in Pakistan und Indien zerfiel. Auch Gurbhajan Kaur und Waryam Singh - damals Kinder - erinnern sich an Chaos, Gewalt und viele Tote.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

Im Sommer 1947 war Gurbhajan Kaur neun Jahre alt: "In dieser Nacht heulten auf einmal die Sirenen. Leute haben gerufen: Ihr müsst weg, ihr müsst weg!" Ihr Vater ist daraufhin zu den Ställen gegangen, um die Tiere zu holen. "Dort haben sie ihn umgebracht. Seine Leiche haben sie einfach in den Fluss geworfen", erinnert sie sich.

Gurbhajan Kaur | Bildquelle: Silke Dittrich
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"Unsere eigenen männlichen Verwandten hätten uns umgebracht, wenn uns die Muslime zu nahe gekommen wären", erzählt Gurbhajan Kaur.

So wie Gurbhajans Familie entschlossen sich Millionen Menschen nach der Bekanntgabe der neuen Grenzen innerhalb weniger Stunden zu fliehen. Gurbhajan gehört zur Religionsgruppe der Sikhs und lebte in dem Teil des Punjab, der Pakistan zugesprochen wurde, also dort, wo Muslime leben sollten.

Väter warfen ihre Töchter in Brunnen

Bis heute könne sie sich vor allem noch an eines erinnern: Die nackte Angst, die sie die gesamte Flucht über begleitet hat. "Vor allem wir Mädchen haben uns sehr gefürchtet. Die Männer in unserem Treck hatten Dolche unter dem Tierfutter versteckt." Die Waffen dienten nicht nur dazu, sich gegen Muslime zu verteidigen. "Wenn unsere Männer Gefahr gewittert hätten, hätten sie uns Mädchen mit den Dolchen umgebracht."

Anderswo warfen Väter ihre eigenen Töchter in Brunnen. Keine Frau sollte den Feinden in die Hände gelangen. Dennoch wurden viele entführt oder vergewaltigt, Musliminnen von Hindus und Hindufrauen von Muslimen.

"Hunde, die tote Menschen gegessen haben"

Waryam Singh sitzt auf einer Pritsche vor seinem Bauernhof. Um seinen Kopf hat er einen karierten Turban gebunden. Auch Singh ist ein Sikh und musste ins heutige Indien fliehen. Er ist 82 Jahre alt. Grauer, langer Bart, tiefe Falten auf der Stirn. Aber seine Erinnerungen an die Flucht sind noch jung geblieben: "Viele Menschen sind vor meinen Augen umgebracht worden. Sie haben den Menschen ihre die Kehlen aufgeschlitzt. Ich habe alle die Leichen auf den Straßen liegen sehen. Ich habe Hunde gesehen, die tote Menschen gegessen haben."

Sardar Singh | Bildquelle: Silke Dittrich
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Sardar Singh erinnert sich an Hunde, die Leichen gefressen haben.

"Unsere eigenen Leute haben uns als Flüchtlinge gesehen"

Der berühmt gewordene, friedliche Freiheitskampf Mahatma Gandhis endete in Chaos und Gewalt. Mehr als eine Million Menschen starben. Bis zu 20 Millionen verließen ihre Häuser. Waryam Singh hatte noch entfernte Verwandte auf der indischen Seite. Seine Familie war sich sicher, dass sie nun, unter ihresgleichen, also unter Hindus und Sikhs, mit offenen Armen empfangen würden: "Aber stattdessen haben sie uns als Flüchtlinge angesehen, unsere eigenen Leute! Sie haben uns gefragt, warum wir hier hergekommen sind. Sie haben uns sehr verletzt."

"Wir waren vor allem Kinder"

Arbeiterinnen im Feld | Bildquelle: Silke Dittrich
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Tagelang sind Menschenkollonnen vor 70 Jahren durch diese Reisfelder gestapft.

Singh gehört mit zu den letzten Menschen in Indien, die sich noch an die Zeiten erinnern können, bevor der Hass tiefe Gräben zwischen Muslime und Hindus geschlagen hat.

"In meinem Dorf haben wir früher alle friedlich zusammengelebt", sagt Singh. "Wir Kinder sind gemeinsam durch die schmalen Gassen gelaufen, wir sind zusammen zur Schule gegangen, wir haben miteinander gegessen. Wir waren Muslime und Sikhs und Hindus. Aber wir waren vor allem Kinder."

Diese Erinnerungen werden mit dieser letzten Generation in Indien und Pakistan wohl nun begraben.

Teilung Indiens 1947 - Flucht von Pakistan nach Indien
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
15.08.2017 16:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. August 2017 um 12:00 Uhr.

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