Kommentar

Proteste gegen Vergewaltigung Sexuelle Belästigung darf kein gottgegebenes Recht sein

Stand: 29.12.2012 15:10 Uhr

Sechs Männer haben sich in einem fahrenden Bus in Bestien verwandelt. Ihr Opfer hat das Verbrechen nicht überlebt. Die unglaubliche Brutalität hat die indische Gesellschaft aufgewühlt und eine nationale Protestwelle ausgelöst.

Auch jetzt, nach dem Tod der 23-jährigen Studentin, ist vor allem die junge urbane Mittelschicht auf der Straße. Viele fordern die Todesstrafe für die sechs inhaftierten Vergewaltiger, von denen einer minderjährig ist. Viele fordern den Staat auf, endlich zu handeln und Frauen besser zu schützen. Gerade Indiens städtische Mittelschicht hält den Staat für ideenlos, tatenlos und zutiefst korrupt - und für einen Selbstbedienungsladen der Mächtigen.

Jetzt ist gemeinsames Handeln gefragt

Und die Regierung? Verspricht wieder und wieder, schnell zu handeln. Regt eine öffentliche Datenbank für Sexualstraftäter an. Richtet zwei Untersuchungskommissionen ein. Tritt vor die Fernsehkameras und sagt den Demonstranten, dass sie gehört werden. Appelliert an die Menschen, die Ruhe zu bewahren und friedlich zu demonstrieren. Lässt das Regierungsviertel absperren.

Da läuft vieles getrennt und fast nichts gemeinsam zwischen den Regierenden und den Regierten. Dabei wäre gemeinsames Handeln so dringend nötig, denn Gewalt gegen Frauen ist in Indien ein alltägliches gesellschaftliches Phänomen. In der Mega-Metropole Neu-Delhi wird alle 18 Stunden eine Vergewaltigung gemeldet. Dabei trauen sich nur die wenigsten Opfer zur Polizei - aus Angst, aus Scham und aus mangelndem Vertrauen. Drei von vier Sextäter bleiben straffrei.

Es läuft nicht rund zwischen dem Staat und seinen Bürgern

Die Regierung unter Führung der Kongress-Partei muss den einmaligen, nationalen Aufschrei nach der tödlichen  Gruppenvergewaltigung nutzen, um eine dringend nötige, öffentliche Debatte anzustoßen. Und sie muss sich an die Spitze dieser Debatte stellen. Noch hat sie es nicht getan. Und die Bürger müssen aufhören, immer nur nach dem Staat zu schreien, denn der Staat alleine kann die Rolle der Frau in der angeblich größten Demokratie der Welt nicht verändern.

Indiens Frauen brauchen Rückendeckung und Gleichheit. Im nationalen Parlament. In den Parlamenten der Bundesstaaten. In den Distrikt- und Dorfräten. In den Universitäten und Schulen. In den Familien. Zu Hause.

Wenn ein Junge geboren wird, darf er nicht länger in dem Glauben aufwachsen, das bessere Geschlecht zu sein. Und Mädchen dürfen nicht länger in dem Glauben erzogen werden, eine Last zu sein, weil die Familie aus traditionellen Gründen eine teure Mitgift erwirtschaften muss. Mädchen dürfen nicht länger eingeimpft bekommen, dass Männer über ihr Schicksal entscheiden. Mädchen dürfen nicht länger als unerwünschtes Geschlecht gezielt abgetrieben werden. Auf dem Land dürfen Frauen nach dem Tod ihres Mannes nicht ungestraft aus ihrem Haus verjagt werden.

Sexuelle Belästigung darf nicht länger als quasi gottgegebenes männliches Recht gelten. Das sind die Themen, über die Indien diskutieren muss. Dauerhaft! Und nicht nur ein paar Tage oder Wochen lang. Dann wäre der Tod der 23-jährigen Studentin, die so gerne Rettungssanitäterin geworden wäre, vielleicht ein bisschen weniger sinnlos.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Dezember 2012 um 15:00 Uhr.

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