Studenten betrachten die Ausstellung im Partition Museum | Bildquelle: AFP

Indien und Pakistan Geschichten von Angst und Ausgrenzung

Stand: 14.08.2017 02:28 Uhr

Anam Zakaria und Mallika Ahluwalia versuchen, gegen Vorurteile anzukämpfen - in Indien und in Pakistan. Ihre erschreckende Feststellung: Bei Jüngeren ist der Hass auf das andere Land oft noch stärker als bei Zeitzeugen der Teilung.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu Delhi

"Ich war einmal mit Kindern aus Pakistan in einer Schule in Neu-Delhi in Indien", erzählt Anam Zakaria. "Die Lehrerin dort wollte ihnen Girlanden umhängen und einen roten Punkt auf die Stirn malen, ein Tika. Das ist ein hinduistisches Symbol. Da fingen die Kinder an zu weinen und fragten, ob sie dadurch jetzt zu Hindus würden. Bei einem Besuch in Mumbai in Indien fragte mich in einer Schule ein sechs Jahre altes Kind: Wo kommst Du her? Als ich Pakistan sagte, rannte es weg."

"Die Menschen saugen die staatliche Geschichtsversion auf"

Zakaria könnte noch viele Geschichten von Vorurteilen, Hass und Abgrenzung erzählen. Die 28-Jährige hat Austauschprojekte zwischen indischen und pakistanischen Schulen geleitet, sie hat Hunderte Zeitzeugen aus der Zeit der indischen Teilung getroffen und ein Buch darüber geschrieben. Sie will, dass Pakistan damit beginnt, die eigene Geschichte aufzuarbeiten.

"Die Menschen saugen die staatliche Version der Geschichte auf", sagt sie. "Selbst Zeitzeugen filtern das, was sie uns von damals erzählen. Sie passen es der staatlichen Version an, nach der vor allem Hindus und Sikhs die Mörder waren. Auch meine eigene Großmutter hat mir immer nur von den Gräueltaten der anderen erzählt: Von den Zügen, die aus Indien kamen, voll beladen mit den Leichen ermordeter Muslime. Später fand ich zufällig heraus, dass damals ihre eigene Schwester von einer indischen Familie gerettet wurde. Es waren Sikhs."

Mallika Ahluwalia überwacht die letzten Arbeiten im "Partition Museum" von Amritsar. Hier zeigt die 34-Jährige unzählige Dokumente, Wertgegenstände, die Flüchtlinge damals dabei hatten und ihr zur Verfügung gestellt haben, es gibt ein Mahnmal - einen Brunnen. Verzweifelte Väter haben 1947 Töchter in Brunnen geworfen, damit sie nicht dem Mob in die Hände fallen.

Die Leiterin des Partition Museums, Mallika Ahluwalia | Bildquelle: AFP
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Die Menschen hätten Erinnerung verdient, sagt Museumsleiterin Mallika Ahluwalia.

"Die Menschen haben Erinnerung verdient"

Ahluwalia will in dieser Woche öffnen. Ihr Projekt ist bisher in Indien einzigartig. "Jedes andere Land erinnert an die Geschichte. Holocaust, Apartheid, sogar die Anschläge vom 11. September, daran wird bereits jetzt schon erinnert. Die Teilung Indiens hat einen ganzen Subkontinent und das Leben so vieler Menschen geprägt. Und trotzdem hat noch niemand daran erinnert. Aber die Menschen, die damals das Trauma erleiden mussten, haben Erinnerung verdient."

In Pakistan musste Anam Zakaria bei ihren Recherchen feststellen, wie sehr sie selbst mit Vorurteilen gegen Indien aufgewachsen war. "Bei uns begann die Geschichte immer erst mit der Geburt des Staates Pakistan", erzählt sie. Die Teilung Indiens definiere alles, weil sie zur Geburt Pakistans geführt habe. Und Pakistaner definierten sich meist durch Abgrenzung von Indern.

"Die Geschichte nie aufgearbeitet"

"Als mir Zeitzeugen erzählten, dass sie ihre alte Heimat in Indien gerne wieder sehen oder dass sie Freunde und Nachbarn von damals vermissen würden, konnte ich das erst gar nicht verstehen", sagt Autorin Zakaria. "Ich glaube, der Grund für die anhaltende Feindschaft zwischen unseren Ländern liegt darin, dass wir die Geschichte nie aufgearbeitet haben."

Die jüngere Generation ist oft noch radikaler

Anam Zakarias Buch über die Teilung verkauft sich auch in Indien gut. Mallika Ahluwalias Museumsprojekt hat sich auch in Pakistan herum gesprochen. Aber die Feindschaft zwischen beiden Staaten ist trotzdem lebendiger denn je, das weiß auch Anam Zakaria.

Die junge Generation sei häufig radikaler in ihrer Feindschaft gegen Indien als diejenigen, die die Teilung 1947 erlebt haben: "Vor ein paar Jahren zum Beispiel wollte eine Frau ihr Kind nicht zu unserem Schüleraustausch nach Indien schicken. Sie hatte Angst, denn ihr Vater war 1947 aus Indien geflohen. Seine halbe Familie wurde damals umgebracht. Die Frau befürchtete, dass ihr Kind dort getötet werden könnte. Später rief sie aber an und gab doch grünes Licht. Ihr Vater hatte ihr gesagt: Lass das Kind fahren. Es ist mein Heimatdorf. Ihm wird dort nichts passieren. Das fand ich sehr bezeichnend."

Studenten betrachten die Ausstellung im Partition Museum | Bildquelle: AFP
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Studenten betrachten die Ausstellung im Partition Museum. Hier wird gegen Vorurteile angekämpft. Anderswo sind Indien und Pakistan davon weit entfernt.

"Wenn wir jetzt nicht zuhören, verschwinden die Geschichten"

Können ein Museum, Austauschprojekte und ein Bestseller zumindest ein wenig dazu beitragen, Inder und Pakistaner näher zu bringen? Anam Zakaria ist da sehr skeptisch. "Es ist eigentlich frustrierend", sagt sie. "Unsere Möglichkeiten sind so begrenzt. Ich kann mit 5000 Schülerinnen und Schülern arbeiten und sie beeinflussen. Das ist schon eine beeindruckende Zahl. Aber gleichzeitig sind da Millionen anderer Kinder, die auf Regierungsschulen gehen und diese offiziellen Schulbücher vor sich haben. Wenn man mit diesen Kindern über Indien oder über religiöse Minderheiten hier in Pakistan spricht, dann macht mir das große Angst."

Auf der indischen Seite will Mallika Ahluwalia so viel wie möglich von der Teilungsgeschichte retten - aus denselben Gründen wie Anam Zakaria. Ahluwalia sagt, sie hätte sich Zeit nehmen können für ihr Projekt. Aber ihr war es wichtig, das Museum in Amritsar jetzt zu eröffnen: "Jetzt wollen die Menschen reden, jetzt haben sie genug Abstand, man merkt es richtig, dass sie reden wollen, dass sie diese Last der Erinnerung los werden wollen. Wenn wir ihnen jetzt nicht zuhören, werden ihre Geschichten verschwunden sein."

Indiens Teilung 1947: Wie zwei Frauen um Aufarbeitung kämpfen
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
14.08.2017 00:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. August 2017 um 10:50 Uhr.

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